Psychosoziale Akutbetreuung in der Praxis: Weiterführende Empfehlungen und Kommentare aus den Arbeitskreisen
Ergebnisse des Workshop 1
Die Diskussionen im Workshop verliefen äußerst lebhaft.
Die Erwartungen der Teilnehmer/innen waren sehr unterschiedlich. Es gab Schwierigkeiten auf Grund der unklaren Terminologie, der unterschiedlichen theoretischen und praktischen Zugänge und Erfahrungen der Teilnehmer/innen. Die Zielsetzung des Wiener Manifests war nicht ohne Weiteres erkennbar. Trotz engagierter Beteiligung war es erst in der dritten Einheit des Workshops möglich, ein Thema zu finden, mit dem alle einverstanden waren. Es gelang, allgemeine Leitprinzipien der Akutbetreuung zu formulieren. Wir hoffen, dass diese Grundsätze einen Beitrag zur Entwicklung von Standards für die psychosoziale Akutbetreuung in Europa leisten werden.
Allgemeine Leitprinzipien
Präambel
Es handelt sich dabei um allgemeine Prinzipien der Akutbetreuung, die aber von jedem Land spezifisch ausgeformt und mit Inhalt gefüllt werden müssen, je nach seinem kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund und Möglichkeiten. Innerhalb eines Landes soll die Akutbetreuung ebenfalls den besonderen örtlichen Gegebenheiten angepasst sein (Beispiel: Bergrettung)
Eine Voraussetzung ist die genaue Definition aller verwendeten Begriffe, nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch auf europäischer Ebene (Trauma, Krise, Akutbetreuung, Nachbetreuung, Forschungsmethoden usw.)
Ziel
- Die negativen Auswirkung traumatischer Ereignisse sollen minimiert werden.
- Das Leben für die Betroffenen soll wieder so weit als möglich zu normalisiert werden.
- Prävention von PTSD
- Handlungsleitende Prinzipien der Akutbetreuung
- Ganzheitliches Herangehen an die betroffenen Menschen
- Positive Erwartungen der/des Helferin/Helfers in Bezug auf den positiven Ausgang der Krise
- Eingehen auf die Grundbedürfnisse
- Unterstützung, nicht Behandlung
- Herstellung eines "normalen" Umfeldes
- Hilfe bei der Aktivierung eigener und kollektiver Ressourcen
- Multidisziplinäre Zusammenarbeit
- Nachsorge - Verbindung von Akutbetreuung und Nachsorge
- Laufende Einschätzung der Situation (getroffene und notwendige Maßnahmen)
- Evaluation nach dem Einsatz
- Anbindung an die wissenschaftliche Forschung
- Psychohygiene der/des Helferin/Helfers
Empfehlungen für künftige Entwicklungen
- Jedes Land sollte darauf hinarbeiten, dass Akutbetreuung nicht nur in Großstädten, sondern auch am Land angeboten wird.
- Jede Akutbetreuungs-Organisation sollte ihr Konzept klarlegen (Verfügbarkeit, Arbeitsweise, Zielsetzung, Zielgruppen, Organisationsstruktur).
- Ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch (praktisch, wissenschaftlich, organisatorisch) auf nationaler und internationaler Ebene wäre wünschenswert.
Zusammenfassung einiger Diskussionspunkte
Ein wichtiges Thema war, ab welchem Zeitpunkt die psychosoziale Akutbetreuung beginnt. Durch das Vorhandensein einer speziellen psychosozialen Akutbetreuung soll nicht die Rolle des Ersthelfers vor Ort vergessen werden, denn seine psychologische "Erste Hilfe" kann auch den körperlichen Zustand eines Verletzten wesentlich beeinflussen und z.B. Schockzustände verhindern. Außerdem wäre es schade, wenn die Einsatzkräfte die psychische Betreuung von Verletzten ausschließlich den "Spezialist/innen" überlassen würden.
Ein weiterer Diskussionspunkt war die Schwelle ab wann Akutbetreuung einsetzen soll. Wer entscheidet, gibt es eine Indikationenliste oder sind es persönliche Entscheidungen der Einsatzkräfte bzw. der Betreuer/innen?
Zwischen Einzelereignissen und Großkatastrophen gibt es wichtige Unterschiede, sowohl für die Helfer/innen als auch für die Betroffenen selbst, denn eine Großkatastrophe verletzt auch das ganze soziale Umfeld. Trotzdem sollten auch Einzelereignisse nicht vernachlässigt werden und die Schnittstellen, wie die Betroffenen zu einer Betreuung kommen, sollten gut überlegt werden.
Ebenso wichtig wie der Beginn der Akutbetreuung ist auch das Ende der Betreuung. Wann können sich die Akutbetreuer/innen zurückziehen, wie können sie sicherstellen, dass die Betroffenen auch nach Abschluss der Betreuung eine weitere Versorgung ihren Bedürfnissen entsprechend erhalten können? Verschiedene Modelle der Überweisung wurden berichtet. Das Thema Screening spielte eine Rolle: Welche Person braucht welche Form der Nachbetreuung. Ganz besonders wichtig ist die Vernetzung mit vorhandenen psychosozialen oder sonstigen Hilfseinrichtungen von Selbsthilfegruppen über Vereine bis zu Spezialkliniken.
Vernetzung der Akutbetreuung mit den Einsatzorganisationen bzw. die Zusammenarbeit mit diesen sollte eine Selbstverständlichkeit sein.
Umstritten war die Rolle von Laien in der Betreuung. Wenn Laien zum Einsatz gelangen sollten sie auf jeden Fall eingeschult werden (Trained Volonteers). Für die Bevölkerung im Allgemeinen können Trained Volonteers jeder Art eingesetzt werden, für Einsatzkräfte ist besonders ein Peersystem zu empfehlen.
In einigen Ländern gibt es private Anbieter für ein Trauma-Management. Z. B. größere Firmen können nach Art einer Versicherung Mitglied sein. Bei einem Notfall in dieser Firma steht der private Anbieter zur Verfügung und managt den gesamten Notfall. Die Teilnehmer/innen waren der Meinung, dass Trauma-Arbeit eher von öffentlichen Einrichtungen, nicht von kommerziellen Unternehmungen geleistet werden sollte.
Es gab viele Diskussionsbeiträge zur Struktur des Workshops, die nicht zuletzt mit den Definitionsschwierigkeiten und den unterschiedlichen Bereichen, aus denen die Teilnehmer/innen kamen, zusammenhingen. Wir hoffen, dass diese Zusammenfassung trotzdem die wichtigsten angesprochenen Themen enthält.
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