Stadtwachstum ab Mitte 19. Jahrhundert - Stadtgeschichte Wiens

Zwei Pferde ziehen einen Straßenbahnwaggon

Pferdestraßenbahn

Das Wachsen des Stadtgebietes und der Bevölkerungszahlen sowie die wirtschaftliche Veränderungen erforderten einen Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Die Trennung der traditionellen räumlichen Verbindung von Wohn- und Arbeitsstätte führte zu einer erhöhten Mobilität. Dieses weitgehend neue Phänomen war durch die überregionale Verkehrsentwicklung mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt wie der Eisenbahnen in gewisser Weise bereits vorweggenommen. Bei den ersten Pferdestraßenbahnen Wiens standen interessanterweise andere Motive im Vordergrund. Es ging um die Erschließung der schönen Wiener Umgebung.

Bald wurde das neue Massenverkehrsmittel für weite Kreise der Bevölkerung unverzichtbar. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die so genannte Stadtbahn mit rings um die Vorstädte geführten Linien gebaut. Deren Trassenführung war durch die Auflassung der letzten noch verbliebenen Befestigungen Wiens, des sogenannten Linienwalls, möglich geworden. Wurde diese Stadtbahn von allem Anfang an mit Dampf betrieben, so erfolgte bei den Straßenbahnen ab der Jahrhundertwende die Elektrifizierung.

Baukonjunktur

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschte in Wien eine deutliche Baukonjunktur. Diese blieb in manchen Bereichen vom Kollaps im Gefolge der schweren Wirtschaftskrise im Zeitalter der Wiener Weltausstellung von 1873 nicht verschont. Immer mehr wuchsen Stadtgebiet und Vororte zusammen.

Viele Probleme konnten von den damals noch zu Niederösterreich gehörenden Gemeinden aufgrund ihres geringeren Steueraufkommens nicht im Alleingang gelöst werden. In den Jahren 1890/92 kam es daher zu weiteren Eingemeindungen. Die Vororte südlich der Donau kamen zu Wien. 1904 wurde das nördlich des Stroms gelegene Floridsdorf, das im Zusammenhang mit der dort vorhandenen Maschinenindustrie einen großen Aufschwung genommen hatte, eingemeindet.

Rasantes Bevölkerungswachstum

Die Bevölkerungszahlen Wiens waren als Folge der Eingemeindungen sowie der starken Zuwanderung in die Metropole der österreichisch-ungarischen Monarchie weiterhin rasant angestiegen. Seit 1869 liegen die Ergebnisse regelmäßig abgehaltener Volkszählungen vor: 1880 waren es 726.000 Einwohnerinnen und Einwohner, 1890 nach der Eingemeindung der Vororte 1,365.000, 1910 wurde mit 2,031.000 Einwohnerinnen und Einwohnern der höchste Stand in der Geschichte der Stadt erreicht. Die Einwohnerzahlen im Jahr 1910 im Vergleich: London hatte eine Bevölkerung von 7,25 Millionen, Paris von 2,85 Millionen und Berlin von 2,07 Millionen.

Wohnsituation

Foto einer Frau mit Kindern in einer Waschküche (frühes 20. Jahrhundert)

Frau mit Kindern in Waschküche

Die Gestaltung der Wohnverhältnisse lag in der Hand von privaten Unternehmern. Der Ausdruck "Gründerzeit" bezeichnet dies in äußerst charakteristischer Weise. Wohnungssuchende waren stark von den privaten Hauseigentümern abhängig. Das führte zu gravierenden Missständen. Als typisch für diese Epoche gelten Wohnungen, bei denen vom Hausflur aus direkt die Küche betreten wurde, nur über einen im Hausflur befindlichen Wasseranschluss verfügten und weder Bad noch Toilette hatten. Mit der enormen Höhe der Mieten hing auch das soziale Phänomen der "Bettgeher" zusammen. Das heißt, die Wohnungsmieter vermieteten einzelne Betten für die Übernachtung an Leute, die sich keine eigene Wohnung leisten konnten.

Diese Wohnungssituation war vor allem für den Bereich der Wiener Vorstädte kennzeichnend. Daneben gab es Bezirke, die von Anfang an eher der Oberschicht vorbehalten waren. Hier wirkten sich nicht selten ältere Strukturen aus. Das gilt zum Beispiel für den Bereich der Wieden (4. Bezirk) mit vielen ausländischen Botschaften oder für die Josefstadt (8. Bezirk) mit einer wohlhabenden Bevölkerung von Notaren, Anwälten sowie höheren Beamten. Außerhalb der Stadt, in den Vororten, befanden sich schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Villenviertel.

Kommunalisierung

Den parallel dazu stark gestiegenen Anforderungen an die städtische Infrastruktur musste um die Jahrhundertwende - nach dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs mit der Errichtung der Stadtbahn und der Errichtung der Zweiten Wiener Hochquellenleitung - abermals Rechnung getragen werden. Die Stadtverwaltung und Stadtregierung ging dazu über, in einer umfassenden Welle von Kommunalisierungen bisher privater Unternehmungen die wichtigsten Bereiche der technischen Infrastruktur in Eigenregie der Stadt betreiben zu lassen.

Dies galt besonders für die Verkehrseinrichtungen, die Elektrizitäts- wie auch die Gasversorgung der Stadt. Deutlichen Niederschlag fanden diese Maßnahmen, mit der im Wesentlichen eine Steigerung der städtischen Einnahmen angestrebt wurde, in einem rasanten Ansteigen der Budgetausgaben. Nach der Höhe der aufgewendeten Mittel dominierten die Bereiche Bildung, Gemeindeschuld, Straßen, Allgemeine Verwaltung, Fürsorge und Wasserversorgung.

Allgemeines Wahlrecht

Alle diese Maßnahmen waren Ausdruck tief greifender Änderungen im Hinblick auf die Partizipation breiterer Kreise der Bevölkerung am politischen Leben. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es zum Aufstieg von Massenparteien gekommen. Parallel dazu wurde das Wahlrecht deutlich ausgeweitet, das sich vom Privilegienwahlrecht zum allgemeinen Wahlrecht (1907 für Männer, 1919 für Frauen) entwickelte. Dabei sind vor allem die bis zum Ende der Monarchie im Jahr 1918 tonangebende christlichsoziale Bewegung wie die sich ab dem Beginn der Ersten Republik durchsetzende Sozialdemokratie zu nennen.

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Wiener Stadt- und Landesarchiv (Magistratsabteilung 8)
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