Nachlass von Eduard van der Nüll (9.1.1812 bis 3.4.1868)

Eduard van der Nüll
Der Architekt Eduard van der Nüll gehörte zu den bedeutendsten Vertretern des Historismus im Wien des 19. Jahrhunderts. Er studierte am Polytechnikum in Wien und an der k.k. Akademie der bildenden Künste in Wien. Dort bekleidete er ab 1844 schließlich selbst eine Professur. Mit seinem Freund und Arbeitskollegen August Sicard von Siccardsburg schuf er mehrere bedeutende Wiener Kulturdenkmäler, etwa die Wiener Hofoper, die Sofiensäle, das Carltheater, das alte Haas-Haus und den Schutzengelbrunnen.
Königgrätz der Architektur
Die Wiener Hofoper, die heutige Staatsoper, sollte der erste Prunkbau der neu geschaffenen Ringstraße werden. Der 1861 begonnene Bau dauerte acht Jahre und war vom tragischen Tod der beiden Architekten überschattet. Da durch die Errichtung der Ringstraße das Straßenniveau um einen Meter stieg und sich daher die Proportionen des Baues veränderten, wurde die Oper von der Wiener Bevölkerung bald "versunkene Kiste" oder auch "Königgrätz der Architektur" genannt.
Bald hieß es im Volksmund:
Der Sicardsburg und van der Nüll,
Die haben beide keinen Styl!
Griechisch, gotisch, Renaissance,
Das ist denen alles ans!
Tragischer Selbstmord
Auch der Kaiser sparte nicht mit Kritik an der neuen Hofoper. Eduard van der Nüll, der in diesen Tagen bereits schwer krank war, erhängte sich am 3. April 1868 an der Tür seines Arbeitszimmers. Seine Frau Marie war damals im achten Monat schwanger. Knapp zehn Wochen später starb August Sicard von Siccardsburg an einem Herzinfarkt. Man sagt, dass Kaiser Franz Joseph vom Selbstmord des Architekten so betroffen war, dass er fortan Eröffnungen nur mehr mit "Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut" kommentierte.
Im Wiener Totenbeschauprotokoll findet sich als Todesursache "Stickflüsse", ein alter Begriff für Lungenödeme. In dieser wichtigen historischen Quelle sowie im Verlassenschaftsakt wird als Sterbedatum der 3. April 1868 genannt. In der späteren Literatur hingegen wird oft der 4. April als Todesdatum angeführt, was sich jedoch nicht mit den amtlichen Unterlagen deckt.
Nachlass des Architekten
Im Wiener Stadt- und Landesarchiv wird der Nachlass von Eduard van der Nüll und seiner Frau Marie aufbewahrt. Darin finden sich Zeugnisse aus Studienzeiten, Rechnungen zu Tapetenkäufen oder auch Entwürfe zur Studienordnung für die Architekturschule an der k.k. Akademie der bildenden Künste Wien. Die im Nachlass befindlichen Briefe bezeugen van der Nülls Kontakte ins In- und Ausland. Sie reichen vom Schreiben an den Staatsminister bis zu privaten Briefen an seine Frau Marie. Diese enden nicht selten mit Sätzen wie: "Für deine liebende Zuneigung möge Gott dich belohnen, ich finde keine Worte für die Anerkennung, die in meinem Herzen dafür mitbewahrt ist; 1000000 Küsse, Eduard."
Quellen
- Constant von Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Band 20, Seite 422, Wien 1869
- WStLA, Nachlässe und private Sammlungen, Van der Nüll - Brecher
- WStLA, Totenbeschreibamt, B1 - Totenbeschauprotokoll, Band 299, Seite 415
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