Kindermord am Spiegelgrund

Zeichnung mit Zug und Menschen

Zeichnung eines am Spiegelgrund ermordeten Kindes

In der Kinderfachabteilung der städtischen Jugendfürsorgeanstalt "Am Spiegelgrund" auf der Baumgartner Höhe wurden in der Zeit des Nationalsozialismus an die 800 Kinder im Alter von null bis 18 Jahren mit angeblicher körperlicher oder geistiger Behinderung umgebracht. Der nationalsozialistische Rassenwahn verlangte die "Ausmerzung" von "lebensunwertem Leben".

Unter dem nach 1945 verwendeten, verharmlosenden Begriff der "Euthanasie" (griechisch für "schöner Tod") töteten Ärztinnen und Ärzte all jene Kinder, die von ihnen als "bildungsunfähig" und "Dauerkosten" verursachend eingestuft wurden oder interessantes medizinisches Material für die Gehirnforschung abgaben.

Institutionelle Bemäntelung

Mit der 1940 gegründeten Kinderfachabteilung erhielt die Tötungsmaschinerie eine institutionelle Bemäntelung. Mehrere Namenswechsel und Organisationsänderungen, die vor allem den medizinischen Ansatz der Behandlung betonten und die Trennung von der Jugendfürsorgeanstalt betrafen, sollten ihre tatsächliche Tätigkeit verschleiern.

Mord im Namen der Medizin

Die ärztliche Diagnose entschied über Leben und Tod der Kinder. Wer "erziehbar", "arbeitsfähig" und "sozial brauchbar" war, wurde in ein Heim eingewiesen. Alle Kinder, die dem in Berlin eingerichteten "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden" gemeldet wurden, wurden ermordet. Die systematische Ermordung erfolgte immer nach ähnlichem Muster. Die Kinder wurden durch Nahrungsmangel geschwächt, zu apathischen Pflegefällen gemacht und durch eine Überdosis Schlafmittel umgebracht. Die offizielle Todesursache war freilich eine andere.

Aufarbeitung nach 1945

Nach 1945 mussten sich Ärztinnen, Ärzte und Pflegepersonal für ihre Taten vor dem Volksgericht Wien verantworten. Dennoch konnten die sterblichen Überreste der Opfer weiterhin als medizinische Präparate missbraucht werden. Der pflegliche Umgang der Justiz mit Tätern wie Dr. Heinrich Gross zeigt, dass die Aufarbeitung der Vorgänge am Spiegelgrund viel zu lange auf sich warten ließ.

Zeitzeugnis

Krankengeschichte von Felix Janauschek (1927 bis 1943)

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Wiener Stadt- und Landesarchiv (Magistratsabteilung 8)
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