Wiener Gemeindebau - Historisches
- Wohnungsnot in der Gründerzeit (vor 1918)
- Gemeindebauten des Roten Wien (1918-1934)
- Unterbrechung während der Zeit des Austrofaschismus (1934-1938) und des Nationalsozialismus (1938-1945)
- Wiederaufbau (1950er-Jahre)
- Stadterweiterung (1960er- und 1970er-Jahre)
- Stadterneuerung und Wohnhaussanierung (ab den 1970er-Jahren)
- Neue Wohnbauoffensive (1990er-Jahre)
- Diversifizierung des geförderten Wohnbaus (ab den 1990er-Jahren)
Wohnungsnot in der Gründerzeit (vor 1918)
Zuwanderung aus den Kronländern der Donaumonarchie führt zu starkem Bevölkerungswachstum. Die Einwohnerzahl Wiens steigt um 1900 auf über zwei Millionen Menschen.
Private Mietshäuser ("Zinskasernen") mit Bassenawohnungen für Arbeiterinnen und Arbeiter entstehen.
Wohnungsspekulation führt zu hohen Mieten, Überbelag und Obdachlosigkeit. Um 1900 gibt es rund 300.000 Personen ohne eigene Wohnung, darunter fast 90.000 "Bettgeher". Die Wohnungssituation ist die schlechteste unter allen europäischen Großstädten. Tuberkulose heißt daher auch international "Wiener Krankheit".
Im Kommunalpolitischen Programm 1914 fordern die Wiener Sozialdemokraten den Bau von kommunalen Mietwohnungen. Dies scheitert an der christlich-sozialen Stadtregierung, in der private Hausherren die Mehrheit bilden.
Gemeindebauten des Roten Wien (1918-1934)
Nach den ersten demokratischen Gemeinderatswahlen wird Wien die erste sozialdemokratisch verwaltete Millionenstadt der Welt. Erster Bürgermeister des "Roten Wien" wird Jakob Reumann, 1923 gefolgt von Karl Seitz.
Trotz Kriegsfolgen und leerer Gemeindekassen unterstützt die Stadt die "Wiener Siedlerbewegung", die - meist in Selbstarbeit - rund 15.000 Siedlerhäuser errichtet. Gleichzeitig werden die Arbeiten an den ersten Gemeindebauten (Siedlung Schmelz, Metzleinstaler-Hof) begonnen.
- 1. Jänner 1922
- Wien wird eigenes Bundesland und erlangt Steuerhoheit: Start für die Steuerreformen durch Finanzstadtrat Hugo Breitner. Die Einführung der stark progressiven Wohnbausteuer und diverser Luxussteuern ermöglicht das erste kommunale Wohnbauprogramm.
- 21. September 1923
- Der Wiener Gemeinderat beschließt innerhalb von fünf Jahren 25.000 Gemeindewohnungen zu bauen. Charakteristisch sind die geringe Bebauungsdichte (beim Karl-Marx-Hof etwa nur 18 Prozent der Grundfläche) und die großzügigen Gemeinschaftseinrichtungen (Waschküchen, Bäder, Kindergärten, Gesundheitseinrichtungen, Büchereien, etc.). Die Vergabe der Wohnungen erfolgt erstmals nach einem transparenten Punktesystem.
- Ende 1926
- Vorzeitige Erfüllung des ersten Wohnbauprogramms, Aufstockung auf 30.000 Wohnungen
- Bis Februar 1934
- Fertigstellung von 61.175 Wohnungen in 348 Wohnhausanlagen - auch der großen "Superblocks" (Rabenhof, Reumann-Hof, Karl-Marx-Hof, Friedrich-Engels-Platz, Wohnhausanlage Sandleiten, Karl-Seitz-Hof, etc.) - und 5.227 Wohnungen in 42 Reihenhaussiedlungen. Am Bau waren fast 400 Architekturbüros beteiligt.
- 1932
- Eröffnung der Wiener Werkbundsiedlung
- 1934
- Bereits ein Zehntel der Wiener Bevölkerung wohnt in Gemeindebauten.
Unterbrechung während der Zeit des Austrofaschismus (1934-1938) und des Nationalsozialismus (1938-1945)
- 1934
- Die Auslöschung der Demokratie und das Verbot aller politischen Parteien außer der christlich-sozialen Vaterländischen Front führen im Februar zu Bürgerkrieg. Zahlreiche Gemeindebauten werden durch Artilleriebeschuss schwer beschädigt.
- Wien verliert seinen Status als eigenes Bundesland und wird als "bundesunmittelbare Stadt" direkt der austrofaschistischen Bundesregierung unterstellt. Freie Wahlen finden erst wieder 1945 statt.
- Der Bau von Gemeindewohnungen wird eingestellt. Errichtet werden lediglich einige "Nebenerwerbssiedlungen" für ausgesteuerte Arbeitslose und einfache "Familienasyle" für die wachsende Zahl Obdachloser.
- 1938
- Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich Bau einiger NS-Siedlungen. Vertreibung tausender jüdischer Mieterinnen und Mieter aus Gemeindebauten.
- 1945
- Befreiung Wiens und Ende des Zweiten Weltkriegs. Rund 87.000 Wohnungen (zwanzig Prozent des Gesamtbestands) sind zerstört.
Wiederaufbau (1950er-Jahre)
- 1945
- Erste Stadtregierung (sechs Sozialdemokraten, je drei Vertreter der Österreichischen Volkspartei und der Kommunistischen Partei), erster Bürgermeister Wiens der Zweiten Republik wird Theodor Körner.
- Enquete für den Wiederaufbau: Signal für den Neubeginn der Stadtplanung und des öffentlichen Wohnbaus
- Baustoff-, Transport- und Facharbeitermangel
- 1947
- Mit Unterstützung Schwedens Bau der ersten größeren Wohnhausanlage (Per-Albin-Hansson-Siedlung)
- 1950
- Steigender Wohnungsbedarf (mehr als 55.000 Wohnungssuchende) führt zu Schnellbauprogramm mit tausenden kleinen, später zusammenlegbaren "Duplex-Wohnungen" (u.a. Siemensstraße).
Stadterweiterung (1960er- und 1970er-Jahre)
Eine Phase der Stadterweiterung folgt dem abgeschlossenen Wiederaufbau. Neue Wohngebiete am Stadtrand sollen das dicht bebaute Stadtgebiet auflockern und die Wohnungsqualität insgesamt heben. Errichtung von Großsiedlungen (Großfeldsiedlung, Stadlau, Per-Albin-Hansson-Siedlung Ost) in Montagebauweise.
Die jährliche Neubauleistung steigt auf durchschnittlich 9.000 Wohnungen.
- Anfang 1970er-Jahre
- Großprojekte mit größeren und besser ausgestatteten Wohnungen, teilweise in Gemeindebauten (Am Schöpfwerk) bzw. durch gemeinnützige Bauträger (Wohnpark Alt Erlaa)
Stadterneuerung und Wohnhaussanierung (ab den 1970er-Jahren)
Aufgrund der großen Neubauleistung der letzten Jahrzehnte und der abnehmenden Bevölkerungszahl ist die "quantitative Wohnungsnot" beendet. Die durchschnittliche Jahresneubauleistung sinkt auf 3.000 Gemeindewohnungen. Gleichzeitig erfolgt eine Budgetverschiebung zur Stadterneuerung und Wohnhaussanierung.
- 1974
- Einrichtung der ersten Gebietsbetreuung in Ottakring und damit Beginn der sanften, bewohnerorientierten Stadterneuerung
- 1984
- Gründung des Wiener Stadterneuerungs- und Bodenbereitstellungsfonds (WBSF, heute wohnfonds wien) zur Durchführung der geförderten Wohnhaussanierung. Seither Sanierung von jährlich durchschnittlich 10.000 Wohnungen im privaten Mietwohnungsbestand, aber auch in gemeinnützigen Mietwohnungen und Gemeindewohnungen (u.a. Karl-Marx-Hof, George-Washington-Hof, Rabenhof, Goethe-Hof, Sandleiten).
Neue Wohnbauoffensive (1990er-Jahre)
- 1989
- Der Fall des "Eisernen Vorhangs" führt zur verstärkten Zuwanderung aus Osteuropa, später ebenso der Jugoslawien-Krieg. Auch die steigende Zahl von Single-Haushalten sowie der höhere Anspruch an Wohnfläche und -ausstattung verstärken die Wohnungsnachfrage. Die Stadt Wien reagiert durch die Förderung von bis zu 10.000 Neubauwohnungen pro Jahr, zum Teil in Form neuer Stadterweiterungsprojekte (Leberberg, Wienerberg, Langobardenstraße, Donau City, Wohnpark Neue Donau u.a.).
- Durch Sanierung und Neubau verbessert sich die Wohnungsqualität in Wien stark (1984: 39 Prozent "Substandardwohnungen", 2009: fünf Prozent).
Diversifizierung des geförderten Wohnbaus (ab den 1990er-Jahren)
Zur Stärkung der Innovation im geförderten Wohnbau initiiert die Stadt Wien sogenannte Themen-Wohnprojekte (Frauenwerkstadt, Autofreie Mustersiedlung, Interethnisches Wohnen, Umnutzungsprojekte wie die Gasometer u.a.).
- 1995
- Einführung der Bauträgerwettbewerbe und des Grundstücksbeirats zur Beurteilung aller geförderten Wohnbauprojekte nach den Kriterien Planung, Ökologie und Ökonomie
- 2000
- Gründung des Wohnservice Wien als zentrale Anlaufstelle und als Vergabestelle bei allen geförderten Neubauprojekten
- 2004
- Verlagerung des gesamten geförderten Wohnbaus vom Gemeindebau zu gemeinnützigen (teilweise auch gewerblichen) Wohnbauträgern, Innovationsschub u.a. im energetischen Bereich (Niedrigenergie- und Passivwohnhäuser)
- Baubeginn von Projekten der "Neuen Siedlerbewegung" (Orasteig u.a.).
- 2009
- Einführung der Sozialen Nachhaltigkeit als viertes Kriterium bei allen Bauträgerwettbewerben und im Grundstücksbeirat mit den Schwerpunkten auf alltagstauglichem, gemeinschaftsförderndem und leistbarem Wohnraum
- 2009/2010
- Bauträgerwettbewerbe u.a. im Sonnwendviertel (Hauptbahnhof), Nordbahnhof (Bike-City, Interkulturelles Wohnen, Wohnen am Park), Seestadt Aspern als klimaneutraler Stadtteil (erster Bauteil)
- Baubeginn bei Eurogate, Europas größtem Passivhaus-Stadtteil
Wiener Wohnen
Kontaktformular
