Zeugnisse zum Novemberpogrom 1938 im Wiener Stadt- und Landesarchiv

In der Nacht von 9. auf 10. November 1938 fand jene vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Zerstörung von Leben, Eigentum und Einrichtungen von Jüdinnen und Juden im gesamten Deutschen Reich statt, die als "Reichskristallnacht" oder "Reichspogromnacht" in die Geschichte eingegangen ist. Die Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung und der Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung zur systematischen Verfolgung, die schließlich im Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden im Machtbereich des Nationalsozialismus mündete.

Zerstörung einer Synagoge im 15. Bezirk

Skizze der Synagoge

Bauplan der Synagoge Turnergasse 22 aus dem Jahr 1871

Auch in Wien wurde organisiert gegen Jüdinnen und Juden und deren Einrichtungen vorgegangen. Ein heute im Wiener Stadt- und Landesarchiv verwahrter Strafakt gegen den SA-Mann Paul Binder (1896 bis 1970), gibt exemplarisch Einblick in die Vorgänge anhand der Zerstörung der Synagoge in der Turnergasse 22 im 15. Bezirk: Nach Angaben einer Zeugin erschienen am 10. November um fünf Uhr Früh Männer in Zivil vor dem Tempel, brachen die Türe auf und begannen im Inneren alles zu zerschlagen. Die von der Hauswartin verständigte Polizei schritt gegen die in der Synagoge wütenden Nationalsozialisten nicht ein und zog wieder ab. Um acht Uhr kamen weitere Männer in Zivil, die das Zerstörungswerk fortsetzten.


Ansicht der Synagoge in der Turnergasse auf einer Postkarte um 1900

Ansicht der Synagoge in der Turnergasse um 1900

Um neun Uhr trafen SA-Männer ein, die die beiden Kassen aufbrachen und alles Silber und Geld daraus entwendeten. Wertvolle Gegenstände, darunter Teppiche, wurden auf einen Lastwagen verladen und abtransportiert. Im Tempel gossen die Männer Brennstoff aus, den sie eine halbe Stunde später mit Handgranaten zur Entzündung brachten. Der Bau brannte aus und stürzte ein. Der bereits am 10. November involvierte SA-Mann Binder beteiligte sich an den folgenden Tagen noch maßgeblich an der Plünderung der Tempelschule und ihres Kellers. Im 1947 gegen ihn angestrengten Prozess behauptete er allerdings, an diesen Ort nur abkommandiert worden zu sein, "dass unbetroffene Personen nicht zu den Ruinen des Tempels kommen und dort etwa einen Unfall erleiden konnten". Die Liegenschaft wurde 1940 arisiert.


Gerichtsverfahren in der Nachkriegszeit

Seite aus Strafakt: Anzeige gegen Paul Binder

Erhebungen gegen den SA-Mann Paul Binder

Das Gericht befand den SA-Mann am 30. Juni 1948 des Diebstahls für schuldig und verurteilte ihn zu sechs Wochen Haft. Anlässlich des Vergleichs bei der Rückstellung der arisierten Liegenschaft wurde 1951 vom Vertreter des Ariseurs, eines Transportunternehmers, zum günstigen Kaufpreis im Jahr 1940 vermerkt: "Der auf der Liegenschaft befindliche Tempel fiel einem Brand zum Opfer und bildete nur mehr ein Demolierungsobjekt."


Quellen

  • Wiener Stadt- und Landesarchiv, Landesgericht für Strafsachen, A 11, Vr 3766/1948
  • Wiener Stadt- und Landesarchiv, M.Abt. 119, A 41, 15. Bezirk, J 88
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