Die Kraft des Zufalls - Interview mit Stadträtin Veronica Kaup-Hasler

Die Stadträtin für Kultur und Wissenschaft, Veronica Kaup-Hasler, im Gespräch über Wien als Weltstadt des digitalen Humanismus, den Kultur-Token und aufgewertete Bezirksmuseen. Sie ortet bei Kunst und Forschung viel Gemeinsames.

Frau mit olivgrüner Bluse, Brille und braunen Haaren

WIEN WISSEN: Sie leben seit Ihrer Geburt in einem sehr kulturell geprägten Umfeld. Aber was verbindet Sie mit Wissenschaft und Forschung?

Kaup-Hasler: Ich habe mehrere Fächer studiert: Ethnologie, Politologie, Spanisch, Germanistik und Theaterwissenschaft, letztere beide habe ich abgeschlossen. Ich war also schon immer sehr wissenschaftsbegeistert. Bereits in jungen Jahren war ich Lehrbeauftragte an der Akademie. Wissensvermittlung an junge Leute ist mir ganz wichtig. Beim Steirischen Herbst kam die Wissenschaft wieder - über politische Theorien und Soziologen, die wir eingeladen haben. Ich kenne den Virus und weiß, wie spannend Forschung ist. Obwohl ich selbst später nicht mehr an einer Universität als Wissenschaftlerin gearbeitet habe.

WIEN WISSEN: Auf dem Cover von WIEN WISSEN ist diesmal das Beethoven-Jahr. Das betrifft Ihre beide Ressorts, Kultur und Wissenschaft.

Kaup-Hasler: Es ist enorm, welche Achsen die Koordinatorin des Jubiläumsjahres, Susanne Schicker, zwischen Bonn und Wien legt. Und es ist schön, dass bei einem so berühmten Immigrant die Grenzen total fließend sind. Europa war schon damals verbunden, Beethoven hat viele Werke hier komponiert und wurde von der österreichischen Musik inspiriert. Wir haben so viele Universitäten, Kunstwerke, Forschungsprojekte zum Thema, und es wird viele Sonderprojekte geben. 2020 wird also ein richtiges Ludwig van Beethoven-Jahr.

WIEN WISSEN: Auch Hedy Lamarr steht für Kultur und Wissenschaft. Sie haben vor kurzem den nach ihr benannten Preis vergeben. Was ist die Idee zu dieser Auszeichnung?

Frau mit olivgrüner Bluse, Brille und braunen Haaren

Kaup-Hasler: Der Hedy Lamarr-Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und honoriert erfolgreiche Frauen in der IT. Dieses Jahr ist er an Martina Lindorfer von der TU Wien gegangen. Sie erforscht, wie mobile Endgeräte davor geschützt werden, dass jemand mitliest, mithört oder Daten absaugt. Die Wiener Schauspielerin und Erfinderin Hedy Lamarr ist den Meisten nur als wunderschöner Filmstar ein Begriff, dabei hat diese geniale Frau den Grundstein für die Bluetooth- und WLAN-Technologie gelegt. Wir wollen einerseits Mädchen und Frauen für die männlich dominierte IT interessieren und andererseits heute erfolgreiche Frauen sichtbar machen.

WIEN WISSEN: Ein anderer Call betrifft den digitalen Humanismus. Können Sie da schon etwas verraten?

Kaup-Hasler: Wir hatten 73 Einreichungen, eine unabhängige Jury hat 8 Siegerprojekte ausgewählt. Das ist ein erster Impuls. Wien möchte nicht nur die smarteste City und im digitalen Bereich federführend unter den großen Weltstädten sein, sondern Wien kann etwas einbringen, das weltweit Hände ringend gesucht wird: die Verbindung von digitalem mit humanistischem Gedankengut. Es hat schon Tim Berners-Lee, der Miterfinder des Internet, gesagt: We failed - also Wir haben versagt. Anfangs haben wir alle nur die Demokratisierung des Wissens gesehen, das Heilsversprechen. Jetzt haben wir es mit unglaublichen Rechtsverstößen zu tun - Hasspostings, Mobbing, Urheberrechtsverletzungen.

WIEN WISSEN: An der TU Wien hat Dekan Hannes Werthner ein Manifest zu diesem Thema verfasst.

Frau mit olivgrüner Bluse, Brille und braunen Haaren

Kaup-Hasler: Ja, das Vienna Manifesto on Digital Humanism macht weltweit die Runde. Wir wollen es weiter promoten. Es geht darin um Regulative, denen man sich bei einer demokratischen Entwicklung in diesem Bereich einfach unterstellen muss. Die vergangenen 20 Jahre haben gezeigt: ungesteuert gibt es in der digitalen Welt große Eingriffe in die Persönlichkeits- und Menschenrechte, die wir anderweitig längst errungen und geschützt haben. Hier braucht es einen Ehrenkodex. Wien soll unserer Tradition entsprechend interdisziplinäre Forschung vorantreiben, also etwa Leute aus Soziologie, Geschichte, Geisteswissenschaften und Informatik gemeinsam. Im Moment ist es ja eine Parallelentwicklung, IT-Leute machen ihr Ding und Ethiker kommentieren. Der Mensch muss wieder im Mittelpunkt stehen.

WIEN WISSEN: Ein Bindeglied zwischen Kultur und Digitalem ist der Kultur-Token. Wie konkret ist dieses Projekt?

Kaup-Hasler: Mit Jahresanfang starten wir die Pilotphase. Das Ziel des Kultur-Tokens ist es, ein Anreizsystem für klimaschonendes Verhalten zu schaffen. Wer sich diese App installiert, kann digitale Gutschriften, sogenannte Token sammeln. Und die bekommt man, indem man CO2-Emissionen einspart, also zum Beispiel zu Fuß geht oder Öffis nützt. Einlösen kann man diese Token in Wiener Kultureinrichtungen. Die ersten Partner sind Volkstheater, Kunsthalle Wien, Wien Museum und Konzerthaus. Natürlich passen wir sehr auf, dass diese App nicht zu einem Datensammelprojekt wird, das soziale Aktivitäten beobachtet.

WIEN WISSEN: Sie haben sich im Sommer ein "Museum links der Donau" gewünscht. Warum?

Kaup-Hasler: Wissenschaftsbegeisterung kann man nur wecken, indem man hochkomplexe Vorgänge sehr sinnlich übersetzt. Für junge und alle neugierigen Menschen wäre ein solcher kommunikativer Ort sehr gut. Ich sammle überall Ideen und bin sehr beeindruckt vom Miraikan Museum in Tokio. In jedem Stock arbeiten Forschungsgruppen und sind nur durch eine Glasscheibe von den Museumsbesuchern getrennt. Auf 7 Ebenen wird der technologische Fortschritt von einfachen Alltagsfragen bis zu Weltraumforschung, Digitalem und Biowissenschaften extrem gut verständlich und plastisch erklärt. Solche Orte sind keine verstaubten Museen, sondern vermitteln lustvoll Wissenschaft.

WIEN WISSEN: Schon demnächst werden die Bezirksmuseen eine Auffrischung erfahren?

Kaup-Hasler: Ja, zuerst geht es um eine technische Aufrüstung, die Stadt Wien stellt 400.000 Euro bereit. À la longue wird das Wien Museum gemeinsam mit den ehrenamtlichen Akteuren in den Bezirksmuseen für eine wissenschaftliche Aufladung sorgen. Das ist natürlich ein Projekt für die nächsten Jahre. Es ist wirklich toll, wie viele Menschen sich da engagieren, vielleicht werden wir künftig auch jüngere Leute ansprechen können. Es muss ein gemeinsames Konzept für alle Bezirke geben, und das Wien Museum mit Matti Bunzl ist der richtige Ansprechpartner.

WIEN WISSEN: Ein ungewöhnliches Projekt aus Ihrem Bereich ist das Stadtlabor. Sind Sie mit den ersten Erfahrungen zufrieden?

Kaup-Hasler: Ja, den frischesten Eindruck habe ich vom Stadtlabor des Architekturzentrums, dem Projekt Wohnungstausch. Da haben Menschen in Wien für eine Nacht ihre Wohnungen getauscht, zum Beispiel eine Hietzinger Villa und den Platz in einer Studenten-WG im 7. Bezirk oder 2 Wohnungen in unterschiedlichen Bezirken. Die Leute haben ihre gewohnte Umgebung aufgegeben und sind in einen anderen Bezirk gegangen. Ich war wirklich gerührt zu sehen, wie liebevoll manche Wohnungseigentümer Dossiers mit Informationen für ihre Gäste vorbereitet haben. Hinter dem Ganzen steckt natürlich eine große Logistik. Der Wohnungstausch hat auch eine riesige Offenheit in dieser Stadt gezeigt. Es geht beim Stadtlabor immer um Experimente in neuen sozialen Räumen, der Wohnungstausch war ein Experiment in Sachen Vertrauen. Die Fragebögen werden ausgewertet und das Ergebnis erscheint als Dokumentation. Ein anderes Projekt war der Geschichte-Teppich für Kinder oder das Kindermuseum, das mit einer Druck-Werkstatt in die Seestadt gegangen ist.

WIEN WISSEN: Haben Kultur und Wissenschaft manches gemeinsam?

Kaup-Hasler: Ja, vieles, zum Beispiel das Serendipitäts-Prinzip: Du suchst etwas ganz angestrengt und findest es nicht. Aber beim Suchen läuft dir etwas ganz anderes über den Weg, und das ist es dann! Dieses Finden, die Kraft des Zufalls, das ist Kultur und Wissenschaft gemeinsam. Und das Entscheidende ist die Neugier, etwas wissen zu wollen. Nur: Ohne die Suche bewegst du dich gar nicht.

WIEN WISSEN: Verdanken Sie diesem Serendipitäts-Prinzip Ihren Umstieg vom Kulturmanagement in die Politik?

Kaup-Hasler: Ja, absolut. Danach muss der Bürgermeister gehandelt haben (lacht). Das muss so ein Moment gewesen sein, wo er jemanden gesucht, aber mich gefunden hat.

Magazin WIEN WISSEN

Dieses Gespräch finden Sie auch in der 4. Ausgabe 2019 des Magazins WIEN WISSEN:

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