Wiener Fußballgeschichte - Karl "Schasti" Sesta, genannt der "Blade"

Sindelar und Sesta beim Teamtraining 1936. Im Hintergrund Johann Pesser (zweiter von links), Karl Adamek, Camillo Jerusalem (4. und 5. von links) sowie Peter Platzer (rechts außen)

Sindelar und Sesta beim Teamtraining 1936. Im Hintergrund Johann Pesser (zweiter von links), Karl Adamek, Camillo Jerusalem (4. und 5. von links) sowie Peter Platzer (rechts außen)

Eine Reportage der Illustrierten Wochenpost aus dem Jahr 1933 sprach von einem überquellenden Kraftmenschen, einem ebenso sonnigen wie urwüchsig-genialen Temperament, einem echten Kind der Vorstadt und würdigen Vertreter der "Stadt der starken Männer": Karl Sesta, im Wunderteam Nachfolger des überragenden "Weltmeisters" Pepi Blum, Verteidiger des WAC (später der Austria), Stolz von Simmering. Die Gesetze und Verhaltensmaßregeln des modernen Sports in Bezug auf Lebensweise und Training hätten für Sesta, so der Bericht, keine Gültigkeit, die ungebrochene Kraft dieses Naturburschen stünde jenseits aller Regeln: Ein "wild verwegener Geselle" auf dem Motorrad, ein hervorragender Ringer (sein Bruder Ludwig war Europameister), auf dem Fußballfeld in seiner "rassigen und kühnen Spielweise" schlicht faszinierend.

Schillernde Persönlichkeit: Fußballer, Ringer, Sänger

Spross einer echt kakanischen Liaison (der Vater stammte aus Ungarn, die Mutter aus Znaim), wuchs Sesta in einem Simmeringer Wirtshaus auf und erlernte neben der Fleischhauerei das Handwerk eines Huf- und Wagenschmieds. Seine Fußballlaufbahn begann er bei Vorwärts 11, ehe ihn der berühmte Verteidiger Ferdinand Swatosch zur großen Mannschaft des Simmeringer Sportklubs um Horvath, Viertel und Danis holte. Mit den Simmeringern ging der damals knapp 18-jährige 1924 auf Tournee nach Schweden, wo er in den jeweiligen Pausen zwischen den beiden Hälften der Fußballspiele, die er selbstverständlich zur Gänze bestritt, als Ringer in Schaukämpfen agierte. Es waren Aktionen wie diese, die "den Bladen" zu einem besonderen Liebling der Massen werden ließen. Für kurze Zeit hatte er eine Gesangsausbildung absolviert. Sein Repertoire reichte vom klassischen Wienerlied bis zu den aktuellsten Tonfilmschlagern. Bereits als etablierter Fußballprofessional trat er zwei Wochen lang vor ausverkauftem Haus als Sänger im Löwenkäfig des Zirkus Rebernigg auf. Und wann immer Verbandskapitän Hugo Meisl auf den ausgedehnten Tourneen des österreichischen Teams es für geboten hielt, trat er an Sesta mit der Aufforderung heran: "Blader, singen Sie!" Dieser hatte seine Mittel der subtilen Revanche: Von der internationalen Presse einmal auf die viel gerühmte Multilingualität Meisls angesprochen, kommentierte er trocken: "Unser Teamchef böhmakelt in vierundzwanzig Sprachen".

"Oba ihna Hockn is a ned die Schlechtaste"

Der auf dem Feld so kompromisslose, ja gefürchtete Verteidiger war der Inbegriff vorstädtischer Schlagfertigkeit und des Wiener Schmähs mit der ihm inne wohnenden Tendenz zur Relativierung, Selbstironie und Subversion. Wie nicht zuletzt in jener bekannten Anekdote zum Ausdruck kommt, die noch Generationen von Fußballanhängern weitererzählen sollten: Unmittelbar vor Beginn der großen Auseinandersetzung des Wunderteams mit England an der Londoner Stamford Bridge (7. Dezember 1932) wurden die Wiener Spieler dem jüngeren Sohn des englischen Königs, Prince George, vorgestellt. Zu Sesta gewandt, meinte das Mitglied des britischen Königshauses in Anspielung auf dessen erlernten Beruf, er habe gehört, dass der Wiener Spieler ein schönes Handwerk ausübe. Ohne auch nur einen Moment zu zögern, antwortete dieser: "Oba ihna Hockn is a ned die Schlechtaste".

"Jahrhundertgoal" fürs Wunderteam

Sein Debüt im Wunderteam hatte Sesta relativ spät, am 22. Mai 1932 gegen die Tschechoslowakei in Prag gegeben, als er den Mythos der Unbesiegbarkeit der Wiener – die zwar durch Sindelar in Führung gegangen waren, dann aber mit zehn Mann ein Rückzugsgefecht lieferten – praktisch im Alleingang rettete. Zum historischen 2:0 Sieg im "Versöhnungsspiel" zwischen dem Altreich und der Auswahl der "Ostmark" am 3. April 1938 trug er ein "Jahrhundertgoal" aus mehr als fünfzig Metern bei. Wie andere Österreicher auch – am prominentesten wohl Willi Hahnemann, den sie ob seines dunklen Teints den "Zigeuner" nannten – stand er, wenn auch insgesamt nur drei Mal, in der reichsdeutschen Auswahl. Die mehr oder minder spektakulären Aktionen von Renitenz und Resistenz des überzeugten Antimilitaristen, seine Auseinandersetzungen mit dem "Reichsführer" des Nazisports, Tschammer von Osten, sind zu Recht Legende. Nach 1945 wurde er zunächst Leiter einer Hammerbrotfiliale, später Inhaber eines Espressos in der Ottakringer Thaliastraße.

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