Sommer-Interview mit Bürgermeister Michael Ludwig und Vizebürgermeisterin Birgit Hebein

MEIN WIEN, die kostenlose Monatszeitung der Stadt Wien, fragte im Sommer 2019 Bürgermeister Michael Ludwig und Vizebürgermeisterin Birgit Hebein nach den gemeinsamen Plänen und Vorhaben.

Video: Sommergespräch mit Bürgermeister Michael Ludwig und Vizebürgermeisterin Birgit Hebein

MEIN WIEN: Wie haben Sie den Sommer verbracht? Was sind Ihre Lieblingsplatzerln in Wien?

Vizebürgermeisterin Birgit Hebein: "Ich war ein paar Tage mit Familie und Freunden unterwegs, sonst war ich in Wien. Ehrlich gesagt: Am meisten genossen habe ich die lauen Abende. Ich habe ein paar Besprechungen in die Parks verlegt und in die Schanigärten, die wir haben, weil Wien ist schon klass' - die hab ich sehr genossen. Ich kann ehrlich gesagt nicht als Vizebürgermeisterin antreten und dann auf Urlaub fahren, insofern muss man schon sagen: Wien ist einmalig."

Bürgermeister Michael Ludwig: "Ich mache gerne Sommerurlaub in Wien. An anderen Orten muss man sich entscheiden, ob man Natur oder Kultur möchte - in Wien kann man beides hervorragend verbinden. Wenn ich einige freie Tage habe, genieße ich das gerne in Wien. Zum einen laufe ich sehr gerne in den Weinbergen in Stammersdorf - in der schönsten Kellergasse, die wir in Wien haben. Zum anderen haben wir ein ungeheures kulturelles Angebot, gerade auch im Sommer in Wien, das es in dieser Form in keiner anderen Großstadt gibt. Etwa den Rathausplatz, wo wir das Film Festival haben, mit einer kulinarischen Weltreise von Teppanyaki bis zum Kaiserschmarren. Auf der anderen Seite das Popfestival, das Jazzfestival, das Impulstanz Festival. Da ist eigentlich für jeden Geschmack etwas dabei. Und ich habe im Sommerurlaub Gelegenheit, auf den Wiener Märkten einkaufen zu gehen - etwas, das unter dem Jahr etwas schwieriger ist. Das ist schon eine hohe Lebensqualität."

Klimahauptstadt Wien

Bürgermeister Michael Ludwig und Vizebürgermeisterin Birgit Hebein im Gespräch

Bürgermeister Michael Ludwig und Vizebürgermeisterin Birgit Hebein

MEIN WIEN: Laue Sommerabende sind zwar angenehm, durch den Klimawandel wird es allerdings auch sehr heiß in der Stadt. Was tut die Stadt, um die Folgen des Klimawandels erträglich zu halten?

Ludwig: "Wir haben in Wien seit dem Jahr 1999 ein Klimaschutzprogramm, an dem sich alle Ressorts beteiligen. Hier haben wir in den letzten Jahren schon sehr viele Schritte gesetzt, im Wesentlichen in 2 großen Bereichen. Zum einen im Bereich Klimaschutz, zum anderen im Umgang mit dem Klimawandel, den es spürbar für die Menschen gibt. Weiters versuchen wir, unter dem Titel Smart City eine intelligente Stadt der Zukunft zu planen und zu errichten. Das bedeutet eine Stadt der kurzen Wege, mit Schwerpunkt auf dem öffentlichen Verkehr. Wien ist schon jetzt das Bundesland mit dem geringsten CO2-Ausstoß und der geringsten Pkw-Anzahl pro Kopf. Diese Maßnahmen greifen, und das wollen wir in der Zukunft auch fortsetzen: das Klima schützen, den CO2-Ausstoß verringern, und mit dem Klimawandel umgehen. Das bedeutet beispielsweise, dass wir Hausfassaden und Dächer begrünen, und dass wir noch mehr Bäume pflanzen. Es gibt in Wien jetzt schon 480.000 Bäume, und wir setzen pro Jahr noch 3.000 zusätzlich. Es ist uns gelungen, in einer Stadt mit wachsender Bevölkerungszahl auch den Anteil an Grünraum zu erhöhen. Das ist etwas, dass uns auch von anderen Städten deutlich unterscheidet. Wien zählt auch zu den Städten mit dem höchsten Grünanteil - nur Berlin und Prag können sich mit Wien messen in Europa. Mehr als die Hälfte der gesamten Grundfläche der Stadt ist unverbaut. Natürlich wollen wir Wohnungen errichten und Arbeitsplätze schaffen, wir stellen aber gleichzeitig sicher, dass ein hoher Grünanteil gewahrt bleibt, und dieser auch für die Menschen zugänglich ist."

MEIN WIEN: Wie kann man das konkret stadtplanerisch umsetzen?

Hebein: "Ich habe einen Klimaschutzplan erstellen und darin untersuchen lassen: Wo sind die Orte, wo es besonders heiß ist, wo gibt es am wenigsten Grünraum, wo am meisten? Wo wohnen insbesondere alte Menschen und Kinder, die von der Hitze betroffen sind? Es gibt Hitzepole in der Stadt, wo es darum geht, sofort Abkühlungsmaßnahmen zu setzen, Bäume zu pflanzen, Wasser einzusetzen, mittels Hydranten auch Trinkwasser zur Verfügung zu haben, Bänke aufzustellen. Eine Studie bestätigt, dass Wien bis zu 8 Grad heißer werden wird bis zum Jahr 2050. Ich gebe dem Herrn Bürgermeister Recht, es passiert viel in Wien. Aber wir müssen uns massiv anstrengen, dass wir auch unseren Kindern und Enkelkindern ein gesundes Wien hinterlassen, weil es sonst immer mehr Tropennächte geben wird, in denen es nicht unter 20 Grad abkühlt. Die Menschen spüren das zunehmend. Der heißeste Juni liegt hinter uns, mit enormen Hitzetagen. Kurzfristige Maßnahmen sind das eine, mittelfristig müssen wir genau schauen, wen es am meisten trifft, und dort ansetzen. Einer der besten Hebel, den wir in der Stadt haben, ist der Neubau. Wir sind eine wachsende Stadt. Deshalb haben wir entschieden, dass wir zukünftig 8.000 Wohnungen, Kindergärten und Schulen errichten, die ohne fossile Energie auskommen. Das ist ein enormer Schritt, da geht Wien wieder voran - auch anhand der Klimaschutzgebiete. Wir haben ein gemeinsames Klimabudget beschlossen und einen Klimarat. Ich bin wirklich davon überzeugt, dass Wien Klimahauptstadt werden kann."

Lebenswerteste Stadt der Welt

MEIN WIEN: Über den Sommer war zu beobachten, dass viele deutsche Medien über das Thema "lebenswerte Städte" und über Wien berichteten. Es sind viele Redaktionen nach Wien gekommen, um sich anzusehen: Wie funktioniert das mit dem sozialen Wohnbau? Was macht Wien hier gut? Was kann Wien tun, um die Vorreiterposition auszubauen?

Bürgermeister Michael Ludwig im Gespräch

Ludwig: "Wien hat natürlich ähnliche Herausforderungen wie andere Metropolen. Allerdings denke ich, dass wir über Jahrzehnte Akzente gesetzt haben, die es in dieser Form in anderen Städten nicht gibt. Dass wir heute einen Anteil an gefördertem Wohnbau haben, dass mehr als 62 Prozent der gesamten Wiener Bevölkerung entweder in einer Gemeindewohnung oder in einer geförderten Genossenschaftswohnung leben - das zeigt, dass wir einen großen Teil des Wohnungsmarktes der Preisspirale entzogen haben, die man in anderen Großstädten spürt. Denn in den letzten 10 Jahren sind die Mieten im geförderten Bereich ziemlich entlang der Inflationsrate gestiegen, und nicht höher. Dort wo wir wirklich - auch in Wien - Preissteigerungen haben bei Mieten, und zwar sehr starke, ist bei den Neuvermietungen im privaten Wohnhausbereich. Da habe immer stark drauf gedrängt, dass es auf Bundesebene ein neues, gerechteres, transparenteres Wohn- und Mietrecht geben soll. Aber wir haben in Wien unsere Hausaufgaben gemacht. Wir haben die Wohnbauleistung erhöht. Wir haben unsere Gemeindewohnungen nicht privatisiert. Wir haben in Kooperation mit gemeinnützigen Wohnbauträgern nicht nur neue Wohnungen errichtet, sondern Wohnungen mit hoher Qualität. Wir haben dafür gesorgt, dass es auch eine soziale Durchmischung gibt im ganzen Stadtgebiet. Etwas, das in anderen Städten neidvoll beobachtet wird, wo man an der Visitenkarte oft den sozialen Status erkennen kann. Da stehen wir in einer langen Tradition in Wien, und das wollen wir auch in Zukunft erhalten. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch in den neuen Stadterweiterungsgebieten darauf achten, dass es eine sinnvolle Durchmischung unterschiedlicher Wohnformen gibt. Das ist auch der Grund, dass wir vor Kurzem gemeinsam eine Novelle der Bauordnung beschlossen haben, in der wir vorsehen, dass bei Umwidmungen 2/3 der neuen Wohnungen geförderte Wohnungen sein müssen - das heißt, leistbare Konditionen für einen großen Teil der Wienerinnen und Wiener."

MEIN WIEN: Der soziale Wohnbau ist ein Merkmal dafür, dass Wien immer wieder zur lebenswertesten Metropole der Welt gekürt wird. Wie sorgt die Stadt in diesem und anderen Bereichen dafür, dass dieser Vorsprung erhalten bleibt?

Ludwig: "Wir haben uns schon in den letzten Jahren vorgenommen, dass wir nicht ein Stadterweiterungsgebiet machen wie in anderen Städten, sondern mehrere gleichzeitig. Dass wir versuchen, unterschiedliche Wohn- und Lebensformen zu ermöglichen. Wir haben gerade im geförderten Wohnbau eine Reihe von innovativen Wohnbauprojekten realisiert - etwa die größte Passivhaus-Siedlung Europas mit dem Projekt Eurogate. Wir haben im geförderten Wohnbau seit vielen Jahren Niedrigenergiestandards verpflichtend vorgeschrieben. Das sind Dinge, die in anderen Städten erst diskutiert werden oder als große Neuerung empfunden werden. Das hat bei uns mittlerweile eine lange Tradition. Gerade diese Verbindung - von Umwelt- und Klimaschutz auf der einen Seite und der Frage 'Wie funktioniert soziale Gerechtigkeit' - auf der anderen Seite, ebendiese Verbindung funktioniert in Wien, wie ich meine, sehr gut. Und das ist eine Voraussetzung, um auch die hohe Lebensqualität für die Zukunft zu erhalten."

MEIN WIEN: Das ist die soziale Frage: Was tut Wien, was kann die Stadt tun, damit wirklich alle Wienerinnen und Wiener von dieser hohen Lebensqualität profitieren?

Ludwig: "Ich möchte nicht verhehlen, dass es eine ganz wichtige und zentrale Voraussetzung ist, auch den Wirtschaftsstandort Wien zu stärken und damit neue Arbeitsplätze zu schaffen. Denn wir werden unsere sozialen Überlegungen nur dann realisieren können, wenn es uns auch gelingt, entsprechende Einnahmen zu lukrieren. Und auch da sind wir erfolgreich: Wien ist der Wirtschaftsmotor in Österreich mit 93 Milliarden Euro Bruttoregionalprodukt. Wien ist die stärkste wirtschaftliche Kraft in unserem Land. Es ist mit ein Grund, dass ich bei der letzten Bundesregierung sehr stark kritisiert habe, dass viele Maßnahmen gegen Wien gesetzt worden sind. Ich habe immer gesagt: Eine vernünftige Bundesregierung unterstützt Wien. Denn Wien ist ein wichtiger Motor für die gesamte Entwicklung unseres Landes. Von daher werde ich auch die kommende Bundesregierung stark daran messen, wie sie mit den Interessen Wiens und damit mit den Interessen der Wiener Bevölkerung umgeht."

Vizebürgermeisterin Birgit Hebein im Gespräch

Hebein: "Ich werde alle Maßnahmen, die ich setze in meinem Ressort - also Klimaschutz, Stadtplanung, Verkehr und BürgerInnenbeteiligung - so setzen, dass sie klimatauglich sind, dass sie nachhaltig sind und sozialem Zusammenhalt dienen. Eine der ersten Initiativen, die ich gesetzt habe, war ein Dialog mit der Bevölkerung in Favoriten. Dort entsteht ein riesiges Stadterneuerungsgebiet, 'Favoriten Süd'. Dort geht es um Dorfkerne, um Oberlaa, um Rothneusiedl, um Grünraum. Meine Aufgabe ist es, 10.000 bis 12.000 Widmungen für Wohnungen zu setzen, mehr Orte zu schaffen, wo sich alle Menschen treffen können, Begegnungszonen, wo man Platz für Menschen schafft, und wo unsere Bauordnung umgesetzt wird. Wir fokussieren uns auf die Förderung von alternativen Energien. Die sollen leistbar sein für alle, nicht nur für die frei finanzierten Wohnungen. Auch ist mir sehr wichtig, dass wir in der Stadt Platz schaffen für das Setzen von Bäumen, vor allem im dicht verbauten Gebiet. Das halte ich für elementar wichtig, der Baum ist ein Juwel in unserer Stadt. Und wir haben uns gemeinsam vorgenommen: Null CO2-Ausstoß im Verkehr mit der Smart City Strategie. Das ist sehr ambitioniert, und ich habe einen recht praktischen Zugang: Wir müssen vor allem in den Außenbezirken den öffentlichen Verkehr ausbauen. Die Leute brauchen Alternativen fürs Umsteigen.
Für mich wird die Klimakrise und die enorme Hitze ein bisschen unterschätzt: Was sie nämlich für gesundheitliche Auswirkungen auf Menschen hat. Ich habe viele Gespräche geführt mit alten Menschen. Die gehen bei Hitze nicht mehr aus dem Haus, das ist das Thema Vereinsamung. Da bietet die Smart City Strategie und die Stadtplanung viele Möglichkeiten, in allen Bereichen nachhaltig zu agieren und die Stadt lebenswert zu halten. Und unterschätzen Sie nicht das unglaubliche Engagement der Wienerinnen und Wiener, wenn Sie über den sozialen Zusammenhalt reden. Unheimlich viel funktioniert miteinander und untereinander, etwa die Nachbarschaftshilfe. Wien ist schon manchmal raunzert, aber hat eigentlich enorm klasse Leut'. Man darf die Wienerinnen und Wiener nicht unterschätzen."

MEIN WIEN: Zu einem guten Leben gehört auch eine gute Arbeit. Was sind Initiativen, welche die Stadt am Arbeitsmarkt setzt?

Ludwig: "Mir ist wichtig, dass wir die Zukunft des Arbeitsmarkts und damit des Wirtschaftsstandortes gemeinsam entwickeln, auch mit den Sozialpartnern. Das ist auch der Grund, warum ich den ersten Sozialpartnergipfel im Rathaus durchgeführt habe und wir ein Übereinkommen mit allen Sozialpartnern geschlossen haben. Ich bin sehr froh, dass die Kooperation mit den Sozialpartnern in Wien sehr gut funktioniert, verglichen zu dem, was in den letzten Monaten auf Bundesebene stattgefunden hat. Wien ist nicht nur Wirtschaftsmotor in Österreich, Wien ist auch in manchen Bereichen - was wenige wissen - ganz an der Spitze. Wien ist nicht nur Nettozahler beim Finanzausgleich, wir sind auch im Regelfall - nach Oberösterreich, gemeinsam mit der Steiermark - auf Platz 2, was die Industrieentwicklung betrifft. Wir haben den höchsten Anteil an Betriebsansiedlungen aus dem internationalen Bereich. Von daher wollen wir große Betriebe unterstützen, aber auch den Kontakt mit den Klein- und Mittelbetrieben forcieren. Das wirkt sich positiv aus auf die Arbeitsplatzzahlen. Neben Jungen beim Einstieg in die Arbeitswelt wollen wir insbesondere Menschen über 50 in der Arbeitswelt unterstützen. Sie kommen ganz stark unter Druck, werden oft ungerechterweise schlechter behandelt. Ich habe deshalb sehr kritisiert, dass die letzte Bundesregierung die 'Aktion 20.000' abgeschafft hat, wo es darum gegangen ist, gerade Menschen über 50 stärker zu unterstützen. In Wien machen wir das anders. Wir sehen ab Herbst eine besondere Förderung für Menschen über 50 auf dem Arbeitsmarkt vor. Ich glaube, das sind besonders motivierte Frauen und Männer, die ungerechterweise zu wenig Zugang zu Arbeitsplätzen haben.

Schwerpunkte Wohnbau, Mobilität und Sicherheit

MEIN WIEN: Frau Vizebürgermeisterin, Sie sind neue Planungs- und Verkehrsstadträtin nach Maria Vassilakou. Was sind ihre Schwerpunkte in den kommenden Jahren?

Hebein: "In erster Linie hat Maria Vassilakou das 365-Euro-Jahresticket hinterlassen. Ich finde das nach wie vor genial, was Wien da geschaffen hat. Nämlich leistbar und ökologisch - das ist genau die Verbindung, die mir so wichtig ist. Meine Aufgabe ist es, alles zu tun, dass die Stadtentwicklungsgebiete für die Zukunft so vorbereitet werden, dass es in erster Linie genug leistbaren Wohnraum gibt, und hier auch die Bauträger zu motivieren. Wir schaffen jetzt neue Verordnungen, erneuerbare Energien einzusetzen, die allen zugutekommen. Ich bin auch dafür zuständig, dass wir den öffentlichen Raum so gestalten, dass alle etwas davon haben. Ich sage ganz offen: Da ist mir der Menschen wichtiger als das Auto. Da liegt noch einiges vor uns - auch an kritischen Diskussionen. Diesen stelle ich mich gern. Es braucht Antworten, was den Verkehr und die Mobilität anbelangt, und Antworten, was den öffentlichen Raum anlangt, der allen gehört. Aber auch Antworten auf die Frage: Was machen wir mit den Pendlerinnen und Pendlern, täglich 250.000, die reinstauen nach Wien. Daran führt kein Weg vorbei, dass man da etwas Gemeinsames auf die Füße bringt. Bei der Parkraumbewirtschaftung will ich einen 'Parkgipfel' machen und lade alle an einen Tisch. Das andere sind die Widmungen und Stadterweiterungsgebiete. Wir werden einige Begegnungszonen, einige lebendige Bereiche in den Bezirken eröffnen. Auch darüber hinaus haben wir rot-grüne Vorhaben, zum Beispiel die Mindestsicherung, wenn Menschen in Not geraten. Da haben wir uns gemeinsam gegen Türkis-Blau gestellt, die Politik auf dem Rücken der Ärmsten machten. Es passiert so schnell, dass man in eine Notsituation gerät. Menschen sollen sich weiterhin darauf verlassen können, dass die Stadt sie unterstützt. Die alte Regierung hat viele Maßnahmen gegen Wien gesetzt, das war offensichtlich - bis hin zu Pferderln, die gegen Wien reiten. Wo schon Polizisten sagen, dass sie unterbesetzt sind, eigentlich bräuchten sie mehr Polizeistationen. Aber auch bis zur Schäbigkeit, Kinder in noch mehr Armut drängen zu wollen. Das ist schon auch eine Charakterfrage, so weit zu gehen, eine Gesellschaft zu spalten. Das kommt für uns in Wien überhaupt nicht infrage."

Zusammenarbeit mit dem Bund, Ländern und Gemeinden

MEIN WIEN: Zur Bundespolitik: Was erwarten Sie sich von der nächsten Bundesregierung?

Bürgermeister Michael Ludwig und Vizebürgermeisterin Birgit Hebein im Interview

Ludwig: "Ich denke, wir können sehr selbstbewusst auftreten. Wir sind eine starke Wirtschaftskraft für die gesamte Ostregion. Das ist auch ein Grund dafür, dass ich die Kooperation mit allen Bundesländern sehr stark forciere, aber auch mit allen Städten und Gemeinden. Die Maßnahmen der vergangenen Bundesregierung haben sich stark gegen Wien gewandt, aber auch insgesamt gegen den urbanen Raum. Von daher muss man sehen, wie gemeinsame Interessen auch gegenüber einer neuen Bundesregierung formuliert werden. Das werden wir in Wien sehr selbstbewusst tun, denn wir tragen sehr viel bei - auch im internationalen Wettbewerb. Die Marke Wien ist in vielen Ländern bekannter als Österreich, von dieser Marke profitieren auch viele in unserem Umland. Von daher erwarten wir uns eine entsprechende Unterstützung der nächsten Bundesregierung, und nicht eine laufende Auseinandersetzung. Die Wiener Bevölkerung hat sich das verdient. In Wien leben viele fleißige Menschen, die dazu beitragen, dass Österreich international sehr bekannt ist. Von daher dränge ich sehr stark darauf, dass unsere Interessen auch entsprechend wahrgenommen werden."

Hebein: "Ich erwarte mir in erster Linie, dass wir zu einer Versachlichung zurückkehren. Das war ja nur noch Inszenierung, Überschriften, und eine Spaltung hinein bis zum Versuch, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Justiz, unabhängige Medien infrage zu stellen. Ich erinnere auch an das Ibiza-Video. Das muss man sich einfach vor Augen halten. Die wollten wirklich Wasser verkaufen, bis was auch immer. Das andere ist: Ich erwarte mir natürlich - und das ist wahnsinnig dringend - bis Ende des Jahres einen Klima- und Energieplan, den Österreich ja der EU vorlegen muss. Ich halte es für komplett widersinnig und grob fahrlässig, dass man lieber bis zu 10 Milliarden Euro Strafe zahlt, anstatt wirklich in Klima- und Energieschutzmaßnahmen zu investieren. Da sind wir gern bereit, Wien als Partnerin der Sache zu sehen. Wir haben schon viel versäumt, denken Sie an China. Dort wurde viel und schnell in E-Mobilität investiert. Das heißt, darin liegt eine Chance, auch in neue Technologien zu investieren. Der 3. Punkt: Respekt und Würde sind schon Werte, die wir in Wien versuchen zu leben. Insofern glaube ich, ist es absolut dringend, dass die Bundesseite die Frage der Armut ernsthaft beantwortet. Und dass man Möglichkeiten schafft, dass Menschen sich überhaupt wieder einen Wohlstand erarbeiten können, was ja heutzutage auch nicht mehr so einfach ist."

Ludwig: "Was mir zu dem Punkt immer wichtig ist, ist das Miteinander und nicht das Gegeneinander."

Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung

MEIN WIEN: Die Digitalisierung bringt einen gesellschaftlichen Wandel mit sich. Die städtischen Schulen werden mit WLAN ausgestattet, das ist eine Digitalisierungsmaßnahme der Stadt. Welche Chancen, welche Herausforderungen sehen Sie in der Digitalisierung?

Ludwig: "Beides. Ich sehe große Chancen. Wir sind gut beraten, dass wir die Infrastruktur herstellen, dass wir auch im internationalen Wettbewerb mit der Digitalisierung entsprechend umgehen können. Und es ist kein Zufall, dass österreichweit hier auf dem Rathausplatz der 1. Schritt mit der 5G-Technologie unternommen wird. Wir haben deshalb hier mit den 3 großen Kommunikationsanbietern mit der 5G-Technologie gestartet, weil der Rathausplatz ein Ort ist, wo oft an einem Abend Tausende Menschen zusammenkommen. Zum einen ist es für den Wirtschaftsstandort wichtig, dass wir die entsprechenden Rahmenbedingungen bieten. Mit dieser Chance sind aber auch Herausforderungen verbunden, vor allem im sozial gerechten Zugang zu diesen neuen Technologien. Es darf keine Stadt der 2 Geschwindigkeiten geben. Jene, die stark profitieren von dieser Entwicklung und andere, die zurückbleiben. Von daher ist es mir wichtig, dass wir in den Schulen die Möglichkeit haben, den Zugang zu finden - nicht nur in der technischen Ausstattung, sondern auch im Umgang mit diesen neuen Technologien. Es wird eine Herausforderung für die Lehrerinnen und Lehrer sein, dies als kritisches Thema zu vermitteln. Es gibt aber auch große Herausforderungen im Bereich Datenschutz, im sozial gerechten Zugang zu diesen neuen Technologien. Wie kontrollieren wir internationale Konzerne, die sich gerade in diesem Bereich verselbstständigen? Wie können wir garantieren, dass diese internationalen Konzerne auch einen finanziellen Beitrag für die öffentlichen Leistungen erbringen, in dem sie in ein gerechtes Steuersystem inkludiert werden? Schon bei meiner Antrittsrede als Wiener Bürgermeister habe ich angekündigt, Wien zur Digitalisierungshauptstadt Europas zu machen. Weil ich überzeugt bin, dass wir gute Möglichkeiten haben, den Wirtschaftsstandort zu stärken, Arbeitsplätze zu sichern. Aber auch, weil wir einen sehr kritischen Zugang haben, und auch die Frage der sozialen Gerechtigkeit mit inkludieren können."

Vorhaben und Ziele

MEIN WIEN: Sie arbeiten jetzt rund 2 Monate als Bürgermeister und Vizebürgermeisterin zusammen. Was sind Ihre weiteren Ziele der rot-grünen Zusammenarbeit bis zur nächsten Gemeinderatswahl?

Hebein: "Wir haben uns gemeinsam vorgenommen, das Koalitionsprogramm weiter abzuarbeiten. Die Wienerinnen und Wiener erwarten sich zu Recht von uns, dass wir bis zum Schluss gemeinsam arbeiten. Wir haben uns - Stichwort Klimaschutzprogramm, Stichwort Zukunft, Stichwort Flächenbezirke - Klausuren vorgenommen. Wir wollen und werden für unsere Stadt gemeinsam arbeiten. Und noch einmal, weil es mir wichtig ist: Das ist der soziale Zusammenhang, das, was Wien so dermaßen trägt. Das ist ein zentraler Punkt mit leistbarem Wohnraum. Ich verhehle auch nicht meinen Ärger über die alte Bundesregierung, weil sie es nicht geschafft hat, eine Mietrechtsreform zustande zu bringen. Wichtig ist auch der Klimaschutz, bei dem wir gemeinsam über den Wahltermin hinaus denken. Ich glaube, das verbindet uns auch. Weil: Eine lebenswerte Stadt Wien, das heißt Arbeit - und das machen wir gern."

Ludwig: "Wir haben gemeinsam viele Ziele formuliert, wie wir unsere Stadt weiterentwickeln wollen zu einer Stadt, die auch in Zukunft zu den lebenswertesten weltweit gehört. Wir wollen das gemeinsam machen - nicht nur mit unseren beiden Parteien, sondern auch mit der Opposition, mit den Sozialpartnern, mit den Religionsgemeinschaften, vielen Einrichtungen der Zivilgesellschaft. Ich bin der Überzeugung, dass es gut ist, diese Ziele auf sehr breiter Basis zu erreichen und wir die Bevölkerung mitnehmen. Wie wichtig es ist, Innovation mit Stabilität zu verbinden, das sehen wir, wenn man Wien mit dem Bund vergleicht. Wenn man sich anschaut was dort los ist, dass alle 17 Monate neu gewählt werden muss. Weil es offensichtlich nicht möglich ist, eine stabile Regierung und damit auch Zukunftsvisionen zu erreichen, dann sind wir in Wien ein stabiler Faktor. Ein verlässlicher Faktor. Einer, der sich Visionen und Innovationen vornimmt, aber auch in der Lage ist, aufgrund unserer stabilen Verhältnisse diese Ziele zu erreichen. Das vermisse ich derzeit auf Bundesebene. Von daher sind wir bereit, unsere Expertise, die wir in Wien erarbeiten, auch dem Bund zur Verfügung zu stellen."

Verantwortlich für diese Seite:
wien.at-Redaktion
Kontaktformular