Ringstraßen-Ära - Stadtgeschichte Wiens

Stadterweiterung

Plan Wiens mit dem Projekt der Ringstraße (um 1860)

Projekt der Ringstraße um 1860

Das Revolutionsjahr 1848 mit nur vorübergehend erfolgreichem Streben nach einer Verfassung sollte zumindest im Hinblick auf die damals durchgesetzte Abschaffung der Grundherrschaften das Tor für eine neue Zeit öffnen. Die grundherrschaftlichen Rechte im Hinblick auf Verwaltung und Justiz gingen auf staatliche Einrichtungen über. Für die Stadt Wien selbst waren die Hindernisse der vielfach konkurrierenden Grundherrschaften ein- für allemal beseitigt. 1850 kam es zu einer ersten Erweiterung der Stadt. Im Wesentlichen wurde die innerhalb des Linienwalls gelegene vorstädtische Zone eingemeindet und in Bezirke gegliedert.

Errichtung der Ringstraße

Angesichts dieser völlig neuen territorialen Situation wurde nun die Frage des weiteren Fortbestehens der Stadtmauern intensiv diskutiert. Zunächst konnten sich einige Jahre lang die militärischen Kreise mit ihrer Forderung nach Aufrechterhaltung dieser massiven Grenzziehung behaupten. Dabei spielte vor allem der Hinweis auf die revolutionären Entwicklungen dieser Jahre eine maßgebliche Rolle. Erst 1857 fiel der Entschluss Kaiser Franz Josephs zur Auflassung der städtischen Befestigungen. Das nunmehr freiwerdende Bauland - noch dazu Bauland in allerbester städtischer Lage - wurde sofort in die Planungen einbezogen. Es handelte sich dabei nicht nur um den Ort der Stadtmauern. Einbezogen wurde der gesamte alte militärische Rayon der Befestigungen, somit ein breiter Gürtel rings um die Innenstadt. Bis heute wird der Name Wiens international mit dem Begriff der "Ringstraße" verbunden. An der damals auf diesem Gebiet angelegten Prachtstraße entstanden eine Reihe öffentlicher Gebäude. Geprägt von dem damals neuen Baustil des Historismus entstanden hier Ministerien, Museen, die Hof- beziehungsweise heutige Staatsoper, das Reichsratsgebäude, in dem heute das österreichische Parlament seinen Sitz hat, die neue Universität und vieles andere mehr. Bis in die 1870er-Jahre wurde ein größerer Bereich an der Ringstraße weiterhin für militärische Zwecke als Exerzier- und Paradeplatz genutzt. Hier sollte relativ spät das im neugotischen Stil erbaute neue Rathaus der Stadt entstehen, das bis zur Gegenwart Hauptsitz der städtischen Verwaltung ist.

Ausbau der Infrastruktur

Der Gemeinderat wurde nach den Verfassungsänderungen von 1848 gewählt. Das noch länger äußerst eingeschränkte Wahlrecht sollte erst im Jahr 1907 für Männer beziehungsweise 1919 für Frauen den heute gewohnten, für die Allgemeinheit gesicherten Umfang erreichen. In dem 1850 festgelegten, neuen territorialen Rahmen konnte die auch konstitutionell neu gefasste Stadtregierung in den folgenden Jahrzehnten eine Reihe infrastruktureller Maßnahmen verwirklichen. Diese waren schon längst überfällig. Zunächst wurde noch länger mit privaten Unternehmen zusammengearbeitet. Erst um die Jahrhundertwende sollte eine große Kommunalisierungswelle einsetzen. Die Gasversorgung lag in den Händen der in englischem Besitz stehenden "Vienna Imperial Gas Association". Die Verfügbarkeit dieser neuen Energiequelle war damit deutlichen ökonomischen Restriktionen unterworfen. Bereits in den 1850er-Jahren wurde Gas für die Verbesserung der Straßenbeleuchtung herangezogen. Erst ab der Jahrhundertwende sollte es nach und nach von der neuen Energiequelle der Elektrizität abgelöst werden.

Donauregulierung

Eines der die Wiener Landschaft am nachhaltigsten beeinflussenden Bauprojekte war ohne Zweifel die 1869 bis 1875 durchgeführte Donauregulierung. Der Fluss hatte im Wiener Raum ein weit verzweigtes System von verschiedenen Wasserläufen gebildet. Dieses konnte erst seit dem späten Mittelalter (1439) auf einer Reihe von miteinander kommunizierenden Brücken überquert werden. Die Schifffahrt verfügte mit dem im Norden an der Innenstadt vorbeiführenden Arm über eine Anbindung an die Stadt. Nun wurde ein völlig neues Flussbett gegraben, von dem der Stadtarm als regulierter Donaukanal abzweigte. Die Schifffahrt verlief fortan über den Hauptstrom. Sie kam damit nicht mehr unmittelbar an die Stadt heran. Dies sicherte dem Bereich zwischen Donaukanal und Hauptstrom steigende wirtschaftliche Bedeutung.

Trinkwasserversorgung

Die völlig unzureichende Trinkwasserversorgung der enorm angewachsenen städtischen Bevölkerung wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts grundlegend neu gestaltet. Die Erste Wiener Hochquellenleitung wurde errichtet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts folgte eine zweite. Damit wurde aus einer Entfernung von mehr als 100 Kilometern aus dem Voralpengebiet an der Grenze zwischen Niederösterreich und der Steiermark südlich von Wien frisches Quellwasser herangeführt. Das war eine wesentliche Maßnahme im Interesse der Volksgesundheit. Um diese war es weiterhin in der Großstadt nicht zum Besten bestellt. Vor allem die soziale Lage vor dem Hintergrund von weiterer Industrialisierung wie auch höchst unzulänglicher Arbeitsverhältnisse trug dazu bei, dass die Lungentuberkulose als "morbus Viennensis" galt.

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