"Stadien sind immer auch Versuchslabore…": Im Gespräch mit dem Stadion-Historiker Bernhard Hachleitner

Bernhard Hachleitner

Historiker und "Ernst-Happel-Stadion"-Experte Bernhard Hachleitner

Stadien eilt ein zwiespältiger Ruf voraus. Riesengroß, aber selten gefüllt, teuer, aber zu selten genutzt: Trotzdem spielen sie nicht nur im Sport, sondern auch für's städtische Leben eine (Vorreiter)Rolle. Impulse für das globale Entertainment-Business gehören ebenso dazu wie Kontrolle und neue Überwachungsmöglichkeiten. Ein Gespräch mit dem Historiker und "Ernst-Happel-Stadion"-Experten Bernhard Hachleitner aus Anlass der Fußball-Europameisterschaft 2012.


Finalspiele bleiben in Erinnerung, die Städte nicht unbedingt

wien.at: Welche Rolle spielen heute Fußball-Festspiele wie die EURO für Städte?

Bernhard Hachleitner: Die Auswirkungen von solchen Großveranstaltungen bleiben letztlich ungewiss. Sicher ist jedenfalls, dass Stadien immer schon viel Geld gekostet haben. Heute muss man dafür schon um die 300 Millionen Euro rechnen. Ob wegen einer WM oder einer EM mehr Leute nachhaltig eine Stadt oder ein Land besuchen, ist schwer belegbar. Barcelona nimmt da eine oft zitierte Ausnahmerolle ein, die sich aber eher durch den notwendigen Aufholprozess nach der wirtschaftlichen Zurücksetzung während der Franco-Zeit erklärt. Auch in diversen Stadtentwicklungstheorien halten sich Stadien als Entwicklungsmotoren hartnäckig.

wien.at: Vor vier Jahren waren wir Wiener aber schon froh, dass das Finale bei uns ausgetragen wurde.

Bernhard Hachleitner: Am Ende erinnert man sich nur mehr an das Finale. Deutschland gegen Spanien, das bleibt. Wo die anderen Spiele stattgefunden haben, verschwindet sehr rasch aus dem Gedächtnis.

wien.at: Apropos Gedächtnis: An Fußball erinnert man sich häufig in Form von Bildern, von Szenen und deren Wiederholungen.

Hachleitner: Ja, mit dem Fernsehen hat sich ab den 1960er-Jahren der Fußball, vor allem aber auch das Stadion verändert. Etwa im Sicherheitsbereich. Seit Längerem sieht man heute kaum mehr uniformierte Polizisten am Spielrand stehen, auch die Zäune als Begrenzung sind oft verschwunden. Dafür gibt es mit Video und Kameras völlig neue Formen und Möglichkeiten der Sicherheit und Überwachung. So gesehen sind Stadien auch Versuchslabore für städtische Entwicklungen. Ähnliches lässt sich auch für den Unterhaltungsbereich sagen. Als Los Angeles (USA) eigentlich aus pragmatischen Spargründen im Jahr 1984, anstatt neue Sportanlagen zu bauen, seine Stadien - und Teile der Stadt - für die Olympischen Spiele mit gigantischen, potemkinschen Werbehüllen überzog, hatte das weltweit große Auswirkungen für den internationalen Stadienbetrieb.

wien.at: Heute scheint es so, als ob Fußball-Festspiele ganze Städte und Staaten temporär nahezu entmündigen würden.

Hachleitner: Ein ganz gutes Beispiel sind dafür die innerstädtischen Fanzonen, die zugleich auch innerstädtische Kontrollräume sind. Unvergesslich ist mir auch die Unterschriftsleistung des seinerzeitigen Innenministers Ernst Strasser, der für die Republik den Vertrag mit der UEFA unterzeichnete.

Wiens Stadion - "Superblock" des Sports im Roten Wien

Spieler und Schiedsrichter bei der Begrüßung im Praterstadion 1936

Begrüßung beim Länderspiel Österreich gegen England am 6. Mai 1936 im Wiener Praterstadion

wien.at: Themenwechsel: Denkt man heute an das Rote Wien, fällt einem sofort der Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt, nicht aber das Stadion in der Leopoldstadt ein, obwohl es 1931 errichtet wurde.

Hachleitner: Und dies ausschließlich mit Geld aus Wien, da sich der Bund dafür nicht zuständig fühlte. Aber Sie haben recht: Auch in den 1980er-Jahren, als man sich wieder an das Rote Wien zu erinnern begann, war das ehemalige Praterstadion nicht sehr weit vorne gereiht. Obwohl es ursprünglich für die 2. Arbeiterolympiade 1931 errichtet worden war.

wien.at: Stellt das Ernst-Happel-Stadion für Sie ein Stück Rotes Wien dar?

Hachleitner: Ich denke schon. Vor allem, wenn man sich das Stadion vor seinem ersten Umbau in den 1950er-Jahren ansieht. Bis dahin dominierte - für die damalige Stadienarchitektur eher ungewöhnlich - ein strenger, funktionalistischer Ton. Es gab keine Hierarchisierung im Visuellen, also keine Türme im oberen Bereich, wie es auch keinen dezidiert herausgehobenen Haupteingang gab. Der Entwurf von Otto Ernst Schweizer war da sehr zurückhaltend. In Analogie zum Wohnbau im Roten Wien, kann man das Stadion mitsamt Stadionbad und anderen Zusatzelementen schon auch als "Superblock" des Sports bezeichnen.

Stadionpläne für Schönbrunn und Kongressgründe

wien.at: Warum eigentlich der Standort Prater?

Hachleitner: Frühere Stadiendiskussionen sahen auch andere Orte vor. So hätte ein Stadion im heutigen Bereich der Jesuitenwiese errichtet werden sollen, das aber durch den Ersten Weltkrieg verhindert wurde. Dann gab es vonseiten Privater ernsthafte Ideen, ein Stadion bei Schönbrunn hinter der Gloriette zu errichten. Auch dort, wo das heutige Kongressbad ist, gab es Pläne für ein gigantisches Stadion. Der Prater eignet sich für's Stadion aufgrund seiner langen historischen Funktion als Ort für alle Wiener - und aus einem ganz pragmatischen Grund: Der Baugrund gehörte der Stadt.

wien.at: Ein städtischer Entwicklungsmotor war das Stadion aber bislang nicht unbedingt, oder?

Hachleitner: Nein, erst durch die U2-Weiterentwicklung beziehungsweise der Stationsanbindung 2008 ist vermehrtes Leben in das Gebiet gezogen. Bis zu seiner grundlegenden Sanierung und Modernisierung Anfang der 1980er-Jahre war das Praterstadion dazu noch in einem sehr schlechten baulichen Zustand. Heute befindet sich die gesamte Gegend in ziemlicher Veränderung: Messe, Stadion, demnächst die Wirtschaftsuni. Der wesentliche Impuls dafür dürfte aber in der U2 liegen, die ja schon bald bis zu aspern Die Seestadt Wiens fortgesetzt wird.

wien.at: Danke für das Gespräch.

Das Gespräch führte Hans-Christian Heintschel.

Bernhard Hachleitner

Cover des Buchs über das Wiener Praterstadion

Schon seine Diplomarbeit über den Wiener Sport-Club, sein Publikum und dessen Hernalser Spielstätte war Fußball-affin. Bernhard Hachleitner, Jahrgang 1968, spielt zwar selbst eher kaum Fußball, über das wohl populärste Spiel auf der Welt hat er aber jede Menge nachgedacht. Das macht auch seine Dissertation "Das Wiener Praterstadion Ernst-Happel-Stadion. Bedeutung, Politik, Architektur und urbanistische Relevanz" deutlich, die weit mehr ist als die Wiedergabe der durchwegs turbulenten Ereignisgeschichte von Wiens einzigem und österreichweit größtem Stadion.

Näher kennengelernt hat Hachleitner das Stadion erstmals als Konzertbühnenarbeiter Anfang der 1990er-Jahre. Erschienen ist das Buch über das Wiener Praterstadion im Holzhausen Verlag 2011. Bei der EURO 2008 kuratierte er die Fußballausstellung im Wien Museum mit. Heute arbeitet der gebürtige Oberösterreicher als Historiker und freier Journalist in Wien. Über Fußball schreibt er nur ganz selten.


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