Archivmeldung der Rathauskorrespondenz vom 01.12.2016:
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Mailath/Margulies/Rathkolb/Bluma präsentieren Zusatztafel für historisch belastete Straßennamen

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Erste Tranche von Zusatztafeln in den Bezirken 1, 3, 10, 14, 21 und 23


2013 präsentierte die von der Stadt Wien beauftragte Historikerkommission unter der Leitung des Zeithistorikers Oliver Rathkolb ihre kritische Untersuchung von 4.300 personenbezogenen Wiener Straßennamen – ein für eine europäische Metropole bislang einmaliges Projekt. Das Ergebnis dieses Berichts: Die Historikerkommission stufte an die 170 Straßennamen als problematisch ein, 28 davon als Fälle mit intensivem Diskussionsbedarf. Für diese hat die Stadt Wien es übernommen, zentral Textvorschläge für Zusatztafeln erarbeiten zu lassen, die einerseits historisch korrekt, aber auch einheitlich und verständlich sind. Die erste Tranche von Zusatztafeln wird nun in den betroffenen Bezirken 1, 3, 10, 14, 21 und 23 angebracht.

„Zusatztafeln sind eine wirksame Möglichkeit, mit problematischen Straßenbenennungen umzugehen. Damit kann der Namensgeber einer Straße in seiner Ambivalenz dargestellt werden“, betont Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. „Mit wichtigen biographischen Informationen versehen rücken sie die Person ins richtige Licht und leisten so auch einen gesellschaftspolitischen Diskussionsbeitrag“.

„Manche Wiener Straßen tragen seit Jahrzehnten die Namen von Personen, nach denen man aus heutiger Sicht keine Straße mehr benennen würde. Zusatztafeln stellen bei historisch belasteten Straßennamen einen Kontext her und sind damit ein kleiner, aber wesentlicher Bestandteil lebendiger Zeitgeschichte. Die heute präsentierten Zusatztafeln verdeutlichen den verharmlosenden Umgang mit den Verbrechen des Nationalsozialismus, der insbesondere in den Nachkriegsjahrzehnten gepflegt wurde“, so der Kultursprecher der Grünen Wien, Martin Margulies.

„Ein (selbst)kritischer Blick in die ‚Denkmäler‘ der Vergangenheit wie Straßennamen hilft, die Demokratie in Bewegung zu halten. Historisches Orientierungswissen ist auch die Basis für eine innovative Auseinandersetzung mit den Problemen der Zukunft“, so Historiker Oliver Rathkolb.

Texte der Zusatztafeln

  • 1., Wiesingerstraße
    Dr. Albert Wiesinger (1830-1896) Seelsorger, Chefredakteur der "Wiener Kirchenzeitung" und Pionier des katholischen Journalismus. Jedoch bahnten Wiesingers scharfe antijüdische Polemiken dem Rassenantisemitismus den Weg. Er distanzierte sich allerdings später davon.
  • 1., Dr.-Karl-Lueger-Platz
    14., Dr.-Karl-Lueger-Brücke
    Dr. Karl Lueger (1844-1910)
    Gründer der Christlich-Sozialen Partei. 1897-1910 Bürgermeister. Mitgestalter Wiens zu einer modernen Großstadt. Kritisch bewertet werden muß sein populistischer Antisemitismus, der ein politisches Klima förderte, welches die Verbreitung des Nationalsozialismus begünstigte.
  • 3., Stelzhamergasse
    Franz Stelzhamer (1802 - 1874) Mundartdichter, Lyriker und Autor von Novellen. Verfasser der oberösterreichischen Landeshymne. Viele seiner Texte sind geprägt von antisemitischen Stereotypen.
  • 10., Dr.-Eberle-Gasse
    Dr. Konrad Eberle (1903 - 1961)
    Präsident der Österreichischen Ärztekammer, Mitbegründer der „Vereinigung Österreichischer Ärzte“ und Wiener Gemeinderat. Er denunzierte mehrfach mit antisemitischen Argumenten einen Berufskollegen.
  • 10., Weldengasse
    Franz Ludwig von Welden (1780 - 1853)
    Offizier, Militärschriftsteller und Direktor des Topographischen Büros. 1848-1851 Gouverneur im nachrevolutionären Wien. Maßgeblich verantwortlich für die rigorose Verfolgung von Oppositionellen.
  • 14. Müller-Guttenbrunn-Strasse
    Dr. Adam Müller-Guttenbrunn (1852-1923)
    Dramatiker, Romanschriftsteller und Feuilletonist. Erster Direktor des Raimundtheatersund des Kaiser-Jubiläums-Stadttheaters (heute Volksoper). Förderte die Aufführung von Wiener Volksstücken. Kritisch betrachtet werden müssen jedoch seine antisemitisch gestalteten Spielpläne.
  • 14. Josef-Schlesinger-Straße
    Dr. Josef Schlesinger (1831-1901)
    Mathematiker, Naturphilosoph und Rektor der Hochschule für Bodenkultur. Schlesinger erwarb sich Verdienste um die Neuordnung des Geodäsieunterrichts. Problematisch in seiner Biografie ist, dass er sich als christlich-sozialer Politiker einer aggressiven antisemitischen Rhetorik bediente.
  • 21., Robert-Lach-Gasse
    Univ.-Prof. Dr. Robert Lach (1874-1958)
    Musikwissenschaftler, Komponist und Musikethnologe. Betrieb vergleichende Forschungen zu inner- und außereuropäischer Musikrichtungen. Problematisch in seiner Biografie sind seine NSDAP-Mitgliedschaft seit 1933 und sein extremer Antisemitismus.
  • 21., Spundagasse
    Prof. Dr. Franz Spunda (1890-1963)
    Lehrer, Schriftsteller und Petrarca-Übersetzer. Publizierte zahlreiche historische Romane zu Themen des Okkultismus. Kritisch bewertet werden müssen seine Mitgliedschaft bei der NSDAP und beim "Bund deutscher Schriftsteller Österreichs", einer NS-Tarnorganisation.
  • 23., Manowardagasse
    Josef von Manowarda (1890-1942)
    Opern- und Konzertsänger, Professor an der Akademie für Musik und darstellende Kunst. Große Erfolge in Opernaufführungen von Wagner, Strauss und Mozart. Problematisch in seiner Biografie ist seine aktive nationalsozialistische Betätigung ab 1933.
  • 23., Maria-Grengg-Gasse
    Maria Grengg (1888-1963)
    Malerin und Verfasserin von Heimatromanen und Märchen, die sie auch selbst illustrierte. Erhielt 1936 den österreichischen Staatspreis für Literatur. Problematisch in ihrer Biografie sind ihre Mitgliedschaft in der NSDAP und ihr offener Rassismus.
  • 23., Pfitznergasse
    Hans Pfitzner (1869-1949)
    Deutscher Dirigent, Opernregisseur, Pianist und Komponist mit Wahlheimat in Wien und Salzburg. Problematisch in seiner Biografie ist, dass er zeitlebens ausgeprägter Antisemit und Verharmloser von Nazi-Verbrechen war.
  • 23., Porschestraße
    Prof. Dr. Ferdinand Porsche (1875-1951)
    "Vater des Volkswagens" und des “Porsche". Er beeinflusste durch zahlreiche Erfindungen die Geschichte des Autos. Problematisch in seiner Biografie sind seine Mitgliedschaft bei NSDAP und SS, die Beschäftigung von ZwangsarbeiterInnen sowie seine Tätigkeit in der NS-Rüstungsindustrie.

Rückfragehinweis für Medien

  • Renate Rapf
    Mediensprecherin StR. Andreas Mailath-Pokorny
    Telefon: 01 4000-81175
    E-Mail: renate.rapf@wien.gv.at
  • Katja Svejkovsky
    Pressesprecherin Grüner Klub Rathaus
    Telefon: 01 4000 81814
    Mobil: 0664 22 17 262
    http://wien.gruene.at