Bahnhof Hauptzollamt: Die Metamorphose eines Verkehrsknotens (1848 bis 1962)

Vor Kurzem wurde das neue Bürogebäude in Wien Mitte eröffnet. An der Stelle, an der das Bahnhofs- und Bürogebäude errichtet wurde, lag bereits mit dem Bahnhof "Hauptzollamt" ab 1848 ein wichtiger Verkehrsknoten der Stadt.

Wiener Neustädter Kanal

Am Ende des 18. Jahrhunderts stieg der Holzbedarf Wiens enorm. Man versuchte, diese frühe Energiekrise durch die Verwendung von Steinkohle aus dem Ödenburger Kohlenrevier zu bekämpfen. Auf dem Wasserweg war diese am billigsten nach Wien zu transportieren. Deshalb wurde der Wiener Neustädter Kanal erbaut und 1803 in Betrieb genommen.

Aufstieg der Eisenbahn - der Bahnhof Hauptzollamt

Großes historisches Bahnhofsgebäude mit breiter Gleisanlage

Blick auf den Bahnhof Hauptzollamt (um 1930)

Mit dem Aufkommen der Eisenbahn ab dem Jahr 1837 stand ein wesentlich schnelleres Transportmittel zur Verfügung. Ab dem Jahr 1848 wurde ein Güterbahnhof mit dem Namen "Hauptzollamt" im trockengelegten Hafenbecken errichtet, um die Lebensmittel auf dem Bahnweg leichter in die Stadt bringen zu können. In der Nähe befanden sich die neu errichteten Markthallen. Der Name des Bahnhofes bezieht sich auf das nahegelegene Gebäude des Hauptzollamtes, einer Zollbehörde, die Zölle und Verbraucher- und Einfuhrsteuern einhob. So eine "kaiserliche Hauptmaut" lässt sich seit der Mitte des 17. Jahrhunderts in Wien nachweisen.

Die neuen Bahnhöfe der Nord- und Südbahn, die aus militärischen Gründen vor dem Linienwall errichtet worden waren, sollten mit einer Verbindungsbahn verknüpft werden. Karl Ritter von Ghega schlug eine Bahnvariante neben dem Linienwall vor. Er meinte, dass "der Bau der Wiener Verbindungsbahn viel schwieriger ist als die ganze Semmeringbahn", da große Höhenunterschiede auf kürzesten Distanzen (50 Meter zwischen dem Hauptzollamt und dem Südbahnhof auf der Arsenalterrasse) überwunden werden mussten.

Planansicht: der Gebäudebestand in Schwarz, der neu geplante Bahnhof in Rot

Geländevermessung beim Bahnhof Hauptzollamt (1898)

So wurde der Wiener Neustädter Kanal teilweise trockengelegt, um die Verbindungsbahn verwirklichen zu können. Diese Verbindungsbahn war im Jahr 1859 fertig gestellt. Die Trasse zog man vom Südbahnhof in einem Bogen durch einen gegrabenen Taleinschnitt vor dem Linienwall durch den trockengelegten Wiener Neustädter Kanal bis zur Beatrixgasse. Dann verlief die Bahn bis zum Donaukanal auf Viaduktbögen.

Mit der Errichtung der Wiener Stadtbahn (1899 eröffnet) wurde die Bahntrasse der Verbindungsbahn tiefer gelegt, um dasselbe Niveau wie die Stadtbahn zu erreichen. Durch diese Verknüpfung konnte man Truppentransporte gegebenenfalls leichter durchführen. Der Personenverkehr auf diesen beiden Eisenbahnlinien hatte eher nachrangige Bedeutung. Die neue Kreuzungsstation wurde beim Hauptzollamt geplant. Mit dem Bau des Bahnhofsgebäudes wurde Otto Wagner beauftragt, der dieses Gebäude in den Jahren 1897 bis 1898 errichtete.

Architektur des Bahnhofes Hauptzollamt

Vorderansicht des Bahnhofs: Symmetrisch gegliederte, mehrstöckige Fassade mit zentralem Eingangsbereich

Gebäudeansicht mit Mittelrisalit

Der Bahnhof hatte an der Straßenseite drei, an der Bahnseite vier Geschoße und war mit einem Walmdach gedeckt. Die Fassade war durch einen in der Mitte vorspringenden Baukörper, einen Mittelrisalit, betont, in dem sich die Bahnhofshalle befand, die durch alle Geschoße reichte. Links und rechts neben der großzügigen Bahnhofshalle waren im Erdgeschoß Schalterräume, Wartesäle und WC-Anlagen untergebracht. In mehreren Geschoßen befanden sich Wohnungen für Bahnbedienstete. Eine eigene große Stiege links neben der Wartehalle verband das Untergeschoß und den davor liegenden Bahnsteig. Von der Wartehalle führte bahnseitig ein Fußgängersteg über die Geleise zu zwei weiteren Bahnsteigen. Die Flachdachkonstruktion wurde durch gusseiserne Säulen getragen. Auch ein Personenlift, ein Novum für diese Zeit, war in dieser Station vorhanden.

Die Glas-Eisenkonstruktion der Fassade entsprach der damaligen Konzeption des europäischen Bahnhofsbaues. Die Ornamentik war einerseits noch der Gründerzeit zuzurechnen, auf der anderen Seite tauchten die typischen Jugendstilelemente Otto Wagners an der Fassade auf. Der Bahnhof war weiß verputzt, die Holz- und Eisenteile in Dunkelgrün gehalten.

Abbruch des Hauptzollamts

Schwarz-Weiß-Fotografie: beschädigtes Bahnhofsgebäude

Hauptzollamt kurz vor dem Abriss (um 1960)

Die Überlegungen für eine völlige Umorganisation des Verkehrsknotens Hauptzollamt setzten Anfang der 1950er-Jahre ein. So wurden die nicht denkmalgeschützten Bauwerke entfernt, um Platz für einen raschen innerstädtischen Verkehrsträger auf der Verbindungsbahn, die spätere Schnellbahn (1962 eröffnet), schaffen zu können. Auch ein Busbahnhof und Einkaufszentrum wurden geplant.

Neubau in den 1960er-Jahren

Die Station Hauptzollamt wies keine Kriegsschäden auf. Im Jahr 1959 wurde der Beschluss des Abbruches aus mangelndem Verständnis für die bemerkenswerte Architektur der Stadtbahnstationen Otto Wagners gefasst. Ein Grund war unter anderem der schlechte Zustand des Gebäudes. Die Renovierungs- und Adaptierungskosten für die frühere Stadtbahnhaltestelle Hauptzollamt, die ab dem Jahr 1962 in "Landstraße" umbenannt wurde, wären zu hoch gewesen. Aus diesem Grund entschloss man sich zum Neubau des Bahnknotens, der billiger käme. Daher musste die Otto-Wagner-Architektur einem modernen Bahnhof im Stile der 1960er-Jahre weichen. Die Funktion als Umsteigeknoten (Stadtbahn, Schnellbahn) behielt auch der neue Bahnhof. Allerdings wurde die Funktion des Kreuzungsbahnhofes schon 1921 aufgegeben, als die Stadtbahn durch die Gemeinde Wien, die k.k. Staatsbahn hingegen von den Bundesbahnen übernommen wurde. Die Gleisverbindungen zwischen Stadtbahn und Verbindungsbahn wurden abgetragen.

Neubau im 21. Jahrhundert

Seit den 1990er-Jahren bestanden Pläne für eine neue, dichtere Überbauung des Bahnhofsareals. 1999 wurde ein völliger Neubau des Bahnhofes geplant, wobei das Projekt bis zu 97 Meter hohe Bürotürme vorsah. Nicht nur gegen diese Türme, sondern auch gegen die unverhältnismäßige Verdichtung und die damit verbundenen Verkehrs- und Strukturprobleme wandte sich eine Bürgerinitiative. Auch stellte die UNESCO die Frage, ob dieses Projekt mit dem Weltkulturerbe-Status der unmittelbar benachbarten Wiener Altstadt verträglich sei. Dieses Projekt wurde im Jahr 2003 fallen gelassen.

Das nun verwirklichte Projekt wurde im Gesamtausmaß reduziert. Das verbaute Volumen beträgt 127.000 Kubikmeter. Die Hochhäuser haben eine Maximalhöhe von 70 Metern. Ein Einkaufszentrum, Büroflächen und ein Hotel mit circa 300 Zimmern vervollständigen den neuen Bahnhof. Der Baubeginn erfolgte am 11. Oktober 2007. Am 6. November 2012 wurde der neue Bahnhof Wien Mitte eröffnet.

Quellen

  • Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien Bd. 3., Wien 2004
  • Ernst Kurz, "Die städtebauliche Entwicklung der Stadt Wien in Beziehung zum Verkehr", in: Beiträge zur Stadtforschung, Stadtentwicklung und Stadtgestaltung 6, Wien 1981
  • Erich Schlöss, "Die Wiener Stadtbahn. Wiental- und Donaukanallinie", in: Beiträge zur Stadtforschung, Stadtentwicklung und Stadtgestaltung 19, Wien 1987
  • Manfred Wehdorn, "Die Bautechnik der Wiener Ringstraße", in: Die Wiener Ringstraße. Bild einer Epoche 11, Wiesbaden 1979.
  • Projekt Wien-Mitte
  • Die Geschichte der früheren Wiener Stadtbahn (1898-1989)
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