Die Pläne der Rathaus-Konkurrenz (1868)
Als 1857 Kaiser Franz Joseph I. die Schleifung der Befestigungen der Inneren Stadt verordnete, war in Wien der Startschuss für eine gewaltige Stadterweiterung gefallen. Im Zentrum der Planungen stand die Anlage der neuen Ringstraße. Die planerische und finanzielle Abwicklung oblag dabei nicht der Stadt Wien, sondern dem 1859 eingerichteten Stadterweiterungsfonds, der dem Innenministerium unterstand. Da das in der Wipplingerstraße bestehende Rathaus der Stadt Wien den Anforderungen der wachsenden Metropole nicht mehr entsprach, wurde von Anfang der Stadterweiterungsplanungen an der Bau eines repräsentativen "Stadthauses" vorgesehen. Erst 1863 konnte sich die Stadt Wien in den Verhandlungen mit dem Stadterweiterungsfonds auf eine 14.700 Quadratmeter große Bauparzelle für das Rathaus am Ring zwischen Johannesgasse und Weihburggasse, gegenüber dem Stadtpark, einigen.
Der Siegerentwurf "Saxa loquuntur"
1868 wurde ein internationaler Architekturwettbewerb ("Konkurrenz-Ausschreibung") für die Anlage des Rathauses durchgeführt. Dabei wurde in der Ausschreibung neben den praktischen Erfordernissen der Stadtverwaltung vor allem auch auf die Anlage repräsentativer Räumlichkeiten Wert gelegt. Um eine rege Teilnahme zu gewährleisten, wurden insgesamt zwölf hoch dotierte Preise vergeben. Die Jury, welche den für den Bau am meisten geeigneten Entwurf auszuwählen hatte, war hochkarätig besetzt. Neben Mitgliedern des Gemeinderates waren prominente Architekten wie Gottfried Semper, Theophil von Hansen und Heinrich von Ferstel vertreten. Den ersten Preis erhielt der mit dem Motto "Saxa loquuntur" ("Die Steine sprechen") versehene Entwurf von Friedrich von Schmidt. Schmidt hatte nicht nur mehrere Kirchen und das akademische Gymnasium in Wien gebaut, sondern war auch Professor an der Akademie und als Dombaumeister für die Renovierung des Stephansdomes zuständig.
Ein französisches Rathaus in Wien?
Die Ausschreibung wurde in Übersetzung in einem französischen Magazin abgedruckt. Von den insgesamt 64 eingereichten Projekten kamen 18 aus Frankreich. Diese rege internationale Teilnahme war wohl nicht nur den hohen Preisgeldern geschuldet, sondern auch der verlockenden und prestigeträchtigen Aussicht, das Rathaus einer der damals größten Metropolen Europas bauen zu können. Bei der Abstimmung der Jury wurden die Entwürfe der Franzosen Amboise Baudry sowie von Ernest Chardon und Marcel Lambert relativ knapp an die zweite sowie dritte Stelle gewählt. Wäre die Abstimmung anders ausgegangen, hätte Wien möglicherweise heute ein Rathaus, das sich am Vorbild des Pariser Rathauses bzw. französicher Bauten ausgerichtet hätte. Ein Pluspunkt der Pariser Entwürfe war sicherlich die jeweils raffinierte und aufwändige Ausstattung.
"Was er kann, schafft ein Mann"
Der unter dem Motto "Was er kann, schafft ein Mann" eingereichte Entwurf kam auf den neunten Platz. Der Verfasser, Karl König, war ein damals noch junger Schüler Heinrich von Ferstels. Sein Entwurf hätte einen riesigen Mittelbau mit einer überaus gewaltigen Dachkonstruktion vorgesehen. Damit hätte Wien wohl ein sehr markantes Wahrzeichen bekommen. Da sich der Bau insgesamt lange verzögerte, wurde der vorgesehene Bauplatz beim Stadtpark bereits spöttisch als "Communalloch" bezeichnet. Vor allem durch die Initiative des Bürgermeisters Dr. Cajetan Felder konnte die Stadt Wien für ihr Rathaus ein größeres und besser gelegenes Grundstück erhalten. Zwischen Josephstadt und Innerer Stadt wurde gegen hartnäckigen Widerstand des Militärs durch Kaiser Franz Joseph I. der riesige Paradeplatz aufgegeben. Friedrich von Schmidt musste seine Entwürfe adaptieren. 1872 bis 1883 wurde der Bau des neuen Wiener Rathauses schließlich durchgeführt.
Quelle
Wiener Stadt- und Landesarchiv, Pläne der Plan- und Schriftenkammer, P13/4, 105218
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