Entwicklung Wiens zur Stadt

Die frühen Entwicklungen

Ölgemälde: Szene aus der Flucht nach Ägypten, Maria, Jesuskind und Josef, im Hintergrund mittelalterliche Stadt

Stadtansicht auf dem Wiener Schottenaltar (um 1470)

Aus der Epoche vom 5./6. bis zum 9. Jahrhundert sind keine schriftlichen Nachrichten über das Schicksal des antiken Römerlagers Vindobona sowie der hiesigen Zivilstadt erhalten. Nach aktuellen archäologischen Erkenntnissen ist jedenfalls eindeutig von einer Siedlungsunterbrechung, verbunden mit dem Fortbestehen baulicher Reste, somit einer "Ruinenkontinuität", auszugehen. Bereits um 800 dürfte es zu ersten Kirchengründungen gekommen sein. Bei der Kirche St. Ruprecht weist der salzburgische Titelheilige auf eine Entstehung in der Zeit vor 829. In diesem Jahr wurden die Diözesangrenzen zwischen Salzburg und Passau neu geregelt. Das ebenfalls über einen Salzburger Titelheiligen verfügende St. Peter wurde zur ersten Pfarre Wiens.

Spätestens auf das 10. Jahrhundert dürfte die Passauer Gründung St. Stephan zurückgehen, freilich noch lange nicht als Pfarrsitz. Von einer Stadt oder auch nur von städtischen Strukturen kann jedenfalls keine Rede sein. Für die 881 erstmals mit ihrem heutigen Namen ("Wenia") belegte Siedlung sollten im Gefolge der ungarischen Expansion im 9. und 10. Jahrhundert abermals schwere Zeiten anbrechen. Spätestens um die Jahrtausendwende gibt es erste Hinweise auf eine frühe, noch sehr bescheidene Konsolidierung.

Wien wird Stadt

Sesshaftwerdung, Christianisierung der Ungarn und eine massive Kolonisationsbewegung im Donauraum schufen die Voraussetzungen für einen allgemeinen Aufschwung der Siedlungstätigkeit. Dies geschah innerhalb des Rahmens der seit 976 bestehenden Markgrafschaft Österreich unter den Babenbergern. Für den Siedlungsplatz Wien, der noch bis ins 12. Jahrhundert an der Grenze zu Ungarn lag, wirkte sich der Aufschwung erst vorteilhaft aus, als die österreichischen Landesfürsten ihre Position endgültig gefestigt hatten. Die Entwicklung Wiens zur voll ausgebildeten Stadt wurde erst durch einen vertraglich geregelten Interessenausgleich mit dem Bistum Passau 1137/38 möglich.

In den frühen 1150er-Jahren verlegten die österreichischen Markgrafen, damals auch Herzöge von Bayern, ihre Residenz nach Wien. Sie errichteten ihre Pfalz Am Hof und gründeten Wiens ältestes Kloster, St. Maria bei den Schotten. Vorbildwirkung für so manche Maßnahme übte vor allem die bayerische Hauptstadt Regensburg aus, die allerdings binnen weniger Jahrzehnte von Wien überflügelt wurde. Schon um 1170 sprach ein auswärtiger Beobachter davon, dass Wien die "civitas metropolitana", der hervorragendste Platz im nunmehrigen Herzogtum Österreich (seit 1156), sei.

Universitätsstadt und Bischofssitz

Das späte Mittelalter kann als Blütezeit sowohl im Hinblick auf die Umsetzung der bürgerlichen Autonomie wie auch im Hinblick auf den Ausbau der Stadtlandschaft Wiens gelten. Die städtebaulich-topographische Entwicklung lässt sich aus Gründen der besseren Überlieferung vor allem an der Ausgestaltung der Kirchenlandschaft ablesen. Die Grundlagen waren bereits unter den Babenbergern gelegt worden. Unter habsburgischer Herrschaft, insbesondere während des 14. Jahrhunderts, kam es zu einer weiteren Intensivierung und Dynamisierung. Die ältesten erhaltenen Stadtansichten ab dem zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts zeigen eine dicht verbaute, spätmittelalterliche Stadt mit hoch aufragenden Giebelhäusern und zahlreichen Kirchenbauten. Sie belegen, dass die schon seit der Zeit um 1200 nach und nach stärker besiedelte Vorstadtzone markant an Konturen gewonnen hatte. Die Ausfallsstraßen stellten dabei gleichsam die Arterien der Entwicklung dar.

Spätestens im 14. Jahrhundert setzte die gotische Umgestaltung der Stadtlandschaft massiv ein und drückte dem Stadtbild bis ins frühe 17. Jahrhundert seinen Stempel auf. Exemplarisch lässt sich dies an der Umgestaltung der Pfarrkirche St. Stephan verfolgen, deren kirchenrechtliche Position als Sitz der Pfarre sich erst 1469 wandelte, als Wien und damit seine Hauptkirche zum Bischofssitz erhoben wurde. Die geistige Ausstrahlung der Stadt, nachhaltig vom habsburgischen Hof dominiert, erfuhr im 14. Jahrhundert mit der Gründung der Wiener Universität (1365) und deren folgendem Ausbau eine entscheidende Bereicherung. Nach der Universität in Prag, die 1348 durch Kaiser Karl IV. gegründet wurde, ist Wien damit die zweitälteste "deutsche" Universität.

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