Interview mit Wiens Bürgermeister Michael Häupl

"Das Volk ist der Souverän"

Wiens Bürgermeister spricht über engagierten Klimaschutz, die Wichtigkeit, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen, und "lustvolle Politik".

Mann mit Anzug und Krawatte sitzt auf Fauteuil-Sessel

MEIN WIEN: Einer der heißesten Sommer jemals geht zu Ende. Was bedeutet es für Großstädte wie Wien, wenn solche Hitzephasen künftig extremer werden?

Michael Häupl: Wir haben in Wien schon strenge Winter und sehr heiße Sommer erlebt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass es eine Tendenz zu mehr Hitzetagen und milderen Wintern gibt. Die Klimaveränderungen ziehen große Veränderungen nach sich: der Gletscherrückgang, aber auch Naturkatastrophen, wie wir in den vergangenen Wochen im In- und Ausland sehen konnten. Diese Entwicklungen zeigen, dass US-Präsident Trump eine falsche Politik macht, indem er das Klimaabkommen aufkündigt, anstatt eine engagierte Klimaschutzpolitik zu forcieren, so wie wir in Wien es machen. Aber die Politik einer Stadt, selbst eines Landes wie Österreich, ist nicht ausreichend. Das ist schon eine globale Aufgabe.

MEIN WIEN: Zuletzt wurden für Wien Dieselfahrverbote oder Umweltzonen debattiert. Wie stehen Sie dazu?

Mann mit Anzug und Krawatte sitzt auf Fauteuil-Sessel

Michael Häupl: Ich verstehe, warum man das diskutieren möchte, mache aber gleichzeitig darauf aufmerksam, dass wir den Modal Split, also wie die Wienerinnen und Wiener ihre täglichen Wege zurücklegen, in den letzten 20 Jahren massiv gedreht haben. Ursprünglich waren es 40 Prozent Individualverkehr und 20 Prozent öffentlicher Verkehr. Heute ist es genau umgekehrt. Dennoch: Es muss um eine globale Umweltpolitik der Europäischen Union gehen.

MEIN WIEN: Umwelt, Soziales, Integration, Wohnen, Bildung - an welchen Themen wird sich entscheiden, ob Wien auch in künftigen Jahrzehnten noch so lebenswert bleibt?

Michael Häupl: Die Frage der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik hat Priorität. Aus ihr ergeben sich die Möglichkeiten der Finanzierung des hohen Niveaus an Lebensqualität und auch eine möglichst geringe Arbeitslosigkeit, die für sich genommen schon eine Definition für Lebensqualität ist. Die Frage der Bildung und Ausbildung ist ebenfalls mit der Arbeitsmarktsituation verknüpft. Das Thema der Sicherheit ist sehr wichtig, womit ich sowohl die Sicherheit im engeren Sinn meine, aber auch die soziale Sicherheit. Jemand, der Probleme hat, soll sich sicher sein können, dass auf höchstem Niveau geholfen wird.

MEIN WIEN: Österreich steht mit der Nationalratswahl am 15. Oktober vor einer Richtungsentscheidung. Was bedeutet das für Wien?

Michael Häupl: Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit der damaligen ÖVP-FPÖ-Regierung, die Wien nicht sehr gut getan hat. Diese Paarung hat es geschafft, in Zeiten der Hochkonjunktur eine höhere Arbeitslosigkeit als jetzt zu produzieren. So etwas trifft eine Stadt mit der Wirtschaftsstruktur von Wien mit einem sehr hohen Dienstleistungsanteil besonders. Natürlich produziert die Politik keine Arbeitsplätze, aber sie schafft die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft. Das damalige Experiment kann man wohl getrost als gescheitert betrachten und sollte es nicht wiederholen.

MEIN WIEN: Es treten so viele Parteien an wie nie zuvor. Wie beurteilen Sie diese neue politische Vielfalt?

Michael Häupl: Wer die Wahl hat, wird wählerisch. Vor der Stimmabgabe sollte man jedoch gut überlegen. Die entscheidende Frage ist: Was will eine Partei, die für mich Politik machen soll, und stimmt das mit meinen Interessen überein? Ich halte es für grundlegend wichtig, dass die Wienerinnen und Wiener zur Wahl gehen, denn unsere Demokratie lebt davon, dass Menschen an ihr teilhaben. Und in einer parlamentarischen Demokratie kann man primär durch die Teilnahme an der Wahl mitentscheiden. Das Volk ist der Souverän.

MEIN WIEN: Werden echte Originale in der Politik ­immer weniger?

Michael Häupl (lacht): Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit. Jede politische Zeit hat ihre handelnden Personen. In der Zukunft sind halt offensichtlich viel pragmatischere Persönlichkeiten gefragt. Ich glaube zwar, um wirklich lustvoll Politik machen zu können, gehört ein gewisser Schmäh dazu, aber nur vom Schmäh kann man auch nicht leben.

MEIN WIEN: Welchen Rat geben Sie jemandem, der lange politisch erfolgreich sein möchte?

Michael Häupl: Keinen, ich gebe keine ungebetenen Ratschläge. Wenn mich allerdings jemand fragen sollte, ob sie oder er sich in der Politik engagieren soll, würde ich sagen: "Ja, ich halte das für gut, aber schau, dass du niemals von der Politik abhängig wirst."
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