H.C.-Artmann-Preis 2018 - Laudatio für Gundi Feyrer

Gundi Feyrer erhielt am 19. September 2018 den H.C.-Artmann-Preis, der alle zwei Jahre für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Lyrik vergeben wird.

In der Jurybegründung hieß es:

Gundi Feyrer hat den Bereichen der bildenden Kunst und der Literatur außergewöhnliche Arbeiten hinzugefügt. Ihre Texte, ihre formale Reflektiertheit prallen auf das nicht minder pralle Sujet persönlichen Welterlebens. Ihre literarischen Arbeiten zeichnen eine Gegenwelt des poetischen Spürsinns. Journale, Kurzprosastücke und poetische Essays stellen sich nicht nur den innerästhetisch motivierten Fragen nach der Gestalt ästhetischer Äußerung, sondern führen vor, wie sich aus der ästhetisch grundierten Gestimmtheit Weltphänomene in einem neuen, anderen Licht wahrnehmen lassen. Eine flüchtige, relativierende und großartige Leichtigkeit durchzieht Feyrers Werk.

Die Laudatio hielt die Autorin Petra Ganglbauer.

Laudatio im Wortlaut

"Liebe Gundi Feyrer, sehr geehrte Damen und Herren!

Gewahrsein und konzise Beobachtung, wobei das beobachtende Subjekt ohnehin in Frage gestellt wird, stehen im Mittelpunkt der literarischen Arbeit von Gundi Feyrer, zu deren Ehren ich heute die Laudatio halten darf. Das Werk der Autorin, Objektkünstlerin, Zeichnerin, Performerin und Filmemacherin umfasst eine vielgestaltige, mutige und offensive Auseinandersetzung mit der (sprachlichen) Wirklichkeit. In ihren Werken, zu denen Lyrik, Prosatexte, Theaterstücke und Hörspiele zählen, aber auch eigene Kompositionen oder Aufführungen mit Wort, Bild und Ton wie Übersetzungen aus dem Spanischen und Englischen, scheint es oft, als zöge sie vor unseren Augen jenen Schleier weg, der das Eigentliche von uns trennt, als risse sie ihn nieder, als zertrümmere sie die letzten geschlossenen Systeme, die sich noch schwerfällig in unseren Köpfen halten. Sie zündelt - und was dabei entsteht, sind verspielte poetische Gewebe von großer Eindringlichkeit und flammender Energie.

Die Fülle an mehrdimensionalen sprachlichen Unterfangen in Gundi Feyrers Arbeit ist gleichsam kurzgeschlossen mit einer fordernden Flüchtigkeit: Ihr Werk ist gewissermaßen Durchgangsort für Konfigurationen und gezielt gesetzt punktgenaue Entlarvungsversuch herkömmlicher Wirklichkeitsschau, welche die Autorin durch und über die Sprache selbst darstellt. Sie entwirft Wahrnehmungsschleifen mit Akribie und konzise Setzungen, die in sich wandelbar sind und also oszillieren - demgemäß stets eigenwillige Ansichten eröffnen.

Die methodischen und stilistischen Eigenheiten ihrer Arbeit, der lyrische Gestus reichen weit über Sprachspiel und Kombinatorik hinaus, sie eröffnet kunstvolle originäre Wahrnehmungsräume, stellt die genormte Wirklichkeit auf den Kopf, verrückt mitunter auch närrisch - also weise - unser Bewusstsein. Nicht zu übersehen, dass die Wiener Gruppe und insbesondere Gerhard Rühm, dessen Meisterschülerin sie war, eine maßgebliche Rolle in ihrer Genese spielen.

Bisweilen muten Gundi Feyrers Texte wie Wahrnehmungsfetzen, fragmentarische Lichter, Blitze an, sodass die angelernten, ausgereizten Augenblicke, die Statik des Tradierten geschüttelt, gerüttelt, aufgerüttelt, durcheinandergemischt werden - und zart, fragil, jung wie erstmals und "anders" - flockengleich zur Erde fegen. Dieser Leichtigkeit liegt äußerste Disziplin zu Grunde. Insofern ist die Arbeit der Autorin nachhaltig – denn nur, was aus der Konsequenz kontinuierlicher Bemühung entsteht, kommt einem unerschöpflichen Quell gleich. Hinter Gundi Feyrers Arbeit scheint so ein Quell zu stecken, eine nimmermüde Quelle - und was sie zutage bringt, mutet bei allem Tiefgang wie die Freude an Augenblickskonfigurationen an. Und steckt in der Gattung Lyrik nicht immer auch Potenzialität, Wandelbarkeit als hervorragende Qualität? So gesehen sind Gundi Feyrers Werke allesamt lyrisch, weil sie sich jeglichen Festmachungen entziehen.

Die Amsel singt ein Loch in den Himmel und schneidet mir den Tag in Stücke: zu einem Apfelbaum, zu einer Sonne, zu einer Melodie, die ich erkennen kann,
aber Lied und Licht nicht singen kann.

So heißt es in dem Buch "DAS RAUSCHEN DER TAGE. Phantastische Geschichten und anderes Irren", Ritter Verlag. Dergestalt wandelt sich in Gundi Feyrers Büchern das Eine ins Andere; geht in ihm auf, wird zum Anderen oder umschließt es:

Verschwinden ist kein Ankommen./ Wenn etwas verschwindet, kommt es nicht an./ Es tritt in etwas hinein und dieses etwas legt sich darum herum./ Das Verschwinden hat nur eine Richtung; etwas tritt in etwas hinein und legt sich darum herum. Das Herum liegt überall. /So kommt es nicht an.

(So zu lesen in: "Das Schlagen der Augen", Droschl.)

Gundi Feyrer eröffnet uns einen mutigen Zugang zu den Parametern Raum und Zeit, innerhalb welcher die Dinge einander durchwirken.

Sie setzt sich in ihrer Arbeit auch mit Macht und Gewalt auseinander, etwa in dem Text "Hand" ("Das Rauschen der Tage"), in dem die Hand als Stellvertreterin für Agitation, getrieben von Territorialansprüchen, Gebiets- und Geistesaufteilungen fungiert. Gerade der sprachlich ungewohnte Zugang unterstreicht ihren Tiefgang: Gundi Feyrers Sprache setzt sich diametral jener der Medien oder der Politik entgegen.

Das poetische Denken, das Poetische an sich sind weitere Zündstoffe in Gundi Feyrers Arbeit: Immer wieder werden Sprache und Bilder ins Zentrum gerückt. Oft entwickelt sich ein Gedankengang aus dem vorherigen, wirkt dann wie vergrößert, als ob ein Zoom das Motiv immer näher ans Auge hole. So farbig, lebendig diese Texte sind, so sehr spiegeln sie auch den Atem der Dinge wider, ein gleichsam vitales Innehalten, das wie ein Ewigkeitsmoment anmutet.

Die Autorin äußerte sich einmal dahingehend, ein "Buch wie einen Bach in die Hände zu nehmen." Dieser Zugang impliziert, dass Sprache gleichsam ein Fluss ist, dass wir lesend jetzt und jetzt die Bewegungs-Dynamik sprachlicher Wirklichkeit erfahren dürfen, ohne mit Festmachungen, Haltepunkten, Stationen oder gar Haltegriffen rechnen zu können.

Ich blättere in einem Buch und ein Bach strömt mir entgegen, als kühlte ich meine Haut mit einem Fächer federnder Töne:

("Das Rauschen der Tage")

Diese poetischen Texte lesend, verwandeln wir uns eine Welt an, die ganz unberührt von jeglichen der Bequemlichkeit anheimgefallenen Zuordnungs-und Definitionsversuchen ist.

Ekstatisch und angereichert mit surrealen Elementen oszillieren Gundi Feyrers Texte, schillern und schimmern, nehmen Farbe an und färben gleichsam einander - und uns, die wir uns mit ihnen befassen mit ein. Sie ändern auf plastische Weise ihre Form oder Funktion, indem sie sich jetzt und jetzt assimilieren oder temporär analog zu Bestehendem entwerfen. In diesem Zusammenhang ließe sich beinahe von einem schamanischen Standort sprechen, der impliziert, dass, was augenblicklich Form annimmt, als ebendiese existiert, auch, wenn es im nächsten Augenblick in eine andere Formgebung übergeht.

Schönheit ist eine Frage der Geschwindigkeit des Blicks.

So lautet ein Zitat von Gundi Feyrer. Zu lesen auf einer Literaturverlag Droschl-Karte.

Die Welt also erfassen wir ganz sicher nicht aus einer fokussierenden, mental zwanghaften Geste, sondern aus Wachheit und Beweglichkeit heraus.

Das Zugleich von Form und Nicht-Form, Werden und Vergehen, Ort und Nicht Ort entfesselt eine lyrische Prosa, eine Lyrik, die uns, die wir uns damit befassen, abverlangt, dass wir unser Wahrnehmungssensorium entsprechend schärfen, um der Rasanz und Radikalität dieser Arbeit folgen zu können.

Gundi Feyrers Textkunst bewegt sich mit ihrem Zugang und ihrer Akribie nahe an den Wissenschaften, etwa der Quantenphysik, eine der großen Passionen der Autorin und Künstlerin. Die Erkenntnisse der Quantenphysik und deren Übersetzung in Sprache wie deren formale und räumliche Zuordnungen, sind Movens für die jüngste Publikation von Gundi Feyrer: "Krumme Gedanken aus und zu Physik und Poesie", Klever Verlag. Ins Auge stechen die formalen Aufbrechungen, das Versprengte, die unterschiedlichen Schriftbilder, da beengt nichts Kausales oder gar Lineares die Zeilen, welche zu einem konstituierenden Teil aus Zitaten von renommierten Wissenschaftlern, Künstlern und Dichtern bestehen. Der intertextuelle Zugang mithin, ein offener Werkcharakter, das gattungssprengende Unterfangen sind methodische Parameter in dieser Arbeit.

Manchmal sind Gundi Feyrers Texte gleichsam Anschauungen, Repetitionen oder Studien wie beispielsweise die folgende Stelle in: "Die Watte der Gedanken", Wiens Verlag:

Ein Rock ist ein Pflock wenn er bauscht.
Ein Pflock will immer einen Bausch, weil er ein Pflock ist.
Ein Pflock ist dann ein Pflock, wenn er steht. Wenn ein Pflock so steht, wie er steht, dann ist er ein Pflock, der steht.

Immer muten Feyrers Werke beseelt an, sie agieren, interagieren, entfesseln Dynamiken und kommunizieren, sind also gleichsam Textwesen. Und sie, die Sprache und ihr Instrumentarium, sind nicht nur Gegenstand der Auseinandersetzung, sie setzen sich selbst heftig in Szene:

Das Auftauchen aus der Sprache: aus dem Heer der Augen und Sinne heraus, aus dem Netz der Bewegungen im Innern der Worte heraus, nachschlagende Zeiger, deren Nicht-wirklich-Zeigen klar am Horizont steht

So heißt es in "Bilderwasser", Ritter Verlag.

Das Synästhetische ist ein Wirkungsprinzip dieser Texte, die manchmal wie kleine Fallen anmuten, Hürden, Barrieren, um uns aufzuwecken, unsere Sensoren zu schärfen, uns näher an das Eigentliche - die Existenz - auch unsere - zu bringen.

Gundi Feyrers literarische Arbeit kommt "Ausübungen" gleich, radikalen Impulsen, die uns endlich von den allzu braven "Einübungen" befreien könnten. Wir lesen als ob wir stürzen - und diese kleinen "Lesestürze" erfrischen unsere Rezeptionsfähigkeit und erweitern zeitgleich unser Blickfeld.

Dafür sei der Autorin gedankt.

Ich gratuliere Gundi Feyrer im Namen der Jury auf das Allerherzlichste zum H.C.-Artmann-Preis. Alles Gute weiterhin!"

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