Leander Anguissola, Johann Jacob Marinoni
Leander Anguissola, Johann Jacob Marinoni u.a., Grundrissplan von Wien mit seinen Vorstädten
und dem Linienwall. 1704 (1706).
(Reproduktion aus dem Historischen Atlas von Wien).
Kupferstich auf vier Blättern, Maßstab 1 : 5400, Ausrichtung nach Ostsüdost.
Das Engagement der kaiserlichen Truppen im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714)
hatte eine 1703 ausbrechende Aufstandsbewegung in Ungarn begünstigt ("Kuruzzenaufstand"),
im März 1704 stießen Streifscharen bis in den Raum von St. Marx vor. Eine
eigens ins Leben gerufene Hofkommission in Defensionssachen ließ daher die
Vorstädte Wiens mit einem Schutzwall umgeben ("Linienwall", etwa dem
Verlauf des heutigen Gürtels folgend), um sie vor Vorstößen der Kuruzzen,
aber auch vor solchen der mit Frankreich verbündeten Bayern, zu schützen.
Im Zusammenhang damit wurde der erste exakte Plan von Wien, der auch sämtliche
Vorstädte umfasste, angefertigt. Zwei hervorragende Kartographen, der Militäroberingenieur
Leander Anguissola (10. Mai 1653 Travo - 30. August 1720 Wien) und der
Hofmathematiker Johann Jakob Marinoni (9. Februar 1676 Udine - 10. Jänner 1755
Wien) führten die Arbeit unter Mitwirkung des Hofarchitekten Johann Lucas
Hildebrandt und des kaiserlichen Festungsbaumeisters Werner Arnold Steinhausen
in einem knappen Jahr durch. Sie stützten sich dabei für den Bereich der
Innenstadt auf ein 1680 fertig gestelltes Holzmodell von Daniel Suttinger, alles
andere vermaßen sie neu. Dieser Plan wurde 1706 von den damals in Wien tätigen
Augsburger Kupferstechern Johann Andreas Pfeffel und Christian Engelbrecht auf
vier Kupferplatten übertragen, der bedeutende Theaterarchitekt steuerte den
graphischen Schmuck (die "Kartusche") bei:
Accuratissima Viennæ Austriæ Ichnographica Delineatio (Genaueste Grundrisszeichnung von Wien in Österreich).
Der Linienwall selbst springt deutlich ins
Auge. Er war 1704 nach rein militärischen Gesichtspunkten, ohne Rücksicht auf
irgendwelche Herrschafts- oder Verwaltungsgrenzen angelegt worden, begann aber
bereits 1705, eine solche zu bilden. Seine Bedeutung sollte letztlich vor allem
als Steuergrenze bis 1892 erhalten bleiben, die letzten vier Jahrzehnte dieses
Zeitraumes markierte er auch die Grenze der Stadt Wien. Im Bereich der Donau
beeindruckt das immer wieder seine Gestalt ändernde Gewirr von Wasserläufen
und Inseln. Noch hat die Spittelau ihren Inselcharakter erhalten, der es etwa
ermöglichte, dort während der Pestepidemie 1713 eine Isolierstation
einzurichten. Der stets von Versandung bedrohte Nussdorfer Arm ("Der alte
Arm") wurde durch einen Damm abgeschlossen, der "Neu-Canal" (heute:
Donaukanal) sollte durch den großen Sporn gegenüber der Halterau vor demselben
Schicksal bewahrt werden. In unmittelbarer Nähe ist auch die alte Trasse der
ehemaligen Donauüberquerung angedeutet, etwas stromabwärts der 1698 neu
angelegte Brückenzug, der bei der Neuen Tabormaut (Taborstraße) die
Leopoldstadt erreicht. Spätestens 1712 lag bereits der erste verkleinerte
Nachstich dieses Plans vor, dem noch zahlreiche weitere folgten, so dass dieser
Plan die Vorlage für die meisten Stadtpläne Wiens im 18. Jahrhundert bis etwa
1770 wurde.
Wiener Stadt- und Landesarchiv, Kartographische Sammlung At 41.
- Ausschnitt Anguissola - Marinoni Zeile 1 Spalte 1
- Ausschnitt Anguissola - Marinoni Zeile 1 Spalte 2
- Ausschnitt Anguissola - Marinoni Zeile 1 Spalte 3
- Ausschnitt Anguissola - Marinoni Zeile 2 Spalte 1
- Ausschnitt Anguissola - Marinoni Zeile 2 Spalte 2
- Ausschnitt Anguissola - Marinoni Zeile 2 Spalte 3
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