Antikes Stadtrecht Wiens entdeckt

Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, Bürgermeister Michael Ludwig und Historiker Niklas Rafetseder

Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, Bürgermeister Michael Ludwig und Historiker Niklas Rafetseder (v.l.n.r.)

100 Jahre lag ein Fragment einer antiken Bronzetafel im Depot des Wien Museums. Jetzt gelang es einem jungen Historiker, die Bedeutung dieses unscheinbaren Metallstücks zu entschlüsseln: Das Fragment war Teil einer Stadtrechtstafel. Somit besaß bereits das römische Vindobona vor knapp 2.000 Jahren ein Stadtrecht.

Das Fragment der Stadtgesetztafel wurde von Bürgermeister Michael Ludwig im Römermuseum am Hohen Markt enthüllt. Es ist dort seit März 2020 ausgestellt.

Bürgermeister Michael Ludwig: "Es gilt als wissenschaftliche Sensation und lässt das Herz eines jeden Historikers höher schlagen: Wien hat schon vor circa 1.800 Jahren ein Stadtrecht verliehen bekommen. Der Geschichtsunterricht über die Stadt Wien muss jedenfalls neu gedacht werden."

Durchbruch durch eine Vorlage aus Spanien

1913 wurde in Wien bei Grabungen im 1. Bezirk, innerhalb des einstigen Legionslagers Vindobona, das Stück einer Bronzetafel gefunden. Von den 41 Zeichen konnten nur die Wörter "edicta" und "Galba" mit Sicherheit entziffert werden. Vermutet wurde, dass es sich um ein Edikt des Kaisers Galba handelt, der von 68 bis 69 nur wenige Monate regierte. Das Fragment lag seither mit anderen rund 150.000 Ausgrabungsobjekten im Depot des Wien Museums.

1986 wurden in Andalusien Tafeln des römischen Stadtgesetzes der Stadt Irni aus dem 1. Jahrhundert entdeckt. Im Zuge seiner Dissertation über die römischen Stadtgesetze an der Universität Wien konnte der Historiker Niklas Rafetseder jetzt Parallelen zwischen dem Fragment von Vindobona und dem Stadtgesetz von Irni aufdecken. Dadurch konnte er nachweisen, dass die Bronzetafel aus dem Depot des Wien Museums das Fragment einer römischen Stadtgesetztafel ist. Das Stadtrecht bezieht sich höchstwahrscheinlich auf die Zivil- oder Lagervorstadt des Legionsstandortes Vindobona, deren Status als Munizipium zwischen 120 bis 250 nun mit hoher Sicherheit festzustellen ist.

Nur privilegierte Gemeinden im römischen Reich bekamen das vom Kaiser vergebene Stadtrecht und durften sich danach Munizipium oder Colonia nennen. Es regelte die institutionelle Ordnung wie Ämter und Stadtrat, die Rechtsprechung, die politische Leitung durch eine Klasse von angesehenen Bürgerinnen und Bürgern sowie die Administration, von der Steuererhebung bis zum Brandschutz und zur Straßenreinigung.

Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler: "Die neue Erkenntnis über das erste Stadtrecht Wiens ist das Ergebnis der konstruktiven wissenschaftlichen Zusammenarbeit von Wien Museum und Universität Wien und der damit einhergehenden Bündelung von Forschungsinteresse und Expertise. Die Möglichkeiten der Digitalisierung spielten dabei auch eine entscheidende Rolle. Digitalisierung ist heute das Fundament für wissenschaftliche Forschung, sie ermöglicht neue, ortsungebundene Ergebnisse über alle Grenzen hinweg."

Antikes Wien im Stadtplan

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