Vom "Roten Wien" zur Diktatur - Stadtgeschichte Wiens

Das "Rote Wien"

Foto vom Gemeindebau Sandleiten (1927)

Gemeindebau Sandleiten 1927

Nach der Trennung von Niederösterreich nahmen die politischen Verhältnisse ausgeprägte Konturen an. Wien wurde in den 1920er-Jahren und in den frühen 1930er-Jahren zum international renommierten Modellfall einer sozialdemokratisch geführten Stadtverwaltung, dem "Roten Wien". Vor dem Hintergrund von unter dem Begriff "Demokratisierung" durchgeführten Anpassungen der Stadtverfassung war es vor allem die radikale Wende in der Einnahmen- und Ausgabenpolitik der Stadt, die die neuen Errungenschaften auf dem Sektor der Sozialpolitik möglich machte. Damals gelangte erstmals eine wahre Umverteilungspolitik zur Durchsetzung. Etwas mehr als die Hälfte der kommunalen Steuern wurde den besitzenden Schichten auferlegt. Dies machte es im Bereich der Bildungspolitik und der Maßnahmen auf dem Sektor der Gesundheitsfürsorge möglich, eine Reihe beachtlicher Erfolge zu erzielen.

Kommunaler Wohnbau

Im Zentrum stand aber der weit über die Grenzen Österreichs hinaus als wegweisend geschätzte kommunale Wohnbau. Im Vordergrund stand die Schaffung von mit Wasser und Toiletten ausgestatteten, lichtdurchfluteten Wohnungen. Bei diesen wurde hinsichtlich der gesamten Wohnbauanlage Wert auf entsprechende Grünflächen und damit auf die Verfügbarkeit von Erholungsraum gelegt. Damit wurde die akute Wohnungsnot bekämpft, eines der städtischen Hauptprobleme in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Daneben wurden vor allem in den wirtschaftlich schweren Jahren nach dem Ersten Weltkrieg Siedlungsmaßnahmen an den Stadträndern vorangetrieben. Hier hatte man die Möglichkeit der Selbstversorgung aus den kleinen Gärten bei diesen Siedlungshäusern im Auge.

Von der Krise zum Ständestaat

Foto vom Bau der Wiener Höhenstraße mit Pferdefuhrwerken (1934)

Bau der Wiener Höhenstraße 1934

Die Ereignisse spielten sich vor dem Hintergrund einer immer schwieriger werdenden wirtschaftlichen Lage und - eng damit verbunden - einer zunehmenden politischen Radikalisierung ab. Zwischen den beiden großen politischen Lagern - dem sozialdemokratischen wie dem christlichsozialen - ergab sich eine immer deutlichere Polarisierung. Im Juli 1927 kam es im Gefolge von tätlichen Demonstrationen nach einem Fehlurteil zum Brand des Justizpalastes. Die Spirale der politischen wie wirtschaftlichen Krise begann sich immer mehr zu drehen. Der Zusammenbruch einer der größten Banken des Landes und die steigenden Arbeitslosenzahlen waren dafür symptomatisch. Regelrechte Paukenschläge waren 1933 die Auflösung des Parlaments sowie wenige Monate später der Bürgerkrieg im Februar 1934. Die demokratische Verfassung endete damals, der so genannte Ständestaat begann. In Wien gab es kein gewähltes Stadtparlament mehr. Möglichkeiten der Arbeitsbeschaffung wurden in der Ära des Ständestaates in der Realisierung von Großprojekten gesehen, vor allem auf dem Gebiet des Straßenbaus. Aus diesen Jahren stammen nicht nur die Aussichtsstraße über den höchsten Berg Österreichs, die Großglockner-Hochalpenstraße. In Wien entstand damals eine vergleichbare Anlage mit der Straße auf den Kahlenberg, den Aussichtsberg der Stadt.

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