"In Wien gibt es mehr Fahrräder als Autos." - Gespräch mit Martin Blum, Wiens erstem Radverkehrsbeauftragten

Foto von Martin Blum

Martin Blum ist begeisterter Radfahrer. Wenn er ein Auto braucht, nutzt er Carsharing-Angebote.

Wenn jetzt die Temperaturen sinken, füllen sich die Fahrradabstellräume Wiens. Normalerweise. Für einen gilt das sicherlich nicht: Martin Blum (35) ist mit Anfang November Wiens erster Radbeauftragter. Er ist unterwegs bei jedem Wetter, gleich, ob es Minusgrade hat, Wien im Nebel unsichtbar wird oder die Sonne von oben herunterbrennt.

"Es macht Spaß, es passt zum Wiener Verkehr und es hält mich fit", fasst der 35-Jährige sein jahrelanges Pedaltreten zusammen. Gemeinsam mit zwei weiteren Radkundigen wird Blum in Hernals in den Räumlichkeiten der Abteilung Straßenverwaltung und Straßenbau (MA 28) sich für mehr Radfahrkultur einsetzen. Mit den ersten Ideen und Umsetzungen ist spätestens im Frühjahr 2012 zu rechnen. Also zum richtigen Zeitpunkt, wenn sich die Fahrradkeller dieser Stadt wieder lichten.

Seit 15 Jahren mit dem Rad unterwegs - fast jeden Tag im Jahr

wien.at: Darf ich fragen: Haben Sie überhaupt einen Führerschein?

Martin Blum: Ja, den Motorrad- und Pkw-Führerschein. Während meines ersten Studienjahres bin ich auch noch mit einem Auto durch Wien gefahren. Bis mir klar wurde, dass Radfahren auch in Wien gut funktioniert und Spaß macht. Seitdem gibt es für mich vor allem das Fahrrad. Wenn wir als Familie ein Auto brauchen, nutze ich das Carsharing.

wien.at: Das heißt, Sie sind schon lange mit dem Rad unterwegs.

Blum: Ja, seit 15 Jahren, fast jeden Tag im Jahr. Natürlich auch heute.

wien.at: Angesichts des herannahenden Winters: Gibt es nicht viele Gründe, das Rad zu Hause stehen zu lassen?

Blum: Ich finde, dass Radfahren gerade auch bei nicht so gutem Wetter sehr schön ist. Speziell etwa, wenn es leicht regnet und die Luft dann einfach besser riecht. Mit warmer Kleidung lässt sich's auch gut bei Minusgraden radeln.

wien.at: Andere haben mehrere Autos zu Hause. Sie werden wohl eher Räder haben. Wie viele darf man sich da vorstellen?

Blum: Abgesehen von den Rädern unserer Kinder haben wir insgesamt vier Familienfahrräder zu Hause. Meine Frau und ich teilen sie. In Wien gibt es übrigens mehr Fahrräder als Autos.

Carbon-Dienstfahrräder für die Stadtregierung?

Martin Blum mit Fahrrad

wien.at: Mitglieder der Stadtregierung haben Anspruch auf ein Dienstauto mit Chauffeur. Werden Sie demnächst die Stadtregierung mit edlen Carbon-Bikes ausstatten?

Blum: (lacht) Nein, auf diese Idee bin ich noch nicht gekommen!

wien.at: Aber sicherlich schon auf andere. Wie bequem wird es in Zukunft sein, mit dem Rad unterwegs zu sein?

Blum: Komfort spielt eine Rolle, nicht nur im Auto. Aber es spielt auch vieles andere eine Rolle, etwa das Sich-sicher-Fühlen.

wien.at: Bedeutet konkret?

Blum: Darauf zu schauen, dass die Radwege angemessen breit dimensioniert sind, meint aber auch, dass das Radfahren auf der Straße ein sicheres Gefühl vermittelt. Das frühere Konzept, Radfahren auf den "Restflächen" stattfinden zu lassen, ist vorbei. Aber es geht auch um Fahrradgaragen und gute Abstellmöglichkeiten im öffentlichen Raum.

Wien-Förderung für bessere Fahrradschlösser möglich?

wien.at: Es gibt Förderungen für den Einbau von Sicherheitstüren. Gibt es demnächst Förderungen für bessere Fahrradschlösser?

Blum: Wir haben da jede Menge Ideen. Und ja, warum sollte man nicht so etwas wie ein besonders sicheres "Wien Schloss" für Fahrräder unterstützen?

wien.at: Ist Ihnen schon mal Ihr Rad gestohlen worden?

Blum: Nein, solange ich in Wien unterwegs bin - und das bin ich seit 15 Jahren -, ist mir das zum Glück noch nicht passiert, obwohl ich das Rad bei uns zu Hause draußen auf der Straße stehen habe.

wien.at: Man sieht heute eigentlich sehr wenige Kinder auf dem Fahrrad. Wenn das Thema Rad langfristig Zukunft haben soll: Wie schafft man es, dass es mehr Kinder werden?

Blum: Es gibt schon jetzt dahin gehend einen positiven Trend. Immer mehr junge Eltern nehmen ihre Kinder mit auf dem Fahrrad, sei es mit dem Anhänger oder entsprechendem Sitz. Wichtig wird es sein, dass wir auch Initiativen setzen, damit die Kinder und Jugendlichen danach auch alleine das Rad benutzen. Wir wissen, dass in der Kindheit und Jugend die Grundsteine der zukünftigen eigenen Mobilität gelegt werden.

RadfahrerInnen durchmischter als in der Vergangenheit

wien.at: Im Rahmen der kürzlich vorgestellten Tarifreform der Wiener Linien wurde das Ziel betont, damit den Modal Split-Anteil des öffentlichen Verkehrs von derzeit 36 auf zukünftig 40 Prozent zu erhöhen. Gleichzeitig wollen Sie den Radanteil von derzeit fünf auf zehn Prozent in den nächsten Jahren erreichen. Auf was muss sich Herr und Frau Wiener einstellen?

Blum: Die Zehn-Prozent-Marke ist Ziel der Wiener Stadtregierung. Der Trend zum Rad ist ja bereits da. Man sieht das auch am Publikum, das bereits heute das Rad im Alltag nutzt. Seniorinnen sind ebenso schon dabei, wie Männer im Business-Anzug, aber auch Arbeiter. Es ist schon viel durchmischter als vor zehn Jahren. Diesen Trend zu verstärken ist auch eine wesentliche Aufgabe der Radagentur beziehungsweise meine Aufgabe als Radbeauftragter.

wien.at: Dem Wiener sagt man aber zugleich eine gewisse Behäbigkeit nach, und statistisch bewegt sich der Österreicher sage und schreibe nur 560 Meter pro Tag.

Blum: Ja, es gibt im Bereich der Mobilität starke Gewohnheiten. Uns geht es darum, mit dem Rad unterwegs zu sein schmackhaft zu machen. Und zum Modal Split: Ziel ist es, dass die drei umweltfreundlichen Mobilitätsformen Zufußgehen, Radfahren und Die-öffentlichen-Linien-Nutzen zunehmen.

wien.at: Sieht man sich den Radmarkt an, dann boomen heuer insbesondere die E-Bikes. Frage: Da diese schneller und bequemer sind, werden mehr Leute diese benutzen. Rechnen Sie nicht auch mit vermehrten Unfällen?

Blum: Derzeit gibt es keine Daten, die darauf einen Hinweis geben. Dazu kommt noch: Die meisten E-Bikes haben ja keine Gashebel wie bei Mopeds, sondern man tritt in die Pedale und wird erst dann durch die Batterie bis maximal 25 Stundenkilometer unterstützt.

Mehr Verbote bringen nichts

wien.at: Von fünf auf zehn Prozent bedeutet eine 100-prozentige Steigerung des Radfahrverkehrs in Wien. Wenn sich doppelt so viele Radfahrer in Wien bewegen, was ist Ihre Meinung zur Kennzeichnungspflicht derselben? Schließlich sind die Radfahrer ja im "normalen Straßenverkehr" angekommen.

Blum: Ich glaube, die bestehenden Regeln reichen da aus. Fahrerflucht von Radfahrern ist genauso verboten wie bei anderen Verkehrsteilnehmern. Nein, zusätzliche Verbote und mehr Bürokratie bringen da nichts. Um was es geht, ist ein Miteinander!

wien.at: Danke für das Gespräch und einen guten Arbeitsbeginn!

Das Gespräch führte Hans-Christian Heintschel.

Radagentur arbeitet ab 1. November

Mit 1. November tritt Wiens erster Radverkehrsbeauftragter seinen Dienst an. Blum, der mit seiner Familie in Wien wohnt, leitete für den Verkehrsclub Österreich (VCÖ) jahrelang den Bereich Verkehrspolitik. Unter insgesamt 440 Bewerbungen konnte sich der Absolvent der Universität für Bodenkultur (Wasserbau/Kulturtechnik) durchsetzen.

Neben Martin Blum wird die ehemalige Bezirksvorsteherin der Wieden, Susanne Reichard in der städtischen Radagentur arbeiten. Aufgabe ist es, den Rad-Boom, der in Wien bereits eingesetzt hat, zu verstärken. Ziel ist, den Radverkehrsanteil von derzeit fünf in den nächsten Jahren auf zehn Prozent zu bringen.

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