100 Jahre Landtag - Festtagsrede der Vorsitzenden des Universitätsrats der Universität Wien Dr. Eva Nowotny

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann! Sehr geehrter Herr Landtagspräsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Festtagsrednerin Eva Nowotny

Festrednerin Eva Nowotny, Botschafterin a.D. und Präsidentin des Universitätsrats der Universität Wien

Ich freue mich sehr, dass ich als Vorsitzende des Universitätsrats der Universität Wien eingeladen wurde, aus diesem besonders schönen Anlass hier ein paar Gedanken mit Ihnen zu teilen. Ich finde es sehr passend und sehr schön, dass die Universität Wien, die im Leben dieser Stadt wirtschaftlich, wissenschaftlich, aber auch sozial ein bedeutender Faktor ist, ihren Platz in dieser Festveranstaltung findet.

Ich bin ein neugieriger Mensch und habe natürlich sofort einmal versucht herauszufinden, wie sich diese Entscheidung in der Universität Wien widergespiegelt hat. Mit unserem Archivar, Herrn Dr. Maisel, haben wir nachgeschaut und es hat sich herausgestellt, dass das kaum einen Niederschlag gefunden hat.

Es gab am 18. November 1920 eine Senatssitzung mit Rektor Alfons Dopsch. Der Rektor hat damals über die Lage berichtet und da ist auch über den Beschluss der Trennung Wiens von Niederösterreich berichtet worden. Es gab aber keine weitere Diskussion und keine weiteren Kommentare, bis auf die Tatsache, die mit einer gewissen Befriedigung festgestellt wurde, dass von nun an die Universität Wien nicht mehr nach Niederösterreich berichten würde, sondern einer eigenen Verwaltungseinheit, die damals dem Bundesministerium für Unterricht unterstanden ist.

Wir erinnern in dieser Veranstaltung an die Gründung des Wiener Landtages, aber gleichzeitig treten wir damit auch in die Gründungsphase der Ersten Republik ein. Die Umstände dieser Zeit - der Herr Landeshauptmann hat darauf Bezug genommen - waren dramatisch. Es gab wirtschaftliche und politische Unsicherheit, Massenarmut, Arbeitslosigkeit, es hat die Spanische Grippe geherrscht und furchtbare Verheerungen angerichtet, es gab eine Unterversorgung der Bevölkerung mit allen Gütern des Lebens, dramatische Wohnungsnot, kurzum, ein Klima der Verzweiflung, Traumata, eine gewisse Hoffnungslosigkeit.

Es ist bewundernswert, mit welchem Mut, mit welcher Weisheit, mit welcher Disziplin, mit welcher Weitsicht sich eine Gruppe von Leuten damals an die Neukonstruktion des Staates und damit auch der Stadt gemacht und diese Arbeit auf sich genommen hat. Die Diskussion über die Rechtsstellung Wiens beginnt nicht zu diesem Zeitpunkt, da gibt es schon eine lange Vorgeschichte.

Das geht zurück bis ins 19. Jahrhundert, wobei zum Beispiel auch schon in den sozialdemokratischen Kommunalprogrammen der 1890er-Jahre immer wieder die Forderung erhoben wurde, Wien möge eine reichsunmittelbare Stadt werden, also eine Reichsunmittelbarkeit erteilt bekommen. Interessant ist auch, dass in dieser Zeit andere große Städte Änderungen erfahren haben, was ihre Rechtsstellung im Gesamtstaat betrifft. Das betrifft zum Beispiel London, aber auch Berlin oder Basel haben ihre Stellung im Gesamtstaat neu geordnet und neu definiert.

Der Wiener Gemeinderat konstituiert sich also am 10. November 1920 in seiner neuen Funktion als Landtag und stimmte der neuen Verfassung Wiens zu. Dass noch einiges zu diskutieren war und darüber gesprochen werden musste, zeigt allein die Tatsache, dass die Sitzung um 15 Uhr begonnen, aber bis spät in die Abendstunden gedauert hat. Das zeigt, dass noch wirkliche Diskussionen stattgefunden haben.

Es ist ein ganz witziges Detail am Rande, dass die Drucksorten, die in dieser Sitzung verwendet wurden, noch aus der Zeit der Monarchie stammten und handschriftlich korrigiert werden mussten. Exemplare davon finden sich auch heute noch im Wiener Stadtarchiv.

Worin liegt die Bedeutung dieser Trennung von Niederösterreich und des neuen Status als ein Bundesland? Es war auf der einen Seite die Voraussetzung für die wirtschaftlichen und sozialen Gestaltungsmöglichkeiten der Stadt, für autonome Entscheidungen über Steuern und Abgaben und eröffnete einen Handlungsspielraum in allen Bereichen der Kommunalpolitik, vor allem in der Wohnungs-, aber auch in der Sozial- und Bildungspolitik. Politisch von großer Bedeutung war die Entsendung von eigenen Vertretern und eigenen Mandataren in den Bundesrat, wo man eben auf diesem Weg auch auf die Gestaltung der Politik im größeren, gesamtstaatlichen Rahmen Einfluss nehmen konnte.

In den nächsten Jahren, in unmittelbarer Folge dieser grundlegenden Entscheidung wurden in Wien zum Beispiel 60 000 neue Wohnungen gebaut, eine Maßnahme von ungeheurer Bedeutung, wenn man - der Herr Landeshauptmann hat darauf hingewiesen - davon ausgeht, dass um die Jahrhundertwende noch ein guter Teil der Wiener Bevölkerung eigentlich unterirdisch gelebt hat, in Keller- und Souterrainwohnungen und unter Bedingungen, die wirklich schwere Beeinträchtigungen für die Gesundheit bedeutet haben.

Ich selbst habe eine enge Beziehung zu diesen Programmen: Meine Großmutter hatte eine Wohnung im sogenannten Metzleinstaler Hof, das war einer der ersten großen Gemeindebauten, die in der Zeit von Reumann gebaut wurden, nebenan der Reumannhof. Die Großzügigkeit dieser Wohnanlagen, die ja bis heute gegeben ist, mit den großen, begrünten Innenhöfen und den ganzen Infrastruktureinrichtungen, die zur Verfügung standen - die großen Waschküchenanlagen, die Badeanlagen, die Stadtbibliothek und so weiter: das hat damals schon Sensationswirkung gehabt.

Eng verknüpft mit dieser Neuordnung der Situation Wiens war natürlich auch die Entwicklung der Bundesverfassung. Der Name Danneberg ist schon gefallen, er war mit Kelsen eng befreundet und das Zusammenspiel zwischen diesen beiden Persönlichkeiten hat sowohl auf der Bundesebene als auch für die Stadt große Bedeutung gehabt. Es gab daneben auch große Persönlichkeiten, die diesen Prozess der Neugestaltung getragen haben: Viktor Reumann selbst, Robert Danneberg, Hugo Breitner, Otto Glöckel, nicht zu vergessen Julius Tandler, der als Arzt für das gesamte Gesundheits- und Hygienewesen Wiens verantwortlich war.

Wie nachhaltig diese Atmosphäre die Menschen, die daran mitgearbeitet haben, beeinflusst hat, zeigt eine Äußerung von Hugo Breitner, der Österreich verlassen musste und nachher in die USA geflohen ist, und der am 3. Dezember 1943 noch aus seinem kalifornischen Exil schreibt, wie wunderbar diese Erfahrung war, in diesem Kreis ungewöhnlicher, hochstehender Menschen an diesen Projekten und an diesen Programmen mitarbeiten zu dürfen.

Ich habe mir in diesem Zusammenhang einen Ausschnitt aus der Antrittsrede vom Bürgermeister Seitz vom 13. November 1923 herausgesucht, den ich Ihnen gerne vorlesen möchte. Ich zitiere: Wenn man nicht selten die Ansicht vertreten hört, dass Wiens Größe begründet war in seiner Eigenschaft als Sitz eines kaiserlichen Hofes, einer Zentralstelle der Behörden und der Militärgewalt eines großen Staates, so hat die Entwicklung der letzten fünf Jahre gezeigt, dass Wien auch aus eigener Kraft bestehen kann, durch seine große leistungsfähige Industrie, durch das rege und feine Gewerbe, durch seinen blühenden Handel. In jahrhundertelanger Entwicklung ist Wien das geworden, was es heute ist und immer bleiben wird, das Verbindungstor des Westen Europas zum Osten. Unsere Stadt wird aber nicht nur bestehen als ein Wirtschaftszentrum, sondern auch als eine der ersten und ehrwürdigsten Stätten europäischer Kultur und Zivilisation. – Zitatende.

Viel von dem gilt bis heute und die Errungenschaften dieser Jahre begleiten uns bis heute. Wenn wir darauf stolz sind, dass Wien als Stadt jetzt zehn Jahre hindurch im sogenannten Mercer-Ranking immer als lebenswerteste Stadt der Welt an erster Stelle gereiht wurde; wenn wir stolz darauf sind, dass internationale Delegationen kommen, um in Wien sozialen Wohnbau oder Kommunalpolitik zu studieren, so sind wir stolz auf Dinge, die in diesen Jahren der Neugründung erarbeitet wurden und wofür in diesen Jahren der Grundstein gelegt wurde.

Wir sind jetzt am Beginn des 21. Jahrhunderts und trotz dieser historischen Stränge, die bis heute weiterwirken, hat sich die Situation natürlich grundsätzlich verändert. Wien ist heute die fünftgrößte Stadt Europas, entspricht in allen Aspekten den sogenannten drei Ws - Wohlfahrt, Wohlstand, Wohlbefinden in der Stadt - und ist für die neuen Herausforderungen und für die Anforderungen gut gerüstet, die sich für große Städte stellen.

Das ist eigentlich das Thema unserer Tage. 3,9 Milliarden Menschen, meine sehr geehrten Damen und Herren, leben weltweit in Städten. Bis 2050 werden weitere 2,5 Milliarden Menschen prognostiziert, das sind 70 Prozent der Weltbevölkerung, die im urbanen Raum leben. Wien ist Gott sei Dank nicht ein Spieler in dieser ganz großen Liga und ich glaube, Sie werden mir zustimmen, dass der Charme von Wien eigentlich darin liegt, dass wir uns in einer bedeutenden internationalen Stadt befinden, die sich aber trotzdem das Wesen und den Charakter von kleineren Einheiten - einem Miteinander - bewahrt hat und dieser Atmosphäre der Anonymität von wirklichen Großstädten entkommen ist.

Tokio ist heute eine Stadt mit 38 Millionen Einwohner, Jakarta 34 Millionen, Delhi 29 Millionen, Manila 23 Millionen, Mumbai 23 Millionen, Chongqing – eine Stadt, von der man kaum etwas weiß – 30 Millionen Einwohner, Schanghai 22 Millionen Einwohner. Das sind Größenordnungen, die einen schon sehr nachdenklich machen, die deutlich unter Beweis stellen, mit welchen neuen Herausforderungen wir es hier zu tun haben und wie sich das städtische Leben und die Gestaltung des urbanen Raums in den nächsten Jahren verändern werden.

Wir haben es hier mit völlig neuen Begriffen zu tun - den Begriff der Megastadt, des megaurbanen Raums -, sie betreffen uns nicht wirklich, aber dennoch stellen sich einige Probleme auch im kleineren Rahmen. Es sind Probleme der Nachhaltigkeit, der Grundversorgung, des Verkehrs, der Bildung, Probleme der Segregation, der Armut, der Auswirkungen massiver Wanderungsbewegungen.

Im Rahmen der Europäischen Union ist Wien nicht nur die fünftgrößte Stadt, sondern auch ein starker politischer Akteur. Wien agiert nicht nur als Stadt in allen relevanten Programmen, sondern auch als Land im Ausschuss der Regionen. Wien ist gleichzeitig auch eine der diversesten Städte der Europäischen Union: 13 Prozent unserer Bevölkerung sind EU-Bürgerinnen und EU-Bürger, 17 Prozent Drittstaatsangehörige. Das ist ein demografischer Faktor, widerspiegelt aber auch wirtschaftliche und kulturelle Vernetzungen, Diversität und Vielfalt als Reichtum und Bereicherung unserer Gesellschaft und unserer Kulturen.

Seit 1995 ist Wien auch Mitglied von Eurocities, dem größten Netzwerk europäischer Großstädte. Es ist ein ganz wichtiges Werkzeug zur Positionierung und zur Vertretung der Städte auf europäischer Ebene, aber auch zur Erarbeitung gemeinsamer Programme, gemeinsamer Projekte und gemeinsamer Strategien. Wien ist in diesem Zusammenhang besonders aktiv in den Bereichen Public Services, Housing and Homelessness, also Wohnbau, und in der Nachbarschaftspolitik. Das entspricht der Geschichte, der Gegenwart und auch unserer Geografie.

Insgesamt zählt die Europäische Union zu den am stärksten verstädterten Regionen der Welt. Über 70 Prozent der europäischen Bürger leben in einem städtischen Gebiet und der globale Trend spiegelt sich daher auch auf der europäischen Ebene wider. Die Entwicklung städtischer Gebiete hat daher einen wesentlichen Einfluss auf die zukünftige nachhaltige Entwicklung der Union selbst und ihrer Bürger, wirtschaftlich, ökologisch und eben auch sozial.

Die immer komplexeren Herausforderungen brauchen lokale, aber auch regionale Strategien und sie brauchen überregionale, das heißt europäische Strategien. Daraus resultiert die Notwendigkeit einer Städteagenda für die Europäische Union, die sich im sogenannten Pakt von Amsterdam von 2016 niedergeschlagen hat. Der Pakt von Amsterdam verbrieft eine stärkere Verankerung der städtischen Dimension in der Politik der Europäischen Union und wird als fortlaufender Prozess definiert, der sich ununterbrochen ändert und an neue Gegebenheiten anpasst.

Ich weiß, dass es im Moment ein bisschen heikel ist: Auch die UNESCO hat sich sehr mit den Problemen der Städte beschäftigt und der Herr Landtagsvorsitzende hat mir gerade sein UNESCO-Archiv in seinem Büro gezeigt, das schon gewaltige Dimensionen angenommen hat. Ich erlaube mir aber trotzdem den Hinweis, dass eben nicht nur die EU, sondern auch die UNESCO sich dieses Themas angenommen hat.

Es gibt eine eigene UNESCO Cities Platform mit einer New Urban Agenda, die sich besonders mit dem Problem der Nachhaltigkeit beschäftigt, wofür ja die UNESCO als die Lead-Organisation in der Umsetzung der Entwicklungsziele verantwortlich ist. Sie hat auch, und das ist ein sehr interessanter Aspekt, den Begriff der Urban Landscape geprägt und beschäftigt sich unter diesem Titel mit der Vereinbarkeit von großen urbanen Konglomerationen mit historischen Kernen und mit der besonderen Verantwortung gegenüber den historischen Zentren.

Ich erlaube mir zu guter Letzt noch einen Hinweis: Es ist die Donau fast ein Synonym für Wien, Wien ist ohne die Donau eigentlich nicht zu denken und Donau und Wien gehören zusammen, ein quasi automatisches Begriffspaar. Ich selbst habe noch in meiner Tätigkeit im Außenministerium, als ich als Sektionsleiterin für europäische Integration zuständig war, eine Donauraumkooperation ins Leben gerufen und ich freue mich sehr, dass diese Donaustrategie, die wir damals im Jahr 2000 begonnen haben, jetzt eine EU-Strategie geworden ist.

Sie betrifft den Lebensraum von 118 Millionen Menschen in 14 Staaten und Wien kommt in diesem Prozess eine bedeutende Koordinationsrolle zu. Ich erinnere an die Worte von Bürgermeister Seitz, die ich eingangs zitiert habe, über die historische Verantwortung Wiens auch gegenüber dem europäischen Osten und Südosten als kulturelles und politisches Zentrum und als Einfallstor für die Kontakte zum westlichen Europa.

In diesem Sinne, einen herzlichen Glückwunsch zu dieser denkwürdigen Entscheidung. Herzlichen Dank, dass Sie mir zugehört haben und ich wünsche der Stadt Wien für die kommenden Herausforderungen alles, alles Gute. Danke.

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