Die Toten der Teuerungsrevolte in Wien vom 17. September 1911

Im Herbst 1911 kam es in Wien aufgrund steigender Lebensmittelpreise zu Unruhen in der Bevölkerung. Die Wut der Bevölkerung gipfelte schließlich in der Teuerungsrevolte vom 17. September 1911, in der mehrere Menschen zu Tode kamen oder tödlich verletzt wurden. Der Politiker Albert Sever schilderte zum 20. Jahrestag der Unruhen in der Arbeiter-Zeitung vom 13. September 1931 die Vorkommnisse jener Tage. Ein Widerhall der Ereignisse findet sich aber auch im Wiener Totenbeschauprotokoll, in dem alle von der städtischen Totenbeschau erfassten Toten verzeichnet sind. Ein Abgleich beider Quellen zeigt die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede in der Darstellung der Ereignisse.

Otto Brötzenberger

Eintrag im Totenbeschauprotokoll

Todesursache Brötzenbergers war "schwere Verletzung durch Bajonettstich".

Albert Sever schrieb: "Eben als die Kompagnie des Infanterieregiments Nr. 24 gegen das Arbeiterheim heranrückte, ging der Genosse Otto Prötzenberger über den unverbauten Platz gegenüber dem Arbeiterheim. Er wurde von den Soldaten erreicht, ein Bajonettstich brachte ihn zum Wanken. Er sank in die Knie, raffte sich aber dann noch auf und lief in das Kaffeehaus des Arbeiterheims. Hier stürzte er am Kassiertisch zusammen. In wenigen Minuten war er tot. Es galt nun, um die Menge nicht weiter aufzureizen, den Tod Prötzenbergers zu verschweigen. Die Rettungsgesellschaft wurde angerufen, und entgegen ihren Vorschriften nahm sie den toten Prötzenberger mit ins Sophienspital. Niemand wurde gesagt, dass er schon tot ist, sonst wären die Arbeiter wohl kaum zu halten gewesen."

Laut Totenbeschauprotokoll war Otto Brötzenberger - in diesem amtlichen Buch mit "B" geschrieben - von Beruf Eisendrehergehilfe und in der Arnethgasse 21 in Ottakring wohnhaft. Als Geburtsdatum findet sich der 17.1.1891. Er war zum Zeitpunkt der Teuerungsrevolte also 20 Jahre alt. Otto Brötzenberger starb noch am Tag der Krawalle, am 17.9.1911. Die Todesursache laut Totenbeschauprotokoll deckt sich mit Severs Schilderung, nämlich "schwere Verletzung durch Bajonettstich".

Franz Joachimsthaler

Eintrag im Totenbeschauprotokoll

Todesursache Joachimthalers war "Schussverletzung".

Albert Sever: "Der nächste Blutzeuge war der Genosse Franz Joachimsthaler, der einen Bauchschuss erhielt und gleichfalls ins Sophienspital gebracht wurde. Drei Tage später ist er gestorben. Am Abend vor seinem Tod ließ er mich rufen und erkundigte sich um die Lage im Bezirk."

Der 19-jährige Franz Joachimsthaler war laut Totenbeschauprotokoll von Beruf Werkzeugschlosser. Er starb am 21.9.1911 an einer "Schussverletzung". Sein letzter Wohnort war Wien 16, Koppstraße 28, als Sterbeort wird das K.K. Kronprinzessin Stefanie Spital genannt, das sich in Wien 16, Thaliastraße 44 befand. Hier widersprechen sich die beiden Quellen, denn Albert Sever spricht vom Sophienspital. Da sich das Sophienspital im 7. Bezirk befindet, ist es unwahrscheinlich, dass ein Schwerverletzter so weit transportiert wurde, wenn doch ein anderes Spital viel näher am Ort der Zusammenstöße lag. Im Gedenken an den erschossenen Franz Joachimsthaler wurde im Jahr 1928 in Ottakring der Joachimsthalerplatz benannt.

Franz Wögerbauer

Eintrag im Totenbeschauprotokoll

Todesursache Wögerbauers war "Hirnabscess".

Albert Sever: "Ganz unbeteiligt kam Franz Wögerbauer zu einem Säbelhieb. Er kam aus dem Gasthof Lederer in der Herbststraße, als eine Kavalleriepatrouille über die Straße sprengte und ihm einer der Reiter, die blind um sich schlugen, mit einem Hieb den Kopf spaltete. Nach furchtbaren Qualen ist er acht Tage später gestorben."

Der Angestellte Franz Wögerbauer, geboren am 9.3.1865, wohnte in Wien 16, Habichergasse 7. Erst für den 30. September findet sich sein Sterbeeintrag im Totenbeschauprotokoll. Auch er starb im Stefanie Spital in Ottakring. Die Todesursache wurde schlicht mit "Hirnabscess" angegeben. Dass die Entzündung kein Zufall, sondern Folge des Säbelhiebs war, geht aus dem Eintrag nicht hervor. Erst durch zusätzliche Quellen wie dem Bericht von Albert Sever wird die Tragik seines Todes klar ersichtlich.

Am Ottakringer Friedhof erinnert ein Grabmonument an die Toten der Teuerungsrevolte.

Literatur

  • Wolfgang Maderthaner und Siegfried Mattl, "...den Straßenexcessen ein Ende machen". Septemberunruhen und Arbeitermassenprozeß 1911, in: Karl Stadler (Hrsg.), Sozialistenprozesse. Politische Justiz in Österreich. 1870-1936, Wien 1986, Seite 117-150
  • Teuerungsunruhen vom 17. September 1911 - Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie
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