Der wirtschaftliche Aufstieg Wiens im Mittelalter

mittelalterliche Urkunde

Vertrag zum Handel mit Venedig (1343)

Die wirtschaftliche Basis Wiens lag in den zwischen West und Ost sowie Nord und Süd gleich ausgebildeten Handelsbeziehungen und im Weinbau. War die Einschaltung in den West-Ost-Handel über die Donau durch das "Stapelrecht" von 1221 abgesichert, so traten Wiener Kaufleute im Hinblick auf den Handel mit dem Süden aktiv hervor. Sie verfügten bereits im frühen 13. Jahrhundert über eine Niederlassung im deutschen Handelshaus in Venedig (Fondaco dei Tedeschi). Das Stapelrecht oder auch Niederlagsrecht befugte eine Stadt dazu, von durchziehenden Kaufleuten zu verlangen, dass sie ihre Waren in der Stadt für einen bestimmten Zeitraum abluden, "stapelten" und anboten.

Hatte bereits Albrecht I. 1281 das "Stapelrecht" in seinem "Niederlagsprivileg" im Interesse der fremden Kaufleute wie zur Ankurbelung des Wirtschaftsgeschehens gelockert, sollte das System spätestens im 15. Jahrhundert immer brüchiger werden. Die Wahl neuer Routen durch den internationalen Handel wie ganz generell die Veränderungen der politischen Lage im europäischen Kontext ließen Wien in dieser Epoche immer mehr in eine Randlage geraten. Mit dem Ende des Wiener Stapelrechts (1517) ging in so mancher Hinsicht eine Epoche zu Ende. Wirtschaft und Handel erlebten in der Folge tief gehende Umgestaltungen.

Wein

Das wichtigste, ja das einzige Exportgut Wiens war lange Jahrhunderte der Wein. Die beachtliche Weinproduktion wurde schon seit dem 13. Jahrhundert durch Importverbote für ausländische, insbesondere ungarische Weine geschützt. Auch der hohe bürgerliche Anteil am Weinausschank in Wien wurde geschützt. Die Möglichkeiten geistlicher Grundherrschaften wurden reglementiert, spezielle Vorkehrungen für den Ausschank südlicher, "welscher" Weine wurden getroffen. Im Übrigen ist bereits für das Jahr 1459 die Sitte bezeugt, auf den Weinausschank durch das Ausstecken von Buschen mit Tannenreisig hinzuweisen.

Handwerk und Migration

Seite aus mittelalterlicher Handschrift

Wiener Handwerksordnungsbuch

Einen wirtschaftlichen Hintergrund hat schließlich bereits das älteste Schriftstück im Besitz der Stadt Wien, das im Wiener Stadt- und Landesarchiv verwahrte Flandrenserprivileg aus dem Jahr 1208. Durch rechtliche wie wirtschaftliche Vergünstigungen versuchte damals der babenbergische Landesfürst, Tuchfärber aus Flandern in Wien anzusiedeln. Wenn diese "Flandrenser" damals der Gerichtsbarkeit des Münzkämmerers, und nicht des Stadtrichters, unterstellt wurden, spiegelt sich hier auch die Stellung Wiens als Münzstätte.

Wirtschaftliche Krisen

Im 15. Jahrhundert gerieten Wien und seine Wirtschaft in eine krisenhafte Entwicklung. Vor dem Hintergrund zahlreicher politischer Umbrüche in Österreich und Wien selbst wie auch in den Nachbarländern entstanden in der Stadt immer wieder Spannungen und miteinander im Widerstreit liegende Gruppierungen innerhalb des Bürgertums. Das Panorama lässt sich hier nur schlagwortartig andeuten: genannt seien die Hussitenkriege, die über Böhmen und Mähren hinaus ihre Auswirkungen zeitigten; die Vertreibung der Wiener Juden (die so genannte "Geserah" von 1421); die Auseinandersetzungen Kaiser Friedrichs III. mit seinem Bruder, Erzherzog Albrecht VI. wie auch den benachbarten Königreichen Böhmen und Ungarn; und zuletzt die ungarische Besetzung der Stadt unter König Matthias Corvinus zwischen 1485 bis 1490 und die darauf folgende Rückeroberung Österreichs und Wiens durch König Maximilian.

All dies zeitigte ausgesprochen negative Auswirkungen auf die Wiener Wirtschaft und deren Träger, die um diese Zeit durchaus überregionales Profil und Bedeutung besaßen. Im Gefolge der Entdeckung der "Neuen Welt" verlagerten sich auch die Schwerpunkte des Handelsgeschehens global immer mehr vom Mittelmeer nach Westeuropa. In dieser neuen wirtschaftlichen Situation erwies sich das Stapelrecht Wiens als immer weniger wirkungsvoll. Das seit dem frühen 13. Jahrhundert genutzte Recht wurde schließlich durch Kaiser Maximilian 1517 aufgehoben. Gründe dafür waren der Druck der in der Stadt seit langem tätigen auswärtigen Kaufleute und die zunehmende Abhängigkeit der Habsburger von der Finanzkraft mächtiger Handelsdynastien wie etwa der Fugger.

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