Formen der Gewalt gegen Frauen
Die Formen der Gewalt gegen Frauen sind sehr unterschiedlich, ebenso die Situationen, in denen Frauen Gewalt erleben. Die meisten Gewalttaten an Frauen werden von Männern aus dem nahen familiären und sozialen Umfeld verübt. Das sind (Ex-)Partner und Ehemänner, Väter, Brüder, Nachbarn, Bekannte oder Freunde. Aber auch im Arbeits- und Ausbildungsbereich und im öffentlichen Raum erleben Frauen und Mädchen die verschiedensten Formen der Gewalt. Frauen und Mädchen sind oftmals mehreren Formen von Gewalt gleichzeitig ausgesetzt.
Strukturelle Gewalt
Strukturelle Gewalt umfasst alle ungleichen Machtverhältnisse in einer Gesellschaft, die zu ungleichen Lebenschancen führen. Sie ist erkennbar in gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen, Rollenzuschreibungen und Mustern, meist zum Nachteil von Frauen. Durch strukturelle Gewalt werden Frauen diskriminiert und in ihren Entwicklungs- und Lebenschancen behindert. Alle Formen von Gewalt an Frauen sind im Zusammenhang mit struktureller Gewalt zu sehen.
Ökonomische Gewalt
Ökonomische Gewalt bedeutet die ungleiche Verfügung über finanzielle Mittel und die Ausnützung von ökonomischer Überlegenheit:
- Finanzielle Abhängigkeit herstellen beziehungsweise aufrechterhalten
- Keine beziehungsweise ungenügende Geldmittel für den Unterhalt bereitstellen
- Geld oder Wertsachen wegnehmen oder verkaufen
- Arbeit oder Ausbildung verbieten oder verhindern
- Ein eigenes Konto verbieten
- Die Arbeitskraft ausnutzen
Sexuelle Gewalt
Sexuelle Gewalt umfasst alle Handlungen gegen den Willen einer Person, bei denen Sexualität als Mittel zur Demütigung und Verletzung eingesetzt wird. Formen der sexuellen Gewalt sind sexuelle Belästigung, sexuelle Übergriffe jeder Art (zum Beispiel Begrapschen, Erzwingen von sexuellen Handlungen, Erzwingen von Berührungen an den Geschlechtsteilen), Vergewaltigung und sexueller Missbrauch. Sexuelle Gewalt ist immer ein Akt der Aggression, ein Demonstrieren von Macht und ein Mittel für den Täter, das Opfer zu erniedrigen. Sexuelle Gewalt hat nichts mit Begehren oder Liebe zu tun, sondern damit, Macht über das Opfer auszuüben.
Körperliche Gewalt
Körperliche Gewalt umfasst Schläge, Treten, Stoßen, Würgen, An-den-Haaren-Reißen, Verbrennungen, Verätzungen, mit Gegenständen werfen bis hin zu Angriffen mit Stich- und Schusswaffen. 90 Prozent der körperlichen Gewalttaten werden durch Täter aus dem sozialen Nahraum verübt. Gerade dieses Naheverhältnis zu den Tätern, emotionale und finanzielle Abhängigkeiten sowie Schuld- und Schamgefühle verschärfen die Situation von gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen. Sie erschweren ihnen oft, darüber zu sprechen und sich Hilfe zu holen.
Psychische Gewalt
Auch gezielte Einschüchterungen, Drohungen, Psychoterror, Stalking, willkürliche Verbote, Erniedrigungen und Beschimpfungen sind Gewalt! Abwertungen, Drohungen und die Kontrolle aller Lebensbereiche der Frau durch den gewalttätigen Partner sind Machtmittel der Beziehungsgewalt. Sie werden von den Tätern gezielt eingesetzt, um Frauen einzuschüchtern und sie daran zu hindern, sich nach außen zu wenden, sich unterstützen zu lassen und sich aus der Gewaltbeziehung zu befreien.
Stalking
Stalking bezeichnet ein Verhalten, mit dem eine Person eine andere Person wiederholt und über einen längeren Zeitraum verfolgt, belästigt, ausspioniert, bedroht und unter Umständen auch körperlich attackiert. Das umfasst etwa SMS- oder Telefon-Terror, unerwünschte Geschenke, an den Orten der Frau auftauchen oder Kontakt mit Freundinnen und Freunden der Frau suchen. Stalking wird gezielt eingesetzt, um Macht und Kontrolle über eine andere Person zu erlangen, sie unter Druck zu setzen, zu beunruhigen und zu ängstigen. Besonders häufig stalken Männer ihre Ex-Partnerinnen nach dem Ende einer Beziehung.
Miterlebte Gewalt bei den Kindern
Wenn Familienmitglieder einander misshandeln, sind Kinder mit betroffen - sie sehen, hören, spüren die Gewalt, die eine Person gegenüber einer dem Kind wichtigen Bezugsperson ausübt. Sie sind Opfer der miterlebten Gewalt, selbst wenn sie nicht direkt bei der Gewalttat anwesend sind. Sie erleben Angst, Ohnmacht und fühlen sich im Stich gelassen. Ihre Entwicklungschancen sind beeinträchtigt. Sie lernen, dass Konflikte (nur) mit Gewalt gelöst werden.
Zwangsverheiratung
Von Zwangsheirat oder Zwangsehe wird gesprochen, wenn eine Eheschließung gegen den Willen der Frau beziehungsweise des Mannes oder beider Heiratenden durchgeführt wird. Zwangsheirat ist Gewalt. Zwangsheirat hat nichts mit Religion zu tun, sondern mit patriarchalen Strukturen, Traditionen und Bräuchen.
FGM - weibliche Genitalverstümmelung
Der Begriff FGM (Female Genital Mutilation) bedeutet weibliche Genitalverstümmelung. Er bezeichnet die Praxis, weibliche Geschlechtsteile ganz oder teilweise zu entfernen. Diese Eingriffe erfolgen in den meisten Fällen bei Mädchen im Alter von vier bis acht Jahren, bei vielen auch schon in den ersten Lebenswochen oder in der Pubertät. Die oft ohne Narkose vorgenommenen, sehr schmerzhaften Eingriffe verursachen bei den Betroffenen massive körperliche, psychische und sexuelle Schäden. Sie schränken die Lebensqualität drastisch ein und können auch tödlich enden.
Frauenhandel
Von Frauenhandel wird gesprochen, wenn Frauen und Mädchen aufgrund von falschen Versprechungen, Täuschungen oder Drohungen aus ihrem Heimatland auswandern. Frauenhandel tritt auch in der Form auf, dass kriminelle Organisationen Frauen und Mädchen verschleppen und im Zielland gegen ihren Willen in ausbeuterische Lebens- und Arbeitsverhältnisse zwingen. Ein großer Teil der "gehandelten" Frauen wird zur Arbeit als Prostituierte in Bordellen gezwungen. Frauenhandel findet auch in Form von Heiratshandel, Organhandel sowie als Handel mit Hausangestellten statt.
Frauenabteilung der Stadt Wien (Magistratsabteilung 57)
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