"Alphabet der Aufklärung aus Wien"

A

  • Anders, Günther, 1902 bis 1992, Autor, Sozialphilosoph, Antifaschist und Pazifist; Sein durchgehendes Thema, das nach seinem Tod weiter an Aktualität gewonnen hat, war die Auseinandersetzung mit der vom Menschen geschaffenen Technik, deren kontinuierliche und dynamische Verbesserung und Effizienzsteigerung den Menschen schließlich selbst überflüssig macht. Günther Anders spricht von der "Zerstörung der Humanität" und der "Antiquiertheit des Menschen".
  • Aktivierende Sozialforschung, Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel führten Anfang der 1930er-Jahre in der Arbeitersiedlung Marienthal in Niederösterreich eine thematisch und methodisch beispielgebende Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" durch. Diese Studie - ein soziographischer Versuch über die Wirkungen lang andauernder Arbeitslosigkeit - setzte hinsichtlich einer Verbindung qualitativer und quantitativer Methoden Standards in der Aktionsforschung. Die Forscherinnen und Forscher wollten ihre Erkenntnisse nicht - sozusagen über die Köpfe der Betroffenen hinweg - nur für ihre Wissenschaft, sondern im Sinn und im Dienst der untersuchten Arbeiterinnen und Arbeiter nützen.
  • Achleitner, Fritz, Architekturhistoriker, Architekturtheoretiker und Schriftsteller
  • Adler, Alfred, 1870 bis 1937, Psychotherapeut, Begründer der Individualpsychologie
  • Adler, Max, 1873 bis 1937, Soziologe und sozialistischer Theoretiker
  • Adler, Viktor, 1852 bis 1918, Mitbegründer und Einiger der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei
  • Aichhorn, August, 1878 bis 1949, Gründer der psychoanalytischen Pädagogik
  • Aichinger, Ilse, Schriftstellerin
  • Altenberg, Peter, 1859 bis 1919, Schriftsteller
  • Andrian, Leopold, 1875 bis 1951, Schriftsteller und Diplomat
  • Arena-Bewegung, Besetzung des Auslandsschlachthofes in Sankt Marx im Jahr 1976 durch engagierte junge Künstlerinnen und Künstler, Intellektuelle, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter; Initialzündung für eine Neuorientierung und Öffnung des kulturellen Lebens in Wien
  • Arnstein, Fanny, 1758 bis 1818, Führung eines literarischen Salons
  • Arntz, Gerd, 1900 bis 1988, Entwicklung der Wiener Methode der Bildstatistik
  • Artmann, H. C., 1921 bis 2000, Schriftsteller

B

  • Bühler, Charlotte, 1893 bis 1974, Psychologin, Mitbegründerin der Humanistischen Psychologie, war die erste Frau, die eine Psychologie-Professur in Europa innehatte. Sie begründete eine Schule der experimentellen Forschungsarbeit auf der Basis von Tagebuchanalysen und Verhaltensbeobachtungen. 1922 veröffentlichte sie das Buch "Das Seelenleben der Jugendlichen".
  • Buchkultur und Büchereiwesen, Lese- und Buchkultur blicken in Wien im Zusammenhang mit der Entwicklung der Volksbildung auf eine sehr differenzierte und fruchtbare Geschichte zurück. 1904 wurde die erste Arbeiterbücherei in Wien Gumpendorf gegründet. Die neue Hauptbücherei am Gürtel wurde im Jahr 2003 eröffnet und ist das Flaggschiff der "Büchereien Wien". Sie ist ein lebendiger, ausgezeichnet besuchter Lese-, Diskussions- und Veranstaltungsort, der den "Virus" Aufklärung durch Lesen wie in einem Schneeballsystem verbreitet.
  • Bach, David Josef, 1874 bis 1947, Musikschriftsteller, Gründer der Arbeitersymphoniekonzerte
  • Bahr, Hermann, 1863 bis 1934, Schriftsteller, Dramatiker, Theater- und Literaturkritiker
  • Bauer, Otto, 1881 bis 1938, sozialdemokratischer Politiker, Theoretiker und Wortführer des Austromarxismus
  • Bauernfeld, Eduard von, 1802 bis 1890, Schriftsteller, Lustspieldichter mit Wiener Lokalkolorit
  • Beer-Hofmann, Richard, 1866 bis 1945, Romancier, Dramatiker und Lyriker
  • Berg, Armin, 1883 bis 1956, Kabarettist
  • Bernhard, Thomas, 1939 bis 1989, Schriftsteller, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
  • Bertalanffy, Ludwig von, 1901 bis 1972, Biologe, Begründer der Systemanalyse
  • Bettauer, Hugo, 1872 bis 1925, Schriftsteller ("Die Stadt ohne Juden")
  • Bettelheim, Bruno, 1903 bis 1990, Psychoanalytiker und Kinderpsychologe ("Kinder brauchen Märchen")
  • Blum, Robert, 1807 bis 1848, Politiker auf der Seite der Revolutionäre, die 1848 in Wien für Demokratie und Gerechtigkeit kämpften
  • Böhm, Johann, 1886 bis 1959, einer der Gründer des ÖGB und bis 1959 dessen Präsident
  • Born, Ignaz von, 1742 bis 1791, Mineraloge, Paläontologe, Freimaurer, war Ende des 18. Jahrhunderts eine der zentralen Persönlichkeiten der Wiener Aufklärung
  • Broch, Hermann, 1886 bis 1951, Schriftsteller
  • Brod, Max, 1884 bis 1968, Schriftsteller, Übersetzer und Komponist, Mitbegründer des Prager Kreises
  • Bühler, Karl, 1879 bis 1963, Denk- und Sprachpsychologe und Sprachtheoretiker

C

  • Canetti, Elias, 1905 bis 1994, Erzähler, Dramatiker, Anthropologe, Essayist, Literatur-Nobelpreisträger 1981, beschäftigt sich in seinem Werk mit existentiellen Grundsituationen und -fragen mit den Religionen, mit dem Bewusstsein des Todes und dem Umgang mit dem Tod, mit Massenphänomenen und den Erscheinungsformen der Macht ("Masse und Macht").
  • Canetti, Veza, 1897 bis 1963, Schriftstellerin und Übersetzerin, gehörte zum engeren Kreis von Karl Kraus, stand aber gleichzeitig dem Austromarxismus nahe, über Jahrzehnte war sie literarische Ratgeberin ihres Mannes. Ihr Einfluss auf sein Werk wird erst in jüngster Zeit erforscht und gewürdigt.
  • Cafés, die Kaffeehäuser waren (nicht nur) in Wien Keimzellen der sich herausbildenden Öffentlichkeit, in der über Politik und Kunst diskutiert wurde. Die Kaffeehäuser bieten ein breites Spektrum an Tages- und Wochenzeitungen, die Tische sind größer als in den Cafés in Paris und London, und man kann dort - in der Regel nicht durch eine Musikkulisse gestört - in Ruhe lesen und über alle Dinge des Lebens reden.
  • Chargaff, Erwin, 1905 bis 2002, Biochemiker und Schriftsteller, Kritiker des Machbarkeitswahns der modernen Naturwissenschaften
  • Cizek, Franz, 1865 bis 1946, Maler und Kunstpädagoge
  • Cloeter, Hermine, 1879 bis 1970, Schriftstellerin und Kulturhistorikerin
  • Corti, Axel, 1933 bis 1993, Regisseur und Journalist, schrieb mit der Sendung "Der Schalldämpfer" österreichische Radiogeschichte
  • Cuspinian, Johannes, 1473 bis 1529, Humanist, Dichter und Diplomat

D

  • Da Ponte, Lorenzo, 1749 bis 1838, Dichter und Opernlibrettist, geboren in Ceneda/Vittorio Veneto, Venetien, kam 1781 in Kontakt mit Antonio Salieri, der ihm eine Stelle am Wiener Hof verschaffte. In Wien wurde er der kongeniale Partner Wolfgang Amadeus Mozarts, für dessen Opern "Le Nozze di Figaro", "Don Giovanni" und "Cosi fan tutte" er die Libretti verfasste. Diese drei Opern sind zeitlose Manifeste für Freiheit und Gerechtigkeit und Auseinandersetzungen mit den großen existentiellen Fragen der Liebe, der Sexualität, der Geschlechterdifferenz und des Todes.
  • Diagonal, das Ö1 Magazin "Diagonal - Radio für Zeitgenossen" wurde 1984 von Wolfgang Kos und Michael Schrott ins Leben gerufen. Seither bereitet dieses international angesehene Radiofeuilleton aktuelle Themen kritisch, flott und kulinarisch auf. Diagonal bringt Portraits von Städten, Institutionen und Personen. Das Verbindende der Sendungen liegt nicht im Thematischen, sondern in der Methode, die sich am aktuellsten Stand des Radiojournalismus befindet: viel O-Ton und atmosphärische Dichte.
  • Deutsch, Helene, 1884 bis 1982, Psychoanalytikerin
  • Dohnal, Johanna, Feministin und Politikerin
  • Dörmann, Felix, 1870 bis 1928, Schriftsteller, Librettist und Filmproduzent
  • DÖW, Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, seit 1963
  • Druskowitz, Helene von, 1856 bis 1918, Philosophin, Literatur- und Musikkritikerin

E

  • Export, Valie, Medienkünstlerin, führt seit 1967 den Künstlernamen VALIE EXPORT gleichermaßen als Konzept und Logo. Ihre Arbeiten sind Ausdruck einer feministischen Kritik an den Strukturen, Narrativen und Begriffen einer patriarchalischen Gesellschaft. Seit 1989 hatte sie unterschiedliche Professuren in den USA und in Deutschland inne.
  • Ebner-Eschenbach, Marie von, 1830 bis 1916, Schriftstellerin
  • Eisler, Hanns, 1898 bis 1962, Komponist und Musiktheoretiker
  • Eisler, Max, 1881 bis 1950, Kunsthistoriker

F

  • Fickert, Auguste, 1855 bis 1910, Sozialreformerin und Frauenrechtlerin. A. Fickert gründete 1893 den "Allgemeinen Österreichischen Frauenverein" und 1895 die erste österreichische Rechtsschutzstelle für unbemittelte Frauen. Sie initiierte die Siedlungsgenossenschaft "Heimhof" zur Schaffung von Wohnmöglichkeiten für berufstätige Frauen, sie setzte sich für das Frauenwahlrecht und für die Zulassung von Frauen zum Studium an Universitäten ein.
  • Feminismus aus Wien: Helene von Druskowitz, Auguste Fickert, Adelheid Popp, Gabriele Possanner, Rosa Jochmann und viele andere waren engagierte Vorkämpferinnen für Frauenrechte. In den 1970-er Jahren entstand eine gleichermaßen lebendige, kreative und kompromisslose feministische Bewegung in Wien. 1972 konstituierte sich die Gruppe "Aktion unabhängiger Frauen", seit 1974 gibt AUF auch eine Zeitschrift heraus. AUF ist eine der vielen engagierten Gruppen mit feministischen Zielsetzungen, die in den 1970er- und 1980er-Jahren entstanden sind, und das gesellschaftliche und kulturelle Leben im Sinn von Geschlechtergerechtigkeit beeinflussen und gestalten. Seit 1973 gibt es "Check-art", seit 25 Jahren ist das "Stichwort - Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung" die Anlaufstelle für Feministische Literatur und Informationen zur Frauen- und Lesbenbewegung in Österreich. Das Frauencafé in Wien wurde 1977 gegründet, die Zeitschrift "an.schläge. das feministische magazin" besteht mittlerweile seit 25 Jahren. In der Ära Kreisky wurden zahlreiche rechts- und gesellschaftspolitische Anliegen in gesetzliche Rahmenbedingungen gegossen, die in Österreich die Bildungs-, Berufs- und Lebenschancen der Frauen entscheidend verbesserten. Die Namen Valie Export, Erica Fischer, Elfriede Jelinek sind ein Markenzeichen des Feminismus lokal, national, international.
  • Fackel, von Karl Kraus gegründete und herausgegebene Zeitschrift (1899 bis 1936), die gegen Verlogenheit, Sensationsgier, Kriegstreiberei, Doppelmoral, Lüge und Kitsch antrat
  • Falter, Stadtzeitung Wien, seit 1977, Wochenzeitung mit gesellschafts-, politik-, kultur- und kunstkritischer Perspektive
  • Farkas, Karl, 1893 bis 1971, Kabarettist, Regisseur und Autor, Leiter des Kabarett Simpl
  • Fels, Friedrich Michael, d. i. Friedrich Michael Mayer, geboren 1864, Todesjahr unbekannt, Literat und Begründer der "Freien Bühne"
  • Ferenczi, Sándor, 1873 bis 1933, Nervenarzt und Psychoanalytiker
  • Feyerabend, Paul, 1924 bis 1994, Philosoph und Wissenschaftstheoretiker
  • Fischer, Kurt Rudolf, Philosoph
  • Fischhof, Adolf, 1816 bis 1893, Arzt, Beteiligung an der Märzrevolution 1848, Politiker, der für den Ausgleich zwischen den Nationalitäten in der k.k. Monarchie eintrat
  • Foerster, Heinz von, 1911 bis 2002, Biophysiker und konstruktivistischer Theoretiker
  • Freud, Anna, 1895 bis 1982, Psychoanalytikerin
  • Freud, Sigmund, 1856 bis 1939, Begründer der Psychoanalyse
  • Fried, Alfred Hermann, 1864 bis 1921, Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger (1911)
  • Friedell, Egon, 1878 bis 1938, Kulturphilosoph, Schriftsteller, Journalist, Kabarettist und Theaterkritiker

G

  • Gombrich, Sir Ernst, 1909 bis 2001, einer der bedeutendsten Kunsthistoriker und Kulturwissenschafter des 20. Jahrhunderts, der künstlerische Phänomene stets auf höchstem wissenschaftlichen und theoretischen Niveau in einem kulturwissenschaftlich-anthropologischen Kontext analysiert hat. In England war Gombrich bis 1976 am Warburg-Institute zuerst als Mitarbeiter und dann 17 Jahre lang als Direktor und Professor of the History of the Classical Tradition tätig.
  • Glöckelsche Schulreform, die Wiener Schulreform vertrat die Zielsetzung einer Demokratisierung der Schule, einer Mitbestimmung der Lehrer, Eltern und Schüler in organisatorischen und inhaltlichen Fragen, einer Abkehr von der reinen Lern- und Disziplinschule. Als erster Unterrichtsminister ermöglichte Otto Glöckel den Frauen den freien Zugang zu den Universitäten. Die Glöckelsche Reform realisierte vieles von dem, was heute in der Gesamtschuldebatte diskutiert wird.
  • Gendlin, Eugene, Psychologe und Philosoph
  • Gerstl, Elfriede, Schriftstellerin
  • Glasersfeld, Ernst von, Philosoph und Mitbegründer des radikalen Konstruktivismus
  • Glöckel, Otto, 1874 bis 1935, Schulreformer und Politiker
  • Gödel, Kurt, 1906 bis 1978, Mathematiker und Logiker
  • Grab, Walter, 1919 bis 2000, Historiker, Revolutions- und Jakobinerforscher
  • Grillparzer, Franz, 1791 bis 1872, Schriftsteller und Dramatiker
  • Grünbaum, Fritz, 1880 bis 1941, Kabarettist, Regisseur und Schauspieler

H

  • Hobsbawm, Eric J., Sozialhistoriker und Sozialwissenschafter, in Wien und Berlin aufgewachsen, 1933 nach London emigriert. Studium an der University of Cambridge, King’s College; von 1971 bis zur Emeritierung 1982 Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der University of London; zahlreiche Auszeichnungen und Preise, unter anderen Ernst-Bloch-Preis 2000; Balzan-Preis, Jänner 2008 Ehrenbürger der Bundeshauptstadt Wien, Hobsbawm sieht Geschichte als Gestaltungsraum, er interessiert sich für die einfachen Leute, für Sozialrebellen, für Outlaws, und er plädiert dafür, gerade in unbefriedigenden Zeiten die Hände nicht in den Schoß zu legen und gegen soziale Ungerechtigkeit anzutreten. Zahlreiche Bücher: "Das Zeitalter der Extreme" und seine Autobiographie "Gefährliche Zeiten" behandeln die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts.
  • Hakoah, der SC Hakoah wurde im Jahr 1909 von jüdischen Studenten ins Leben gerufen; sie wollten einen Fußballclub gründen, der der jüdischen Jugend die Möglichkeit bieten sollte, Sport zu treiben und auch als Juden und mit einem Bewusstsein ihrer jüdischen Identität in einen sportlichen Konkurrenzkampf zu treten. Der Verein hatte also von Beginn an auch eine emanzipatorische Zielsetzung.
  • Haugwitz, Friedrich Wilhelm, 1702 bis 1765, Verwaltungs- und Rechtsreformer
  • Hebenstreit, Franz, 1747 bis 1795, Sozialutopist und einer der Köpfe der Wiener Jakobiner
  • Heer, Friedrich, 1916 bis 1983, Historiker, Publizist und Autor
  • Herzl, Theodor, 1860 bis 1904, Schriftsteller und Publizist
  • Hoffmann, Josef, 1870 bis 1956, Architekt und Designer
  • Hofmann, Werner, Kunsthistoriker, Gründungsdirektor des Museums des 20. Jahrhunderts in Wien
  • Hofmannsthal, Hugo von, 1874 bis 1929, Schriftsteller

I

  • Illich, Ivan, 1926 bis 2002, war unkonventioneller Philosoph, Gesellschaftswissenschafter und Theologe, der sich kritisch mit Fehlentwicklungen in der so genannten "Ersten Welt" und ihren Auswirkungen auf die Dritte und Vierte Welt auseinander setzte. In polemischen Schriften forderte er die "Entschulung der Gesellschaft". 1960 gründete er mit Paolo Freire und anderen das Südamerika-Institut Centro intercultural de documentacion in Cuernavaca. Illich prägte den Begriff "conviviality", bei dem es ihm um einen menschen- und lebensgerechten Einsatz des technischen Fortschritts ging.
  • Individualpsychologie, eine Schule der Tiefenpsychologie, stellt die menschlichen Beziehungen und das Individuum, das sich durch diese Beziehungen entwickelt und geprägt wird, in den Mittelpunkt ihrer Theorie und Empirie. Alfred Adler (1870 bis 1937), der anfangs mit Sigmund Freud zusammenarbeitete, ist neben Carl Gustav Jung der herausragendste Vertreter der Tiefenpsychologie. Alfred Adlers Ansatz schafft ein Verständnis der Einmaligkeit und Einzigartigkeit der Individuen, ohne soziale Faktoren zu vernachlässigen. Adler hat die Begriffe von der körperlichen und psychischen Kompensation geprägt und die damit in Verbindung stehenden Phänomene untersucht.

J

  • Jochmann, Rosa, 1901 bis 1994, Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus und sozialdemokratische Politikerin. Rosa Jochmann begann als Arbeiterin in Simmeringer Fabriken, sie wuchs schon als Jugendliche in die Sozialdemokratie hinein, wurde 1920 Betriebsrätin und 1925 Sekretärin der Gewerkschaft des Chemischen Verbandes. 1932 wurde sie Zentralsekretärin der sozialistischen Frauen Österreichs und 1933 Mitglied des Bundesvorstands der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Rosa Jochmann ihre politische Tätigkeit in der SPÖ wieder auf. Sie wurde Abgeordnete zum Nationalrat, stellvertretende Vorsitzende der SPÖ und 1959 SPÖ-Frauenvorsitzende. Rosa Jochmann war eine konsequente, engagierte Warnerin vor Rechtsextremismus und Antisemitismus.
  • Jung-Wien war eine Gruppe von Wiener Intellektuellen und Autoren um Hermann Bahr in der Hochzeit der Wiener Moderne. Die Gruppe entstand 1891, nach der Rückkehr Hermann Bahrs nach Wien. Ihr gehörten unter anderen Peter Altenberg, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Felix Salten, Arthur Schnitzler an. Man traf sich im Café Griensteidl, publizierte in der Wochenschrift "Die Zeit" und entwickelte einen Stil, der weg vom Naturalismus hin zu einem Ästhetizismus, zu einer literarischen Moderne führte.
  • Jahoda, Marie, 1907 bis 2001, Sozialpsychologin und Sozialwissenschafterin
  • Jandl, Ernst, 1925 bis 2000, Autor und Lyriker
  • Jelinek, Elfriede, Schriftstellerin, Literatur-Nobelpreisträgerin

K

  • Kraus, Karl, 1874 bis 1936, Schriftsteller, Essayist, Dramatiker, Satiriker, Lyriker, Aphoristiker, Herausgeber der "Fackel" mit seinen Texten und Vorlesungen (etwa 700 zwischen 1910 und 1936) wendete sich Karl Kraus gegen Verlogenheit, Sensationsgier, Kriegstreiberei, Doppelmoral, Lüge und Kitsch. Er hatte einen präzisen Blick auf die politischen und kulturellen Entwicklungen seiner Zeit, die er kritisch kommentierte und deren Konsequenzen er mit großer Klarheit vorher sah.
  • Konstruktivismus aus Wien, Ludwig Wittgenstein spricht in den "Vermischte[n] Bemerkungen" davon, wie schwierig es sei, das Österreichische zu verstehen: "Ich glaube, das gute Österreichische (Grillparzer, Lenau, Bruckner, Labor) ist besonders schwer zu verstehen. Es ist in gewissem Sinne subtiler als alles andere, und seine Wahrheit ist nie auf Seiten der Wahrscheinlichkeit". Dieses von Wittgenstein konstatierte Phänomen hat wohl ursächlich damit zu tun, dass Wien, die Haupt- und Residenzstadt "Kakaniens", zu einer Wiege des radikalen Konstruktivismus wurde. Heute gehört es zu den wissenschaftstheoretischen Fundamenten der Natur- und der Kulturwissenschaften, dass die Welt, so wie wir sie wahrnehmen, durch den Wahrnehmungsvorgang mitkonstruiert beziehungsweise überhaupt erst erschaffen wird. Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld, Paul Watzlawick sind Vertreter dieses Konstruktivismus wienerisch/österreichischer Provenienz. "Haben die Kühe ihre Farbe, ehe ich sie sehe?" fragt der in Wien lehrende Experimentalphysiker Anton Zeilinger in seinem jüngst erschienenen Werk "Einsteins Spuk".
  • Kadmon, Stella, 1902 bis 1989, Schauspielerin, Kabarettistin und Theaterleiterin
  • Kelsen, Hans, 1881 bis 1973, Staats- und Verwaltungsrechtler und Rechtsphilosoph
  • Kernberg, Otto, Psychoanalytiker
  • Kläger, Emil, 1880 bis 1936, Journalist und Verfasser detaillierter Sozialreportagen und Lichtbildvorträge über Obdachlose und Strotter, zum Beispiel: "Durch die Quartiere des Elends und Verbrechens"
  • Klein, Melanie, 1882 bis 1960, Psychoanalytikerin
  • Klüger, Ruth, Literaturwissenschafterin und Schriftstellerin
  • Knoll, August Maria, 1900 bis 1963, Professor für Soziologie an der Universität Wien
  • Kohr, Leopold, 1909 bis 1994, Nationalökonom, Jurist und Philosoph, Begründer der Ökologiebewegung, 1983 ausgezeichnet mit dem Alternativen Nobelpreis
  • Kreisler, Georg, Kabarettist
  • Kris, Ernst, 1900 bis 1957, Kunsthistoriker und Psychoanalytiker
  • Kudlich, Hans, 1823 bis 1917, Politiker und Arzt
  • Kuh, Anton, 1890 bis 1941, Essayist und Feuilletonist
  • Kunsttheorie aus Wien, Wiener Schule der Kunstgeschichte (unter anderen Franz Wickhoff, Alois Riegl, Max Dvorák, Hans Tietze, Otto Benesch, Julius von Schlosser)

L

  • Leichter, Käthe, 1895 bis 1942, Autorin und Gewerkschafterin, 1895 bis 1942, als Referentin der Arbeiterkammer Wien und sozialdemokratische Frauenfunktionärin kämpfte sie vehement für die sozialen und wirtschaftlichen Interessen der Arbeiterinnen. Nach dem Februar 1934 gehörten Käthe Leichter und ihr Mann Otto zu den Gründern der "Revolutionären Sozialisten".
  • Lebensreformbewegung im "Roten Wien", aus der Arbeiterbewegung, die sich nach dem sozialdemokratischen Einigungsparteitag in Hainfeld festigte, entstanden insbesondere in der Zeit der sozialdemokratischen Gemeindeverwaltung im Roten Wien vielfältige sozial- und lebensreformerische Projekte und Vereine. Es ging um Versuche, wichtige Aufgabenstellungen des alltäglichen Lebens der Bürgerinnen und Bürger, Bildung, Erziehung, Lesekultur, Körperkultur und Hygiene, Geschlechterrollen und Sexualität, unter emanzipatorischen und solidarischen Gesichtspunkten neu zu organisieren. Die Arbeitersportbewegung, die Freikörperkulturbewegung, die Befreiung des weiblichen Körpers von Korsett und Tournure, gemeinschaftliche Organisation des Kochens (Einküchenhaus) und anderer Aufgaben des Alltäglichen gehören hierher.
  • Loos, Adolf, 1870 bis 1933, Architekt und Architekturtheoretiker
  • Loos, Lina, 1884 bis 1950, Schauspielerin und Feuilletonistin
  • Leupold-Löwenthal, Harald, 1926 bis 2007, Psychiater und Neurologe

M

  • Mach, Ernst, 1838 bis 1916, Physiker, Philosoph und Wissenschaftstheoretiker. Nach ihm ist die Mach-Zahl benannt, die die Geschwindigkeit im Verhältnis zur Schallgeschwindigkeit beschreibt. Im Bereich der Psychologie war er Wegbereiter der Gestaltpsychologie. Außerdem beschäftigte er sich wegweisend mit Fragen der Erkenntnistheorie und der Geschichte der Physik.
  • Moderne, Wiener, 1890 bis 1910, als Gegenströmung zum Naturalismus wollte sie diesem die "Kunst um der Kunst willen" entgegensetzen. Das intellektuelle Programm der Moderne am Beginn des Jahrhunderts lässt sich auf die folgenden Punkte bringen: Aufklärung überkommener Formen, Ablehnung des Überflüssigen, Primat des Funktionellen und Effizienten, Kritik feudaler Lebensformen und Schnörkel zwischen Korsett, Krinoline und Fassadenschmuck, Kritik aristokratischer Gesten, Lebensformen, hierarchischer Attitüden, Kritik des repräsentativen Habitus, Schlichtheit und Einfachheit als Postulat, ein neues Körperbewusstsein, Erkenntnis der Komplexität des psychischen Geschehens und Forderung nach einer Ausleuchtung der Seelenlandschaft, Forderung einer Erklärung der Welt mit den Mitteln der Wissenschaft. Bedeutende Vertreter: Sigmund Freud, Hugo von Hofmannsthal, Gustav Klimt, Karl Kraus, Adolf Loos, Ernst Mach, Robert Musil, Franz Kafka, Arnold Schönberg, Otto Wagner, Otto Weininger, Ludwig Wittgenstein.
  • Mahler, Gustav, 1860 bis 1911, Komponist und Dirigent
  • Mauer, Otto, 1907 bis 1973, Publizist und Seelsorger
  • Mayreder, Rosa, 1858 bis 1938, Frauenrechtlerin und Schriftstellerin
  • Meitner, Lise, 1878 bis 1968, Kernphysikerin
  • Mitterauer, Michael, Wirtschafts- und Sozialhistoriker, populäre Autobiographik, Aufbau der Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnung
  • Moreno, Jacob, 1889 bis 1974, Psychiater, Begründer des Psychodramas
  • Mozart, Leopold, 1719 bis 1787, Komponist und Vizekapellmeister
  • Mozart, Wolfgang Amadeus, 1756 bis 1791, Komponist der Wiener Klassik

N

  • Neurath, Otto, 1882 bis 1945, österreichischer Philosoph und Ökonom, gehörte dem "Wiener Kreis" als Vertreter eines pragmatischen wissenschaftstheoretischen Ansatzes an. Er hatte eine enzyklopädische Vorstellung von der Einheit der Wissenschaften und setzte sich für eine wissenschaftliche Weltanschauung und eine Universalsprache ein, die sowohl wissenschaftliche als auch alltägliche Begriffe enthalten sollte. Mit dem Grafiker Gerd Arntz entwickelte er die Isotype, die Wiener Methode der Bildstatistik.
  • Neue Wege, 1948 entstandene Literaturzeitschrift, die zunächst mit dem 1932 beziehungsweise 1945 gegründeten Theater der Jugend verbunden war, wichtiges Forum innovativer Literatur in Österreich um 1950. Autorinnen und Autoren waren unter anderem Andreas Okopenko, H. C. Artmann, Gerhard Fritsch, Friedrich Polakovics, René Altmann, Walter Toman und Friederike Mayröcker. 1951 übernahm Hermann Hakel die Leitung und publizierte unter anderem Texte von Ernst Jandl und Gerhard Rühm. Um 1960 büßten die Neuen Wege ihre literarische Vorreiterfunktion ein.
  • Nenning, Günther, 1921 bis 2006, Journalist und Aktivist
  • Nestroy, Johann, 1801 bis 1862, Schauspieler und Dramatiker

O

  • Okopenko, Andreas, Lyriker, Erzähler, Dramatiker, Hörspielautor; von 1951 bis 1953 gab er die Literaturzeitschrift "Publikationen" heraus, in der zahlreiche Angehörige der österreichischen Avantgarde veröffentlichten. Er publizierte in der Zeitschrift "Neue Wege" und entwickelte parallel zur konkreten Poesie und zur Wiener Gruppe eine eigenständige sprachexperimentelle Literatur.
  • Österreichische (auch Wiener) Schule der Volkswirtschaftslehre, eine Schule nationalökonomischen Denkens, die den Standpunkt vertrat, dass sich das menschliche Wirtschaften einer formalisierenden Betrachtungsweise entzieht. Eine mathematische Modellierung wird daher abgelehnt. Als Begründer gilt Carl Menger, 1840 bis 1921, Professor für politische Ökonomie und Statistik in Wien. Menger löste das "klassische Wertparadoxon" mit Hilfe der Betrachtung des Grenznutzens (jener Nutzen, den die letzte verbrauchte Einheit eines Gutes stiftet), zudem suchte Menger die Arbeitswerttheorie von Karl Marx zu widerlegen.
  • Olbrich, Joseph Maria, 1867 bis 1908, Architekt
  • Oppolzer, Johann, 1808 bis 1871, Internist
  • Oppolzer, Theodor R., 1841 bis 1866, Professor der Astronomie

P

  • Popp, Adelheid, 1869 bis 1939, Politikerin und Journalistin, musste bereits mit zehn Jahren in einer Fabrik arbeiten, mit 17 erste Kontakte zur Sozialdemokratie, ab 1892 Leiterin der "Arbeiterinnenzeitung"; sie übte scharfe Kritik an den herrschenden patriarchalischen Moralvorstellungen; 1902 Gründung des "Vereins sozialdemokratischer Frauen und Mädchen"; 1918 Wiener Gemeinderätin; 1919 bis 1934 Abgeordnete zum österreichischen Parlament.
  • Psychoanalyse: Die Wurzeln der Psychoanalyse lassen sich bis ins 18. Jahrhundert - etwa die Arbeiten von Franz Anton Mesmer - zurückverfolgen. Empirisch und theoretisch wurde die Psychoanalyse durch die Arbeiten von Sigmund Freud konstituiert. 1886 eröffnete Freud seine Praxis; 1894 tauchte erstmals der Terminus "libido" in seinen Schriften auf; 1895 veröffentlichte er gemeinsam mit Josef Breuer (1842 bis 1925) "Studien über Hysterie"; 1899 (nachdatiert auf das Jahr 1900) erschien Freuds Traumdeutung. Die Psychoanalyse und das wissenschaftliche Werk Sigmund Freuds haben nicht nur den genius loci in Wien und die Auseinandersetzungen mit den Kräften der Seele im internationalen Maßstab, sondern auch die gesamte Kunst des 20. Jahrhunderts, das Denken über das Verhältnis zwischen Leib und Seele auch im alltäglichen Leben beeinflusst. Die Begriffe Frustration, Verdrängung, Trauma, Regression, Neurose, Perversion wurden zum Kernvokabular, mit dem die Menschen ihre Gefühle und Befindlichkeiten beschreiben.
  • Pfeiffer, Ida, 1797 bis 1858; Weltreisende und Reiseschriftstellerin
  • Pollak, Oscar, 1893 bis 1963, Journalist
  • Pollet, Johann, 1814 bis 1872, Offizier, Freiheitsheld der Wiener Märzrevolution 1848, weigerte sich, unter Berufung auf die Dienstordnung auf Demonstranten zu schießen
  • Popper, Sir Karl, 1902 bis 1994, Philosoph und Wissenschaftstheoretiker
  • Possanner, Gabriele, 1860 bis 1940, Ärztin, promovierte als erste Frau in der österreichisch-ungarischen Monarchie

Q

  • Qualtinger, Helmut, 1928 bis 1986, (Quasi) steht als Schriftsteller, Kabarettist und Schauspieler für jene Österreicherinnen und Österreicher, die sich nach 1945 mit allen Mitteln, die Kunst, Scherz, Satire und Ironie bieten, kritisch mit Österreich, vor allem auch mit dem Opportunismus österreichischer Prägung, auseinander setzten. Anfang der 1950-er Jahre bildete Helmut Qualtinger mit Gerhard Bronner, Karl Merz und Michael Kehlmann die Gruppe "Reigen 1951". Mit Karl Merz zusammen verfasste er über 100 Kabarettnummern. Der "Wüde mit seina Maschin" und der "Gschupfte Ferdl" waren geniale Zeichnungen des "Halbstarken" mit Wiener Prägung. Die "Travnicek-Dialoge" porträtierten den ignoranten Wiener auf Reisen, der die Fremde nur als Abwesenheit des Vertrauten erlebt: "Die Lappen - Gscherte im Pelz". Der "Herr Karl" (1961) war zum richtigen (zum frühest möglichen) Zeitpunkt eine literarische Satire auf den charakterlosen opportunistischen Mitläufer der Nazis. Berühmt ist seine Charakterisierung der Heimatstadt Wien: "Man kann es in Wien nicht mehr aushalten, aber woanders auch nicht".
  • Qualitative Sozialforschung aus Wien: Unter Qualitativer Sozialforschung wird die Analyse der sozialen Wirklichkeit mit Hilfe der Erhebung nicht standardisierter Daten (zum Beispiel offene Interviews, teilnehmende Beobachtung, Feldforschung, Auswertung von autobiographischem Material) verstanden (vergleiche auch "Aktivierende Sozialforschung" im "Alphabet der Aufklärung"). Frühe Vertreter waren Emil Kläger und Max Winter; Anfang der 1930er-Jahre führten Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel die legendäre "Marienthal-Studie" durch; seit den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts erkundet Roland Girtler in "teilnehmender Beobachtung" die soziale Welt der Sandler, der Prostituierten, aber auch jene der Wilderer, Landärztinnen und Landärzte, Pfarrersköchinnen, Journalistinnen und Journalisten und "feinen Leute".

R

  • Richter, Elise, 1865 bis 1943, Sprachforscherin, erste österreichische Universitätsprofessorin, war eine der ersten Frauen, die in Österreich ein reguläres Studium absolvieren konnten; 1901 wurde sie zum Doktor der Philosophie promoviert; 1907 erhielt sie als erste Frau in Österreich (und Deutschland) die Lehrbefugnis für romanische Philologie; 1922 erhielt sie den Titel "außerordentlicher Universitätsprofessor"; 1938 wurde ihr die Lehrbefugnis entzogen; 1943 wurde sie gemeinsam mit ihrer Schwester im Vernichtungslager Theresienstadt ermordet.
  • Reine Rechtslehre, eine Weiterentwicklung des Rechtspositivismus, eine Lehre innerhalb der Rechtsphilosophie, die die Geltung von Normen allein auf deren positive Setzung ("kodifiziertes Recht") zurückführt. Nur das Positive Recht kann gemäß der Reinen Rechtslehre als Recht gelten. Die Reine Rechtslehre wurde von Hans Kelsen (1881 bis 1973), Staats- und Verwaltungsrechtler und wesentlicher Mitgestalter der österreichischen Verfassung begründet. Die Reine Rechtslehre vertritt das Postulat der Trennung zwischen dem Bereich des Seins (das Faktische) und dem des Sollens (das Normative).
  • Reich, Wilhelm, 1867 bis 1957, Psychoanalytiker, Sexualforscher und Soziologe
  • Reinhardt, Max, 1873 bis 1943, Regisseur, Intendant und Theatergründer
  • Reumann, Jakob, 1853 bis 1925, Bürgermeister von Wien
  • Richter, Helene, 1861 bis 1943, Anglistin und Theaterwissenschafterin
  • Riedel, Andreas, 1748 bis 1837, war gemeinsam mit Franz Hebenstreit (1747 bis 1795) einer der Köpfe der Wiener Demokraten ("Wiener Jakobiner")
  • Riegl, Alois, 1858 bis 1905 Wien, Kunsthistoriker
  • Ringel, Erwin, 1921 bis 1994, Tiefenpsychologe
  • Rokitansky, Carl Freiherr von, 1804 bis 1878, Pathologe, Politiker und Philosoph
  • Roth, Joseph, 1894 bis 1939, Schriftsteller und Journalist
  • Rotter, Fritz, 1900 bis 1984, Autor und Komponist

S

  • Sonnenfels, Joseph von, 1732/33 bis 1817, Schriftsteller, Staatswissenschafter, Politiker; sein Vater, Sohn des brandenburgischen Landesrabbiners, war 1734 mit seinen Söhnen nach Wien gekommen, konvertierte hier zum Katholizismus und wurde 1746 zum Freiherrn von Sonnenfels geadelt. Joseph von Sonnenfels studierte Rechtswissenschaften und wurde 1763 Professor für "Polizey- und Kameralwissenschaften" an der Universität Wien. Er schrieb und lehrte im Sinn der Aufklärung - zum Beispiel gab er die Zeitschrift "Der Mann ohne Vorurtheil" heraus. 1775 publizierte er seine Schrift "Über die Abschaffung der Tortur"; die Folter wurde 1776 in ganz Österreich abgeschafft; 1784 war er Meister der Freimaurerloge "Zur wohlthätigen Eintracht".
  • Secession, Vereinigung bildender Künstler, 1897 trat eine Gruppe junger Künstler aus der Genossenschaft des Künstlerhauses aus; die Protagonisten (Gustav Klimt, Kolo Moser, Joseph Maria Olbrich, Rudolf Jettmar und andere) wendeten sich dezidiert gegen die herrschende Tendenz des Historismus und verlangten neue, dem modernen Leben entsprechende Ausdrucksformen.
  • Salten, Friedrich, 1869 bis 1945, Schriftsteller
  • Schnitzler, Arthur, 1862 bis 1931, Erzähler und Dramatiker
  • Schönberg, Arnold, 1874 bis 1951, Komponist
  • Schrage, Dieter, Kunsthistoriker und Kulturwissenschafter
  • Schütte-Lihotzky, Margarete, 1897 bis 2000, Architektin, studierte als erste Frau in Österreich Architektur
  • Schwab, Werner, 1958 bis 1994, Schriftsteller und Dramatiker
  • Sitte, Camillo, 1843 bis 1903, Architekt, Städteplaner, Theoretiker und Maler
  • Sittenberger, Hans, 1863 bis 1943, Erzähler und Dramatiker
  • Soyfer, Jura, 1912 bis 1939, Schriftsteller und Satiriker
  • Speiser, Paul, 1877 bis 1947, Politiker
  • Sperber, Manès, 1905 bis 1984, Schriftsteller und Sozialpsychologe
  • Spiel, Hilde, 1911 bis 1990, Journalistin und Schriftstellerin
  • Stekel, Wilhelm, 1868 bis 1940, Arzt und Psychoanalytiker
  • Stern, Josef Luitpold, 1886 bis 1966 Lyriker, Politiker, Journalist
  • Stourzh, Gerald, Historiker

T

  • Torberg, Friedrich, 1908 bis 1979, Erzähler, Essayist, Kritiker und Übersetzer, berühmt wurde Torberg vor allem mit seinem Roman "Der Schüler Gerber" und mit der Anekdotensammlung "Die Tante Jolesch", mit der er dem wienerisch-jüdischen Kultur-Amalgam ein eindrucksvolles Denkmal setzte. 1939 emigrierte Torberg zuerst in die Schweiz, dann nach Frankreich, von dort über Spanien und Portugal 1940 in die USA; 1951 kehrte Torberg nach Wien zurück; 1954 gründete er mit Friedrich Hansen-Loeve, Alexander Lernet-Holenia unter anderem die Kulturzeitschrift "FORUM", deren Leitung er 1966 an Günther Nenning abgab.
  • Toleranzpatent: Das Toleranzpatent von 1781 ermöglichte den protestantischen Kirchen erstmals seit der Gegenreformation wieder die Religionsausübung; mit dem Patent von 1782 wurden auch den Juden größere Freiheiten in der Religionsausübung zugestanden; mit dem Patent von 1785 wurde die Freimaurerei legalisiert, gleichzeitig wurde die Zahl der zugelassenen Logen beschränkt.
  • Teller, Oscar, 1902 bis 1989, Essayist, Kabarettist, Leiter der jüdischen Kulturstelle in Wien
  • Tietze, Hans, 1880 bis 1954, Kunsthistoriker
  • Tietze-Conrat, Erica, 1883 bis 1958, Kunsthistorikerin
  • Turrini, Peter, Autor

U

  • Ungar, Leopold, 1912 bis 1992, katholischer Geistlicher und langjähriger Leiter der Caritas; 1935 promovierte er zum Doktor iuris und trat in das Wiener Priesterseminar ein; wegen seiner jüdischen Abstammung musste er 1938 emigrieren; 1947 kehrte er nach Österreich zurück; er war Kaplan in Meidling und auf der Wieden; 1950 (bis 1988) wurde er Leiter der Caritas der Erzdiözese Wien und organisierte unter anderem die Hilfe für Flüchtlinge des ungarischen Volksaufstandes.
  • Ueberreuter Verlag, 1548 wurde von H. Carbo und A. Aquila in Wien eine Buchdruckerei gegründet, die 1805 von der Familie Ueberreuter übernommen wurde; 1866 wurde die Leitung von der Familie Salzer übernommen; seit 1934 wurde die unternehmerische Tätigkeit auf das Verlagswesen erweitert.
  • Uhl, Ottokar, Architekt
  • Universitäten in Wien, derzeit neun (sechs Privatuniversitäten, fünf Fachhochschulen)
  • Urania, Volksbildungshaus und Sternwarte, Verein Wiener Urania, gegründet 1897

V

  • Van Swieten, Gerard, 1700 bis 1772, Mediziner und Politiker, war Schüler Herman Boerhaaves und wurde 1745 Leibarzt Maria Theresias. Er setzte sich für eine Umgestaltung des österreichischen Gesundheitswesens und des Medizinstudiums ein. Besondere Bedeutung und Wirkung hatte Van Swietens Kampf gegen den Aberglauben und seine unterschiedlichen Ausdrucksformen. So bezeichnete er den Vampirglauben als "Barbarei der Unwissenheit", die "von einer dunklen und bewegten Phantasey, Einfalt und Unwissenheit" komme. Auf Initiative Van Swietens geht auch die Einrichtung eines botanischen Gartens, eines chemischen Labors und des klinischen Unterrichts zurück. Im Hinblick auf diese Errungenschaften gilt Van Swieten als Gründer der älteren medizinischen Schule.
  • Volkshochschulen, Wiener, die Volkshochschul-Idee stammt von dem Dänen Nikolai F. S. Grundtvig, der 1844 in Südjütland die erste derartige Einrichtung gründete. In Wien wurde die Volksbildungsarbeit durch den Wiener Volksbildungsverein in Margarethen (1847 von Eduard Leisching) begründet. In kurzer Folge entstanden danach die "Volkstümlichen Universitätsvorträge" (ab 1895), die Wiener Urania (gegründet 1897, seit 1910 am heutigen Standort) und das Volksheim Ottakring (1901). In der ersten Republik kam es zur Gründung von weiteren Volksbildungsheimen und Abendvolkshochschulen; nach 1845 wurden die Volkshochschulen als Bezirksvolkshochschulen wiederbegründet. Gegenwärtig gibt es 18 Wiener Volkshochschulen, die dezentral in allen 23 Bezirken an über 150 Veranstaltungsorten tätig sind. 1949 wurde als Dachorganisation der Verband Wiener Volksbildung gegründet. Weitere Einrichtungen der Wiener Volksbildung sind die Künstlerische Volkshochschule, das Planetarium, die Kuffner Sternwarte, das Filmcasino und andere.
  • Ver Sacrum, bedeutendste österreichische Zeitschrift des Jugendstils, erschien als Organ der Wiener Secession von Jänner 1898 bis Oktober 1903
  • Viertel, Berthold, 1895 bis 1953, Schriftsteller, Dramaturg, Regisseur, Essayist

W

  • Winter, Max, 1870 bis 1937, Journalist, Schriftsteller und Politiker; Max Winter gilt als Schöpfer der Sozialreportage im deutschsprachigen Raum. Er verfasste zahlreiche realitätstreue und detailreiche Reportagen. So verkleidete er sich als Obdachloser und veröffentlichte seine Erkundungen über Strotter in der Arbeiterzeitung. Weitere Reportagen erkundeten die "Glaskleinindustrie Nordböhmens" (1900), "Das goldene Wiener Herz" (1904) unter anderem; Max Winter kann durchaus als früher Vorläufer der Sozialreportagen eines Günter Wallraff gesehen werden.
  • Wiener Gruppe, 1954 gebildete Schriftstellervereinigung; die Wiener Gruppe war eine lose Vereinigung österreichischer Autoren, die aus dem Art-Club hervorging. Zu ihr gehörten neben H. C. Artmann, Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener; auch Ernst Jandl und Friederike Mayröcker hatten engen Kontakt zu dieser intellektuellen Gruppierung. Wurzeln der Wiener Gruppe finden sich in der Barockdichtung, im Expressionismus, im Dadaismus und im Surrealismus. Nach dem Tod Konrad Bayers löste sich die Gruppe 1964 auf.
  • Weibel, Peter, geboren 1944, Kunst- und Medientheoretiker, Künstler, Kurator
  • Weigel, Hans, 1908 bis 1991, Schriftsteller und Theaterkritiker
  • Werfel, Franz Viktor, 1890 bis 1945, Schriftsteller, Anhänger des Expressionismus Widerstandsforschung im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (gegründet 1963)
  • Winter, Ernst Karl, 1895 bis 1959, Wiener Vizebürgermeister, Emigration, Professor für Sozialphilosophie (New York)
  • Wiener Vorlesungen, seit April 1987, 1.000 Vortrags-Veranstaltungen mit über 3.000 Vortragenden aus aller Welt, 250 Buchpublikationen
  • Wittgenstein, Ludwig, 1889 bis 1951, österreichisch-britischer Philosoph
  • WUK - Kulturzentrum, 1981 gegründet, ist eines der größten soziokulturellen Zentren Europas

X

  • X-Chromosomen, die wichtigsten Aufklärerinnen aus Wien (Auswahl H. C. Ehalt): Helene von Druskowitz, Valie Export, Auguste Fickert, Anna Freud, Marie Jahoda, Elfriede Jelinek, Rosa Mayreder, Adelheid Popp, Elise Richter, Margarete Schütte-Lihotzky

Y

  • Y-Chromosomen, die wichtigsten Aufklärer aus Wien (Auswahl H. C. Ehalt): Lorenzo Da Ponte, Paul Feyerabend, Sigmund Freud, Franz Hebenstreit, Ivan Illich, Karl Kraus, Robert Musil, Karl Popper, Helmut Qualtinger, Joseph von Sonnenfels

Z

  • Zweig, Stefan, 1881 bis 1942, Erzähler, Dramatiker, Lyriker, Essayist. Zweig studierte in Wien und Berlin Germanistik und Romanistik, 1917 ging er als überzeugter Pazifist vorübergehend in die Schweiz, zwischen 1900 bis 1934 lebte er meist in Salzburg, 1934 ging er nach London und wurde britischer Staatsbürger, 1941 übersiedelte er nach Brasilien. Stefan Zweig war Kosmopolit und Europäer, blieb aber zeitlebens Repräsentant der "kakanischen" Kultur der Wiener Moderne, die er in Institutionen und Personen eindrucksvoll porträtierte.
  • Zauberflöte, die, Oper in zwei Aufzügen von Wolfgang Amadeus Mozart (Musik) und Emanuel Schikaneder (Libretto); die Zauberflöte ist eine der bekanntesten und am häufigsten aufgeführten Opern weltweit. Diese Oper ist ein Kunstwerk, in dem die Ideen der Aufklärung gespiegelt in der zeitgenössischen Gedankenwelt der Freimaurer idealtypisch in Szene gesetzt werden. Mozart besuchte regelmäßig die Wiener Loge "Zur wahren Eintracht", in der Ignaz von Born Stuhlmeister war. Der Weg zu Erkenntnis, Licht und Humanität wird mit den Bildern einer rituellen Prüfung der zu initiierenden Tamino und Papageno dargestellt. Auf den drei Tempeln Sarastros stehen die Aufschriften Vernunft, Natur und Weisheit. Tamino wird freundlich aufgenommen mit dem für die Aufklärung zentralen Satz, ein Fürstensohn, das kann man bald sein, "mehr noch - er ist ein Mensch!".
  • Zaloscer, Hilde, 1903 bis 1999, Kunsthistorikerin
  • Zelman, Leon, 1928 bis 2007, Publizist, Gründer und Leiter des Jewish Welcome Service Vienna
  • Zilsel, Edgar, 1891 bis 1944, Philosoph
  • Zsolnay, Paul, 1895 bis 1961, Verleger und Gründer des Paul Zsolnay Verlages
  • Zuckerkandl, Bertha, 1864 bis 1945, Schriftstellerin, Journalistin und Kritikerin
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Univ.-Prof. Dr. Hubert Christian Ehalt (Magistratsabteilung 7)
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