"Avantgarde - Epoche, Prinzip, Aktualität?" - Wiener Vorlesung am 21.10.2009

"Avantgarde ist nichts anderes als eine Religion für Auserwählte mit Manifesten und großen Zäunen." Tom Wolfe

"(...) die Avantgarde war der Höhepunkt der Megakultur des Modernismus, an dem der Modernismus zu seinem höchsten Glanz gelangte und an dem zugleich die Voraussetzungen für sein Ende gelegt wurden..." Dubravka Oraic Tolic

"Die Kunst und die KünstlerInnen hatten in jenen Zeiträumen, in denen der Avantgarde-Begriff entwickelt und in denen er mit großem Interesse rezipiert wurde, eine gleichermaßen kritische, tabubrechende und kreative Vorreiterrolle. 'Avantgarde' war dann besonders wirksam (als Leit- wie als Schreckbild), wenn es ein staatlich-politisches Gegenüber gab. Heute, wo die Leitbegriffe im Zusammenhang mit Kunst 'Creative Industries' und 'Kunstmarkt' sind, erscheint der Begriff der Avantgarde plötzlich blass und ungeheuer altmodisch. Merkwürdigerweise opponieren die KünstlerInnen mit kleinerem Engagement und geringerer Begeisterung gegen den boomenden Neoliberalismus - der ja genug bösartige und menschenfeindliche Aspekte hat - als sie gegen den Staat opponierten und opponieren.
Mit dem aktuellen boomenden Markt und seinen Protagonisten, die sich die Kreativität der Kulturschaffenden für ihre Profitmöglichkeiten aneignen wollen, arrangieren sich die KünstlerInnen und WissenschafterInnen offensichtlich leichter und lieber.
Für wen beziehungsweise gegen wen müssen, können, sollen KünstlerInnen heute sein? Will Avantgarde heute neue Lebensformen, neue Werte, einen neuen Lebensstil? Oder kann es sie einfach nicht mehr geben, weil die Zeit der Orientierung und der Suche, die Zeit von Tabubruch und Kritik definitiv vorbei sind? Mit diesen Fragen wird sich das Podiumsgespräch - im Spannungsfeld von Ästhetik, Politik und Gesellschaft - auseinandersetzen." Hubert Christian Ehalt

Statement Michael Rohrwasser

"Mich interessieren die Avantgarde-Konzeptionen von heute (oder: von gestern), und wie sie im kulturpolitischen Streit gehandelt werden. Die österreichische Nachkriegsliteratur hat die Avantgarde, die westdeutsche dafür eine politisch engagierte Literatur - in diesem Schlagwort findet eine Gegenüberstellung statt, die für beide Seiten verräterisch ist. Denn muss Avantgarde nach 1945 eine Abkehr vom Politischen, und muss das politische Engagement einer 'Gruppe 47' die Loslösung von Avantgarde-Konzepten bedeuten? Schaut man sich den Streit zwischen Arno Schmidt und Oswald Wiener (der Wiener Gruppe) an, dann scheint sich das Klischee zu bestätigen. Aber es lohnt, die Unterströmungen zu prüfen, die Mikropolitik zu lesen, die Aufladungen des Avantgarde-Begriffs zu prüfen und damit Aktualitäten zu erkunden."

Veranstaltungsdetails

Podiumsgespräch mit Helga Köcher, Univ.-Prof. Dr. Michael Rohrwasser, Direktorin Stella Rollig, Univ.-Prof. Dr. Manfred Wagner
Moderation: Mag.a Anna Soucek
Datum: Mittwoch, 21. Oktober 2009, 19 Uhr
Ort: Wiener Rathaus, Wappensaal, Feststiege II, 1., Lichtenfelsgasse 2
Fahrplanauskunft

Eine Veranstaltung im Rahmen des Symposions Teststrecke Kunst. Wiener Avantgarden nach 1945 des Vereines ViennAvant (Verein zur Erforschung der Wiener Avantgarden) und des Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte (IKT) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Helga Koecher

Helga Köcher, Künstlerin, Journalistin und Kunstkritikerin

Univ.-Prof. Dr. Michael Rohrwasser

Univ.-Prof. Dr. Michael Rohrwasser, Institut für Neuere deutsche Literatur, Universität Wien


Stella Rollig

Stella Rollig, Leiterin Lentos Museum Linz

Univ.-Prof. Dr. Manfred Wagner

Univ.-Prof. Dr. Manfred Wagner, Lehrkanzel für Kultur- und Geistesgeschichte an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien

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