Vermögensentzug und "Arisierung" - Stadtgeschichte Wiens

Rassenideologie und Raubgier

Himmler spricht auf einem Podest auf dem Heldenplatz zur Polizei

Angelobung der Polizei durch Reichsführer SS Heinrich Himmler (1938)

Die völkische Ideologie des Nationalsozialismus basierte auf der biologistischen Vorstellung von miteinander in existenzieller Weise in Konkurrenz stehenden, verfeindeten "Rassen". Eine der ersten Maßnahmen zur Bekämpfung der von den NS-Machthabern zum "rassischen Hauptfeind" stilisierten Juden betraf deren wirtschaftliche und somit auch soziale Existenzvernichtung. Mehr als 200.000 Einwohner Wiens, die von Großeltern jüdischen Glaubens abstammten, wurden zum Opfer von Beraubungsmaßnahmen, in deren Zusammenhang die nationalsozialistische Propaganda das Wort "Arisierung" verwendete.

Unverhohlen wurde mit diesem Begriff der als "arisch" definierten Bevölkerungsmehrheit eine Bereicherung auf Kosten der jüdischen Minderheit in Aussicht gestellt. Diese Bereicherung wurde auch sukzessive Realität. Durchaus rationale wirtschaftliche Interessen gingen somit Hand in Hand mit irrationalen rassenideologischen Zielsetzungen.

"Wilde Arisierungen" im März 1938

In der radikalisierten Stimmung unmittelbar nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht im März 1938 kam es zum sogenannten "Anschluss-Pogrom". Unter Androhung beziehungsweise Anwendung von Gewalt wurde von Mitgliedern der NSDAP und der ihr angegliederten Verbände die extreme Zwangslage der jüdischen Bevölkerung ausgenutzt, um sich an deren Eigentum zu bereichern. Neben Plünderungen und Beschlagnahmungen von mobilen Wertgegenständen erfolgte auch die Aneignung von tausenden Mietwohnungen.

Weiters hatten sich bis Mai 1938 eigenmächtig handelnde "kommissarische Leiter" tausender jüdischer Betriebe bemächtigt. Andere waren geplündert und zerstört worden. Verängstigte jüdische Eigentümer ließen sich in dieser Situation ihre Geschäfte und Gewerbebetriebe weit unter ihrem Wert abpressen. In den Folgemonaten gelang es der Staats- und Parteiführung in Berlin, diese "wilden Arisierungen" der Wiener Nationalsozialisten unter ihre Kontrolle zu bringen. Das Kommissarswesen wurde im Nachhinein weitgehend legalisiert. Der daran anknüpfende offizielle Vermögensentzug wurde nun in gesetzliche und institutionelle Bahnen gelenkt.

"Vermögensverkehrsstelle" und "Zentralstelle für jüdische Auswanderung"

maschinschriftlicher Text der Israelitischen Kultusgemeinde

Anweisung für Juden zur Altkleiderabgabe (1942) - Abschrift: 6 KB RTF

Zur Erstellung eines offiziellen Überblicks über das in Wien befindliche jüdische Vermögen verordnete das österreichische "Ministerium für Arbeit und Wirtschaft" im Mai 1938, dass Vermögen über 5.000 Reichsmark bei der eigens dafür eingerichteten "Vermögensverkehrsstelle" zu melden seien. Diese liquidierte entweder den jüdischen Betrieb oder meldete ihn zur "Arisierung" an, falls er für die Volkswirtschaft als wertvoll erachtet wurde.

Die Veräußerung konnte zwar nur mit Zustimmung des jüdischen Besitzers erfolgen, wurde aber ansonsten zu einer exklusiven Angelegenheit zwischen "Vermögensverkehrsstelle" und dem "Arisierungswerber". Nur ein vergleichsweise kleiner Anteil am Verkaufserlös ging an den ursprünglichen Besitzer. Den größeren Teil zogen auf verschiedene Weise, etwa in Form der "Reichsfluchtsteuer", die NS-Behörden an sich.

Ein gravierender Faktor für die sich zunehmend verschlechternde ökonomische Situation der jüdischen Bevölkerung Wiens war das seit Juli 1938 bestehende Berufsverbot für unselbstständig tätige Juden. Um die erzwungene Emigration der jüdischen Wiener zu beschleunigen und den dabei erfolgenden Vermögensentzug zu koordinieren, wurde im August 1938 die "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" eingerichtet. Diese bediente sich der Strukturen der Israelitischen Kultusgemeinde. Bei reicheren Mitgliedern der jüdischen Gemeinde wurden jene Summen konfisziert, die erforderlich waren, um die Auswanderung der ärmeren Juden zu finanzieren. Durch die Erpressung jener, die sich noch im Lande befanden und ausreisen wollten, gelangte man auch an jüdisches Vermögen von außerhalb des deutschen Machtbereiches.

"Ausschaltung der Juden aus dem Deutschen Wirtschaftsleben"

Nach dem vom NS-Regime in zynischer Weise als "Reichskristallnacht" bezeichneten Pogrom des 12. November 1938 steigerte sich die Radikalität, mit der die Wirtschaft der Ostmark "entjudet" werden sollte. Enorme Steuerleistungen, wie die Judenvermögensabgabe (25 Prozent des Gesamtwerts) oder fiktive Steuernachzahlungen für die Zeit vor dem "Anschluss" waren zu erbringen. Die Erfordernisse der Kriegswirtschaft radikalisierten den Vermögensentzug ab 1939 zusätzlich. Die Veräußerung von Gewerbebetrieben und Grundbesitz, sowie bald auch der Großunternehmen wurde nun absolut zwingend. Die Erlöse daraus mussten auf Sperrkonten deponiert werden und durften nicht außer Landes.

Auch das mobile Umzugsgut durften die zur Emigration Gezwungenen nicht mitnehmen. Zu dessen ökonomischer Verwertung nahm im September 1940 die VUGESTA ("Verwaltungsstelle für jüdisches Umzugsgut der GESTAPO)" ihre Tätigkeit auf. Im Jahr 1941 wurde schließlich das gesamte noch in jüdischem Eigentum verbliebene Vermögen als "volks- und staatsfeindlich" zugunsten des Deutschen Reiches für verfallen erklärt. Die noch in Wien befindlichen circa 60.000 jüdischen Einwohner, denen die Ausreise aufgrund völliger Mittellosigkeit nicht mehr möglich war, hatten im Mai 1939 auch ihre Mietrechte verloren. Sie wurden in Sammelwohnungen, dann Sammellager gepfercht, um schließlich in die Vernichtungslager deportiert zu werden. Auch ihre Arbeitskraft sowie letzte bewegliche Habe bis hin zu etwaig vorhandenen Goldzähnen wurde ökonomisch verwertet.

Bilanz des Vermögensentzuges

In Summe waren in ganz Österreich circa 100 größere und kleinere Bankhäuser und 946 Großbetriebe von "Arisierung" und Liquidation betroffen. In Wien wurden 33.000 Klein- und Mittelbetriebe liquidiert beziehungsweise "arisiert", ebenso 60.000 Mietwohnungen. Dazu kommt eine unüberschaubare Anzahl von Liegenschaften, Kunstwerken, Wertpapieren, Versicherungspolizzen, Barvermögen und entgangenes Erwerbseinkommen.

Das Deutsche Reich und der Reichsgau Wien waren im allgemeinen Nutznießer großer "arisierter" Vermögenseinheiten. Banken und Großbetriebe wanderten in deren Besitz beziehungsweise in jenen von Konkurrenzunternehmen. Der Wiener Mittelstand profitierte von der "Arisierung" von Klein- und Mittelbetrieben, sowie von zahlreichen Liegenschaften, die Unterschichten von "arisierten" Wohnungen und geraubtem Hausrat. Auch die Wiener Auktionshäuser sowie die großen Museen und Bibliotheken profitierten von den "Arisierungen".

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Wiener Stadt- und Landesarchiv (Magistratsabteilung 8)
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