Psychosoziale Akutbetreuung in der Praxis: Erläuterungen und Empfehlungen
Ziele
Nebenziel der Psychosozialen Akutbetreuung ist die Entlastung der Einsatzkräfte, die sich auf ihre ureigensten Aufgaben konzentrieren können und dabei wissen, dass bei Bedarf Psychosoziale Akutbetreuer/innen zur Verfügung stehen.
Als Indikationenliste wird die im Anhang befindliche Übersicht über Indikationen mit den dazu vorgesehenen Einsatzformen und den mögliche Schnittstellen zur Nachbetreuung empfohlen.
Unterschiede zwischen Psychosozialer Akutbetreuung für Primärbetroffene und deren Angehörigen und Psychosozialer Akutbetreuung für professionelle Einsatzkräfte bzw. für freiwillige Helfer/innen sind zu berücksichtigen.
Anforderungen an die Psychosoziale Akutbetreuung
- Charakteristik der stressinduzierenden Aspekte in der Notfallsituation
- Prinzipien
- Multiprofessionalität
- Methodik der Psychosozialen Akutbetreuung
- Nachbetreuung
- Voraussetzungen für die Psychosoziale Akutbetreuung bei größeren Katastrophen
- Voraussetzungen für die Psychosoziale Akutbetreuung bei individuelle Notfällen
- Weitere Entwicklungen
Charakteristik der stressinduzierenden Aspekte in der Notfallsituation
Als stressinduzierende Situationsaspekte werden oft angeführt:
- hohe Intensität der Stressoren
- Unvorhersehbarkeit/Plötzlichkeit
- Unausweichlichkeit
Das Notfallopfer wird abrupt aus seinen bisherigen Lebensbezügen in eine Situation hineinkatapultiert, die seiner subjektiven Kontrolle entgleitet.
Prinzipien
In der Psychosozialen Akutbetreuung gelten wichtige methodische Prinzipien, die auf drei Grundprinzipien zurückzuführen sind:
- eine Haltefunktion,
- eine strukturierende und orientierende Funktion und
- eine zu weiterer fachlicher Hilfe vermittelnde Funktion
Eine Auswahl der methodischen Prinzipien:
- Beziehung aufbauen, Gesprächspartner/in sein (Aktivität der/des Helferin/Helfers)
- Erfassen der Situation (Fokus: Die aktuelle Situation)
- Linderung von Symptomen: Ermöglichen angemessener Reaktionen, Unterbinden von Selbst- und Fremdschädigung
- Leute einbeziehen, die unterstützen: Gemeinschaft herstellen, soziale Ressourcen nützen
Ansatz zur Problembewältigung:
- Das Ereignis beschreiben lassen (kognitive Strukturierung)
- Gefühle und Empfindungen "zur Sprache bringen" (sicherer Rahmen notwendig)
- Unterstützung bei der Erschließung adäquater Bewältigungsstrategien
- Vernetzung mit Institutionen, die im Bedarfsfall die Nachsorge durchführen können
Multiprofessionalität
Multiprofessionalität soll gewährleisten, dass im Rahmen eines Teams Psychosozialer Akutbetreuer/innen aus verschiedenen beruflichen Blickwinkeln Beiträge geleistet werden können und ein möglichst breites Anforderungsspektrum abgedeckt werden kann. Grundberufe können dabei sein: Psycholog/innen, Ärzte/innen, insbesondere Psychiater/innen, Sozialarbeiter/innen, paramedizinisches Personal, eventuell auch Lehrer/innen und andere "helfende Berufe". Empfohlen wird, dass den Teams der Psychosozialen Akutbetreuung Notfallspsycholog/innen bzw. spezialisierte klinische Psycholog/innen angehören.
Die multiprofessionelle Zusammenarbeit mit den anderen Einsatzorganisationen soll gewährleisten, dass diese die Notwendigkeit einer Psychosozialen Akutbetreuung akzeptieren und in ihren Einsatzplänen dafür Räume und andere Ressourcen vor Ort vorsehen und zwar sowohl für die primär Betroffenen und deren Angehörigen als auch für die Einsatzkräfte selbst; bei Großkatastrophen auch für freiwillige Helfer/innen und für nur am Rand betroffene Bevölkerungsgruppen.
Methodik der Psychosozialen Akutbetreuung
Verschiedene Konzeptionen wie Psychische Erste Hilfe, Psychoedukation, Krisenintervention und Notfallspsychologie können dazu beitragen, Impulse für die fachliche Fundierung der Methoden der Psychosozialen Akutbetreuung zu bieten.
Psychische Erste Hilfe kann im Prinzip auch von Laien durchgeführt werden und umfasst meist eine nach bestimmten Basisregeln strukturierte Handlungskompetenz, die in der Akutsituation zu einer Stabilisierung der psychischen Verfassung beitragen kann, wie etwa
- Abschirmen vor neugierigen Zuschauern/innen
- Zuhören und Begleitung (nicht alleine lassen, vorsichtiger Körperkontakt)
- Sprechen (Sicherheit vermitteln: ruhiger Tonfall, z.B. Information geben, dass bereits Hilfsmaßnahmen im Gange sind.)
- leibliche Versorgung
- praktische Hilfe bei der Erlangung von weiteren Informationen
Psychoedukation erfordert Wissen und Erfahrung im Bereich der Traumatologie. Ziel ist vor allem die Information über häufig auftretende und daher "normale" Reaktionen auf unnormale Situationen: Verwirrung, Angst, psychosomatische Reaktionen, Schlaflosigkeit, sich aufdrängende Gedanken usw. Durch die Psychoedukation wird eine optimistische Grundhaltung vermittelt und den Betroffenen das Gefühl genommen, dass sie "unnormal" reagieren oder verrückt zu werden drohen. Diese Informationen sind auch für die Angehörigen wichtig und sollten im Anlassfall auch in die Verhaltensanweisungen, die über die Medien publiziert werden, einfliessen (möglichst ohne Ängste zu induzieren, die vielleicht sonst gar nicht aufgetreten wären).
Krisenintervention erfordert Aus- und Weiterbildung in Traumatologie, Suizidologie, Stress- und Copingtheorie, Interventionstechniken, insbesondere Gesprächsführung, Arbeit mit Gruppen und anderes mehr.
Sie strebt an
- Hilfe bei der Bewältigung der aktuellen Störungen
- Wiedererlangung der Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit und
- Vermittlung von Hoffnung
In der Akutsituation ist es wichtig, dass wieder Rationalität und Kontrollfähigkeit aufgebaut bzw. reaktiviert werden können, sodass die Überschwemmung mit Emotionen nicht so bedrohlich erlebt wird. Dabei sollen die Emotionen zwar nicht unterdrückt werden, aber doch so weit geordnet ablaufen können, dass Kurzschlusshandlungen unterbleiben. Gegebenenfalls ist die Aktivierung weiterer Schutzfaktoren wie Kohärenzsinn, soziale Unterstützung u. a. vorzubereiten. Für solche Aspekte bieten sich auch Konzepte und Methoden aus der empirischen Psychologie, insbesondere Notfallpsychologie und der klinisch-psychologischen Behandlung an.
Für die Betreuung von Einsatzkräften inklusive freiwilligen Helfer/innen wird gegenwärtig als Methode der Krisenintervention das "Critical Incident Stress Management" nach Mitchell empfohlen.
Nachbetreuung
In der Nachbetreuung kommen gegebenenfalls bei auftretenden psychischen Störungen wie Akute Belastungsreaktionen bzw. Posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD) die Behandlungsstrategien der klinischen Psychologie und Psychotherapie zum Einsatz. Dafür sind gut ausgebildete Fachkräfte notwendig wie etwa Notfallpsycholog/innen, spezialisierte Klinische Psycholog/innen, Psychiater/innen, Psychotherapeut/innen.
Institutionen, die die Psychosoziale Akutbetreuung organisieren, mögen daranmitwirken, dass Personen mit länger andauernden psychischen Störungen die Möglichkeit haben, sich bald nach dem Ereignis fachgerecht behandeln zu lassen.
Folgende längerfristige Unterstützungen kommen in Frage:
- Psychologische Beratung
- Psychologische Behandlung
- Psychotherapie
- Familienberatung, Familientherapie
- Medizinische, auch psychiatrische Behandlung
- Selbsthilfegruppen
Folgende Vorkehrungen erscheinen zweckmäßig:
- Verhandlungen mit Berufsverbänden niedergelassener Psycholog/innen, Psychotherapeut/innen und Psychiater/innen mit folgenden Zielen:
- Erstellung einer Liste von Spezialist/innen auf dem Gebiet der Traumabehandlung,
- Klärung der Überweisungsbedingungen und des Kostensatzes.
- Ähnliche Verhandlungen mit öffentlichen Einrichtungen, z.B. Ambulanzen, auf Kinder spezialisierte Einrichtungen, Stationen in Krankenhäusern usw.
- Förderung der Zusammenarbeit mit Fachinstituten oder Fachabteilungen für Traumatologie und Traumatherapie.
- Schaffung einer Notfallschiene, sodass Betroffene nicht abgewiesen oder auf eine lange Warteliste gesetzt werden.
- Erstellung von Plänen, wie die Kapazität von Spezialeinrichtungen im Anlassfall erhöht werden kann, sodass eine qualifizierte Nachsorge auch langfristig möglich ist (ein bis drei Jahre lang)
- Zusammenarbeit mit Einsatzorganisationen, die für ihre eigenen Mitarbeiter/innen Nachsorgemöglichkeiten aufbauen wollen
- Erarbeitung und Bereitstellung von Informationsmaterial, sodass Betroffene auch zu einem späteren Zeitpunkt, wenn kein Kontakt mehr mit den Akutbetreuer/innen besteht, Zugang zu den psychologischen Hilfen finden
- Einrichtung von Helplines oder Hotlines nach Großkatastrophen
Voraussetzungen für die Psychosoziale Akutbetreuung bei größeren Katastrophen
- Rascher Beginn
- Sicherer Ort
- Nähe zum Geschehen
- Wärme, Versorgung
- Räumliche Möglichkeiten zur Gesprächsführung
Voraussetzungen für die Psychosoziale Akutbetreuung bei individuelle Notfällen
Es ist ein System zu schaffen, das sicherstellt, dass die Betroffenen mit dem psychosozialen Betreuungssystem in Kontakt kommen können.
Weitere Entwicklungen
Langfristig gesehen sollte die Psychosoziale Akutbetreuung von Katastrophen-Betroffenen eine eigene Profession bzw. eine eigenständige Einsatzorganisation werden und im Rahmen einer geregelten Einsatzbereitschaft ausgeübt werden (hauptberuflich, nebenberuflich oder ehrenamtlich), mit einer hohen Verbindlichkeit und hoher Einsatzfrequenz, um einen Stab von erfahrenen psychosozialen Betreuer/innen heranzubilden. Diese sollten nicht nur selbst in der Lage sein, Betroffene optimal zu betreuen, sondern sollten auch Management-Fragen beherrschen und im Katastrophenfall imstande sein, die Betreuung vor Ort optimal zu organisieren und im Bedarfsfall auch Laienhelfer/innen anzuleiten.
Qualitätssicherung in der Durchführung der Psychosozialen Akutbetreuung
Instrumente der Qualitätssicherung sind einzusetzen wie etwa
- Dokumentation
- Evaluation durch Feedbackschleifen (Betroffene und anfordernde Organisationen)
- Begleitende Reflexion
- Selbstevaluation
- Schaffung und Evaluation einer günstigen Organisationskultur durch alle mit der Akutbetreuung befassten Personen
- Wissenschaftliche Begleitforschung
Verantwortlich für diese Seite:Magistratsdirektion - Krisenmanagement und Sicherheit
Kontaktformular
