"Wien als 'Das neue Ghetto'? Arthur Schnitzler und Theodor Herzl im Dialog" - Wiener Vorlesung am 23.10.2012

Jacques Le Rider

Jacques Le Rider

Jacques Le Rider dekodiert den Briefwechsel zwischen dem Bühnenautor Arthur Schnitzler und dem Feuilletonisten Theodor Herzl als eine divergierende Verhandlung über die "Judenfrage". Herzl versucht sich zu diesem Zeitpunkt als Bühnenautor und ist in seiner Haltung noch lange kein Zionist.


Jacques Le Rider:

Arthur Schnitzler und Theodor Herzl kennen sich seit ihrer gemeinsamen Studienzeit an der Universität Wien. 1892 beginnt ihr Briefwechsel. Herzl träumt damals von einer Erfolgskarriere als Bühnenautor. Da hat ihm Schnitzler schon einiges voraus. Im November 1894 ist Herzl noch in Paris als Korrespondent der "Neuen Freien Presse". An seinen literarischen Mentor Schnitzler schickt er das Manuskript seines Stücks "Das neue Ghetto" in der Hoffnung, Zuspruch und Unterstützung zu bekommen. Dieser merkt aber sofort, dass er weder den literarischen Stil mag, noch die Ansichten Herzls über die "Judenfrage" teilt. Damals ist Herzl von der zionistischen Idee noch weit entfernt. Schnitzler ist mit diesem Tendenzstück nicht einverstanden: Nicht die jüdische Assimilation hat in seinen Augen versagt, sondern die Wiener Gesellschaft, in der Antisemitismus zum Kulturcode geworden war. 1897 veröffentlicht Herzl "Das neue Ghetto" in seiner Zeitung "Die Welt". Im gleichen Jahr versammelt sich in Basel der erste zionistische Kongress. Im Januar 1898 wird das Stück im Carltheater in Wien aufgeführt - Sigmund Freud sitzt im Publikum: Die "Traumdeutung" legt über seinen nachhaltigen Eindruck Rechenschaft ab. Schon damals steht Freud seinem "Doppelgänger" Schnitzler in der "Judenfrage" näher als dem Zionismus Theodor Herzls.

Veranstaltungsdetails

Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften an der Kunstuniversität Linz (IFK) und dem Institut Français d'Autriche

Moderation

Konstanze Fliedl

Konstanze Fliedl


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