Institutionelle Bemäntelung - Kindermord am Spiegelgrund
Reichsausschuss
Von Anfang an waren Planung und Durchführung der Kindereuthanasie als "geheime Reichssache" gedacht. Der "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden" in Berlin diente als Tarnorganisation für die systematischen Ermordungen. Seit dem Sommer 1939 verpflichtete ein geheimer Runderlass Hebammen, Ärztinnen und Ärzte zur Meldung behinderter Kinder an die Gesundheitsämter. Der Erlass war "streng vertraulich" und wurde durch Berufsverbände weitergeleitet. Dies war zum einen die am 5. September 1940 in Wien gegründete "Deutsche Vereinigung für Kinderpsychiatrie und Heilpädagogik", zum anderen die "Wiener heilpädagogischen Gesellschaft" des Leiters der Kinderfachabteilung am Spiegelgrund Dr. Erwin Jekelius, die ihre erste Vollversammlung 1941 in der Wiener Universitätsklinik abhielt.
Organisatorische Einbettung
Die Kinderfachabteilung lief unter verschiedensten Bezeichnungen. Sie war anfänglich in die städtische Jugendfürsorgeanstalt "Am Spiegelgrund" eingegliedert, die am 24. Juli 1940 eröffnet wurde. Sie umfasste einen zentralen Block von neun Pavillons (mit den ungeraden Nummern von 1 bis 17) zwischen der Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof" auf der rechten Seite (14., Baumgartner Höhe 1) und der städtischen Lungenheilstätte "Baumgartner Höhe" auf der linken Seite (14., Sanatoriumstraße 2).
Erst im Sommer 1942 wird die Kinderfachabteilung eine eigenständige Klinik, die dem Gesundheitswesen zugeordnet war. Konstant blieb nur ihre örtliche Zuweisung zum Pavillon 15, ab 1942 erweitert um den Pavillon 17 der Heil- und Pflegeanstalt. Ab 11. November 1942 trug die Anstalt die Bezeichnung "Wiener städtische Nervenklinik für Kinder".
Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof"
Die ursprünglich von der Frauenabteilung genutzten Pavillons der Heil- und Pflegeanstalt standen seit Juli 1940 zur Verfügung, nachdem die "Erwachseneneuthanasie" angelaufen war. Ein großer Teil der Patientinnen und Patienten wurde in eine "ungenannte Anstalt" des Reichs gebracht und ermordet. Diese konnte später als Schloss Hartheim in Alkoven bei Linz identifiziert werden. Aus dem Protokoll einer Besprechung vom 26. Juni 1940 geht die geplante "Verlagerung" von ungefähr 2.000 Patientinnen und Patienten hervor.
Als erstes übersiedelte im Juli 1940 die Schulkinderbeobachtungsstation aus dem Zentralkinderheim in der Lustkandlgasse 50 im 9. Wiener Gemeindebezirk in die Pavillons 3, 5 und 9. Die Inbetriebnahme weiterer Pavillons sollte etappenweise "nach Maßgabe der Freimachung" folgen. Von den anfangs 640 genehmigten Betten der Jugendfürsorgeanstalt waren 40 Betten für Säuglinge bis zu einem Jahr, 60 Betten für Kleinkinder bis zu sechs Jahren, 300 Betten für Schulkinder bis zu vierzehn Jahren und 240 Betten für Jugendliche bis zu achtzehn Jahren vorgesehen.
Personal
Die ärztliche Leitung der Fachabteilung übernahm bis Ende 1941 Dr. Erwin Jekelius. Ab 1940 war er auch Referent im Hauptgesundheitsamt in Wien. Ihm folgten Dr.in Margarethe Hübsch als Leiterin der Kinderabteilung, dann der Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Dr. Hans Bertha bis Sommer 1942. Die pädagogische Leitung oblag Dr. Hans Krenek. Erster Leiter der Säuglings- und Kinderfachabteilung "Am Spiegelgrund" wurde Dr. Heinrich Gross. Ihm zur Seite standen die Ärztinnen Dr.in Marianne Türk und Dr.in Helene Jockl. Sowohl der später offiziell eingerückte Heinrich Gross als auch Marianne Türk blieben der Anstalt nach Juli 1942 unter ihrem neuen Leiter Dr. Ernst Illing treu. Sie "betreuten" die Kinder der benachbarten städtischen Erziehungsanstalt im Bedarfsfall mit. Das benötigte Pflege- und Verwaltungspersonal wurde von der Heil- und Pflegeanstalt übernommen.
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