Recht und Gesellschaft im Mittelalter

Errichtung der Stadtmauer und Stadtrechtsprivileg

Initiale "W" im Stadtrechtsbuch

Wiener Stadtrechtsbuch, genannt "Eisenbuch" (1320)

Zwischen den 1190er-Jahren und etwa 1240 wurde die Stadtmauer errichtet, äußeres Zeichen jeder mittelalterlichen Stadt. Im Jahre 1221 wurde der bürgerlichen Gemeinschaft in Wien das Stadtrechtsprivileg verliehen. Beides war für Wien von entscheidender Bedeutung. Wenn der Landesfürst von Wien bereits 1207 als einer der bedeutendsten Städte des Reichsgebietes nach Köln sprach, so fand dies auch in den weit reichenden Handelsbeziehungen der Stadt seine Bestätigung.

Mit der Nutzung der Donaustraße wie durch intensive Kontakte im Süden, mit Venedig, befand sich Wien in einer ganz besonders günstigen Position. Entscheidende Bedeutung kam der Verleihung des so genannten Stapel- oder Niederlagsrechtes im Rahmen des bereits erwähnten Stadtrechtsprivilegs zu.

Bürgerliche Selbstbestimmung und habsburgische Machtentfaltung

In politischer Hinsicht gab es immer wieder Konflikte mit den Landesfürsten, die ab 1276 aus dem Haus der Habsburger stammten. Diese Konflikte bezeugen das hohe Ausmaß an bürgerlicher Autonomie. Letztere fand ihren Brennpunkt institutionell in dem seit 1221 belegten Ratsgremium und dem seit 1281 nachweisbaren Amt des Bürgermeisters. In baulicher Hinsicht ist dabei das erstmals für die 1280er-Jahre nachweisbare Rathaus in der Wollzeile zu nennen, dem ab 1316 das heutige "Alte Rathaus" in der Wipplingerstraße folgen sollte.

Rechtlich und repräsentativ fand diese Entwicklung auch in der Anlage des großen Stadtrechtsbuchs - genannt "Eisenbuch" - um die Mitte des 14. Jahrhunderts seinen Ausdruck. Mit dem Tod Friedrichs des Schönen (1330) büßten die Habsburger ihre Funktion als römisch-deutsche Könige für mehr als ein Jahrhundert ein. Erst Albrecht II. erlangte 1438 das Amt wieder. Dieser Machtverlust bestimmte die politischen Möglichkeiten während des späten Mittelalters für den Landesfürsten wie die Stadt nachhaltig.

Dabei ist es durchaus bemerkenswert, dass es in Wien im Gegensatz zu vielen anderen Städten Europas in dieser Epoche ungleich seltener zu Konflikten zwischen sozialen Gruppierungen innerhalb der Bürgerschaft kam. Den zentralen Beleg für diese relativ ruhig verlaufende konstitutionelle Entwicklung bildet das der Stadt 1396 verliehene "Ratswahlprivileg". In ihm wurde die drittelparitätische Aufteilung der Ratsmandate auf die "Erbbürger" (Patrizier), die Kaufleute und die Handwerker festgeschrieben. Wenn Konflikte auftraten, so orientierten sie sich im Regelfall an verschiedenen, miteinander im Wettstreit befindlichen Angehörigen des habsburgischen Hauses. Diesem Umstand verdankt Wien auch eine repräsentative Zusammenstellung seiner Privilegien aus dem Jahr 1460 und seinen prächtigen Wappenbrief aus dem Jahr 1461.

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Stadt Wien | Wiener Stadt- und Landesarchiv
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