Bezirksgründung der Brigittenau

Schwarz-weiß-Aufnahme des alten Amtshauses am Brigittaplatz

Das alte Amtshaus am Brigittaplatz

Vor 1850 gehörten die beiden Ortschaften Brigittenau und Zwischenbrücken zu Niederösterreich. 1820 waren gerade einmal 320 Personen in beiden Ortschaften verzeichnet. Die meisten von ihnen waren Fischer, Schiffsmüller oder Gärtner. Auch einige Gastwirte gab es bereits.

Durch die Eröffnung der Kaiser-Ferdinand-Nordbahn 1837 und deren Verlängerung bis zum "Bahnhof am Prater" 1838 wurde die Gegend für Fabriken und Gewerbeunternehmen zunehmend attraktiver. Die billigen Transportwege mit der Eisenbahn oder den Donauschiffen lockten ebenso wie günstige Grundpreise.

1850 kamen beide Ortschaften unter die Verwaltung der Leopoldstadt und wurden so ein Teil von Wien. Allerdings hinkte die infrastrukturelle Aufschließung der beiden neuen Stadtteile noch längere Zeit nach. Zum Beispiel waren 1858 alle Straßen Wiens beleuchtet, nur Zwischenbrücken machte die Ausnahme.

Die ständige Hochwassergefahr wirkte noch stark wachstumshemmend. Durch die große Donauregulierung (1870 bis 1875) wurde diese Gefahr reduziert und die entscheidende Wandlung von der ländlichen Gegend zum Großstadtviertel setzte ein.

Um 1900 zählte man in Zwischenbrücken bereits rund 17.000 Einwohner und 227 Wohn- oder Fabrikgebäude.

Die Brigittenau war seit 1850 ein Teil der Leopoldstadt und somit an deren Beschlüsse und die Ausführung ebendieser gebunden.

Die vielen Fabriken und Gewerbebetriebe lockten Arbeitssuchende und Zuwanderer in die Gegend. Tschechen, Slowaken, Ungarn, Polen, Italiener, Kroaten und Juden kamen, um hier ihre neue Heimat zu finden. Der immense Bevölkerungsanstieg bewirkte eine große Not in den Lebens- und Wohnverhältnissen.

Diese Umstände ließen sehr schnell die Rufe nach einem eigenen Bezirk laut werden. Bereits 1871 wurde die erste Petition an den Wiener Gemeinderat überreicht, um eine Abtrennung der Brigittenau von der Leopoldstadt zu bewirken.

Lorenz Müller, Bürger und Bäckermeister in der Brigittenau bereitete den vergeblichen Bemühungen ein Ende. 1898 lud er den damaligen Bürgermeister Dr. Karl Lueger zu einer Aussprache ins Gasthaus Ockermüller in der Gerhardusgasse 40 ein. Lueger zeigte sich kooperativ und versprach, sich für die Trennung einzusetzen.

Hauswand mit Schritftzug "Weinhaus Otto Ockermüller"

Das berühmte Gasthaus Ockermüller in der Gerhardusgasse

Eingang zum Gasthaus Ockermüller in der Gerhardusgasse

Das Weinhaus war Schauplatz wichtiger politischer Treffen.


In der am 27. Mai 1899 eingebrachten Genehmigung eines neuen Landesgesetzes wurde eine neue Wahlordnung für Wien festgelegt und quasi nebenbei die Abtrennung der Brigittenau und die Schaffung des 20. Bezirkes bestätigt. Am 29. März 1900 war es soweit: Die Verordnung trat in Kraft.

Zeichnung von Häusern und Straßenecken

Dorfansichten aus der Brigittenau vor 1900

Schwarz-weiß-Aufnahme der Kirche am Allerheiligenplatz

Die ehemalige Kirche am Allerheiligenplatz

Fußgänger, eine Straßenbahn und eine Dampftramway am Gaußplatz

Dampftramway am Gaußplatz, 1905

Schwarz-weiß-Aufnahme von zwei Straßenbahnen in der Dresdner Straße

Blick in die Dresdner Straße, 1915


Einwanderung

Bereits bei Bezirksgründung im Jahr 1900 wies die Brigittenau durch die Nähe zur Leopoldstadt einen hohen Anteil an jüdischer Bevölkerung auf. Die Gegend zwischen Donaukanal und Donau wurde auch "Mazzesinsel" genannt und war seit Jahrzehnten das bevorzugte Einwanderungsgebiet für nach Wien kommende Juden.

Der Erste Weltkrieg und der Zerfall der Monarchie bewirkten enorme Flüchtlingsströme in ganz Europa. In die Brigittenau kamen vor allem aus Galizien und der Bukowina geflüchtete Juden.

1923 waren von rund 200.000 in Wien lebenden Juden 17.500 in der Brigittenau wohnhaft. Das waren damals 18 Prozent der Bezirksbevölkerung. Die meisten von ihnen lebten in einfachen Verhältnissen und waren zum Großteil als Kleingewerbetreibende (viele davon als Schneider) und Händler tätig.

Die sogenannte "Alt-Brigittenau" war das Zentrum des jüdischen Lebens. Zahlreiche jüdische Geschäfte, Gewerbebetriebe, Freizeiteinrichtungen, Lehrveranstaltungen und Bethäuser gab es vor allem in der Wallensteinstraße, Klosterneuburger Straße, Jägerstraße, Karl-Meißl-Straße sowie am Gaußplatz, der als Übergang zum 2. Bezirk eine besondere Rolle einnahm.

Außerdem gab es Humanitäts- und Unterstützungsvereine, deren Hilfe für das Überleben der meist armen Zuwanderer essentiell war.

Die zweite große Gruppe an Zuwanderern, die neben den Juden den Bezirk Anfang des 20. Jahrhunderts entscheidend prägte und mit aufbaute, waren die Tschechen. Bereits 1910 zählte man 9.269 Personen böhmisch-mährischer Herkunft in der Brigittenau, das waren damals 11,5 Prozent der Bezirksbevölkerung. Durchschnittlich fand man in jedem Haus acht Personen mit tschechischer Umgangssprache.

Die größte Zuwanderungswelle wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung ausgelöst. Viele der eingewanderten Tschechen waren als Fabrikarbeiter, Schneider, Schuster oder Tischler tätig. Die tschechischen Frauen kamen oft als Hausmädchen oder Dienstbotinnen unter.

Viele Parteien und Vereine wurden von der tschechischen Bevölkerung gegründet und organisiert. Der Bedeutendste davon war der Schulverein "Komensky". 1927 ließ der Verein eine eigene tschechische Schule mit Öffentlichkeitsrecht in der Vorgartenstraße 95-97 errichten (heutiges Polytechnikum).

Durch die Gründung des Staates Tschechoslowakei 1918 hatte allerdings bereits eine starke Rückwanderung der in Wien lebenden Tschechen eingesetzt, sodass der Anteil der tschechischen Bevölkerung von Jahr zu Jahr weniger wurde.

Heute ist von der tschechischen Brigittenau nur noch wenig übrig. Die Sprache ist von öffentlichen Orten verschwunden. Reste dieser Zeit findet man lediglich in den vielen tschechischen Familiennamen wie Novak, Svoboda oder Dvorak.

Wohnen 1900 bis 1938

Erst Ende des 19. Jahrhunderts siedelten sich größere Industriebetriebe in der Brigittenau an und die ersten Wohnbauten für die immer zahlreicher werdenden Fabrikarbeiter wurden errichtet. Um 1900 war die Brigittenau zu einem Arbeiter- und Zuwandererbezirk mit den entsprechenden Problemen geworden.

Im Bezirksteil westlich des Nordwestbahnhofes, der "Alt-Brigittenau", entstanden bürgerliche Wohnhäuser, deren Bewohnerinnen und Bewohner sich aus gehobenen bürgerlichen Schichten und dem Kleinbürgertum zusammensetzen. Im starken Gegensatz dazu wurden in Zwischenbrücken fast ausschließlich mehrgeschossige Arbeiterhäuser mit Kleinwohnungen errichtet. Der Wohnstandard mit Zimmer, Küche und Wasser und WC am Gang war niedrig und der Zins verhältnismäßig hoch.

Es gab rund 20.000 Wohnungen dieser Art, die im Schnitt mit fünf Personen belegt waren. Um sich die Wohnungen leisten zu können, mussten die meisten sogenannte "Aftermieter" oder "Bettgeher" aufnehmen. Das eigene Bett wurde abhängig von Arbeitszeit wechselseitig gegen Bezahlung geteilt. Das Wohnungselend in den Proletarierquartieren war enorm und die Gegend um Zwischenbrücken erhielt mehr und mehr das Image eines armseligen Industrieviertels.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde mit dem Bau größerer Wohnanlagen begonnen. So wurden zum Beispiel zwischen 1905 und 1912 die "Brigittenauer Anlagen" der "Ersten gemeinnützigen Baugesellschaft für Kleinwohnungen" in der Engerthstraße 41 bis 57 errichtet. 1912 wurden die "Eisenbahner Häuser" der "k.k. österreichischen Staatsbahnen" in der Schongauergasse und Kornhäuselgasse erbaut.

In der Zwischenkriegszeit wurden zahlreiche Baulücken mit großen Gemeindebauten aufgefüllt. Wohnhausanlagen mit besseren Wohnungen und Gemeinschaftseinrichtungen zeugten von einem Umdenken im städtischen Wohnhausbau. Die erste große Wohnhausanlage war der "Robert-Blum-Hof" in der Engerthstraße mit Baubeginn 1923. Ebenso ein Beispiel für diese Bauzeit ist der "Janecek-Hof", der 1927 feierlich eröffnet wurde.

Zeichnung von einem großen Wohnhaus am Wallensteinplatz

Jubiläumshof am Wallensteinplatz

Menschenansammlung vor einem Gemeindebau

Eröffnung des Engelshof, 1933


Feuerwehrhof

Pferdewagen mit Feuerwehrmann fährt aus einem Hofzugang

Feuerwehr im Schulgebäude Wintergasse 34, 1933

Eines der ältesten Schulgebäude in der Brigittenau befand sich in der Wintergasse 34. Die Klassenzimmer waren im ersten Stock, im Erdgeschoss Geschäfte. Das Haus gehörte ursprünglich dem Ortsrichter Jakob Winter, der das Gebäude der Gemeinde Wien für Schulzwecke schenkte. Der Hof des Schulhauses in der Wintergasse 34 diente ab 1870 als Feuerlöschdepot. Ab 1888 diente er als Feuerwehr-Subfiliale. 1925 wurden eine Gasspritze und ein Pumpenwagen angeschafft.


Feuerwehrautos und Löschzubehör im Hof des Schulgebäudes Wintergasse 34

Feuerwehrhof, 1933

Feuerwehrauto mit Feuerwehrmännern

Ausfahrt der Feuerwehr, 1933


Unternehmen, Fabriken und Geschäfte

Schwarz-weiß-Aufnahme von einem Mann mit Hund vor einer Papierhandlung

Papierhandlung am Brigittaplatz

Eine Frau und ein Mann auf einem Pferdewaagen mit der Aufschrift "Krystalleis aus Hochquellen-Wasser"

Eiswagen der Eisfabrik

Zeichnung von einem Fabriksgebäude

Zeichnung von der NÖM-Fabrik um 1900

Menschen vor einem Fleischhauer

Fleischhauer in der Raffaelgasse 22

Frauen und Männer vor dem Gasthaus Walzmühle

Belegschaft vom Gasthaus zur Walzmühle

Pferdegespann vor einem großen Holzfass aus dem Wasser auf die Straße spritzt

Ein Brigittenauer Wasserer

Männer mit Pferdewaagen beim Arbeiten auf einer Baustelle

Bauarbeiten für den Gasometer in der Forsthausgasse, 1910 bis 1911

Frauen in einer Dampfwäscherei bei der Arbeit

Kalandersaal der Dampfwäscherei in der Dammstraße

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