Wien gedenkt der Opfer der NS-Medizin
Vor elf Jahren wurden sterbliche Überreste von Opfern der NS-Kindereuthanasie am Spiegelgrund im Rahmen einer feierlichen Zeremonie am Zentralfriedhof bestattet. Am 9. Mai 2012 erfolgte die Bestattung weiterer medizinischer Präparate von Patientinnen und Patienten, die durch die NS-Medizin in Wien ermordet wurden.
Bestattung am Zentralfriedhof
Um 14.30 Uhr fand am Ehrenhain des Zentralfriedhofs im Beisein von Bundespräsident Heinz Fischer, Bürgermeister Michael Häupl, Gesundheits- und Sozialstadträtin Sonja Wehsely, Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch, Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und Dorothee Stapelfeldt, Zweite Bürgermeisterin von Hamburg, die Bestattung von sterblichen Überresten von Opfern der NS-Medizin in Wien statt.
Persönliche Verpflichtung
Bürgermeister Michael Häupl:
Erinnern und gedenken, das können wir für die Opfer tun und uns der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit stellen. Und als meine persönliche Verpflichtung sehe ich es, alles zu tun, damit so etwas Unvorstellbares nicht mehr möglich wird.
Wehret den Anfängen!
Gesundheits- und Sozialstadträtin Sonja Wehsely:
Wir gedenken der Opfer des NS-Terrors in ihrer Gesamtheit und in ihrer Individualität. Ein klares 'Wehret den Anfängen!' sowie der universelle Einsatz für demokratische Werte und Menschenrechte - das sind die wichtigsten Voraussetzungen für ein 'Nie wieder'!
NS-Medizinverbrechen in Wien und der Umgang damit nach 1945
Die Medizin übernahm im Nationalsozialismus eine neue und besonders menschenverachtende Aufgabe: die von den Nazis so genannte "Ausmerzung" von Menschen, die sie als "minderwertig" qualifizierten. Für Personen mit intellektuellen Beeinträchtigungen, psychisch Kranke und Unangepasste war in der nationalsozialistischen Volks- und Leistungsgemeinschaft kein Platz. Sie wurden verfolgt, eingesperrt und der Vernichtung preisgegeben.
Das heutige Sozialmedizinische Zentrum Baumgartner Höhe stand während der NS-Zeit im Brennpunkt der verschiedenen Tötungsaktionen des Regimes gegen Psychiatriepatientinnen und Psychiatriepatienten sowie Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung. Etwa 3.200 Menschen wurden in den Jahren 1940/41 im Rahmen der sogenannten "Aktion T4" nach Schloss Hartheim in Oberösterreich deportiert und dort in der Gaskammer getötet. Nachdem aufgrund zahlreicher Proteste von Angehörigen und verschiedenen Institutionen diese verbrecherische Vernichtungsaktion Ende August 1941 offiziell gestoppt worden war, wurden die Ermordungen in die einzelnen Anstalten verlagert - "dezentralisiert".
Alleine für die Anstalt "Am Steinhof" ist in dieser Phase nach Schätzungen von circa 3.500 zusätzlichen Todesfällen bis 1945 auszugehen. Systematische Vernachlässigung, Unter- und Mangelernährung, mangelnder Schutz vor Kälte sowie bewusst geförderte Infektionskrankheiten stellten die häufigsten Todesursachen dar.
In der Anstalt "Am Spiegelgrund" wurden außerdem 789 Kinder und Jugendliche umgebracht, die meisten davon als Opfer der sogenannten "Kindereuthanasie". Von vielen der ermordeten Opfer wurden zur weiteren wissenschaftlichen Ausbeutung Präparate angefertigt, an denen bis weit in die Nachkriegszeit hinein ohne Bedenken wissenschaftlich-medizinisch geforscht wurde.
Aufarbeitung in den vergangenen Jahren
2002 wurden die Gehirnpräparate von über 400 in der NS-Zeit in der Klinik am Spiegelgrund ermordeten Kindern im Rahmen einer feierlichen Zeremonie am Zentralfriedhof bestattet. Seit 2006 hat die Stadt Wien zahlreiche Überlebende vom "Spiegelgrund" für deren wichtige Aufklärungs- und ZeitzeugInnen-Arbeit über die Gräueltaten des Nazi-Regimes mit dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien ausgezeichnet.
Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes hat im Auftrag und in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Wien und dem Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus im Jahr 2008 die seit 2002 bestehende Ausstellung "Der Krieg gegen die 'Minderwertigen' - Zur Geschichte der NS-Medizin in Wien" im Pavillon V des Otto-Wagner-Spitals neu gestaltet und erweitert. Die Ausstellung erläutert, beginnend mit der Vorgeschichte, die nationalsozialistischen Medizinverbrechen in Wien und thematisiert auch den Umgang mit diesen Verbrechen nach 1945.
In den letzten Jahren wurden im Zuge einer umfassenden Erhebung zu Relikten der NS-Geschichte in der Geschäftsgruppe Gesundheit und Soziales der Stadt Wien weitere Unterlagen und histologisches Material von Opfern der NS-Psychiatrie aufgefunden und einer Sichtung und Aufarbeitung durch das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes zugeführt. Unterlagen wie Fotos und Krankengeschichten wurden dem Wiener Stadt- und Landesarchiv übergeben, die histologischen und anatomischen Präparate werden nun bestattet.
Spiegelgrund-Überlebende erzählen
Am Montag, dem 14. Mai 2012 wurden im Rahmen der Veranstaltung "Spiegelgrund-Überlebende erzählen" Videointerviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der Wiener Jugendfürsorge in der Gedenkstätte Steinhof im Otto-Wagner-Spital präsentiert.
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