Wiener Fußballgeschichte - Der "Wödmasta" Ernst Happel

Ernst Happel (links) im legendären Englandspiel vom 28. November 1951 (2:2) im Londoner Wembley-Stadion. Rechts Rudolf Röckl (Sportklub), Theo Brinek (Wacker) und Walter Zeman (Rapid)
Der exzeptionelle und unvergleichliche Radio-Live-Reporter Heribert Meisel brach in tiefe, geradezu apokalyptische Verzweiflung aus: Gerade noch hatte Österreich, zusammen mit Ungarn, als der Topfavorit auf den Weltmeistertitel 1954 gegolten, und nun schlitterte man ausgerechnet gegen den deutschen Kraftlackel- und Roboterfußball in ein ebenso unerklärliches wie erschütterndes Debakel. Was aber, "meine Damen und Herren, zuhause an den Empfangsgeräten", machte der österreichische Abwehrchef in dieser Situation, beim alarmierenden Stand von 1:4? Er führte, im eigenen Strafraum, seelenruhig sein technisches Repertoire vor, und stoppte, als provokatorischer Höhepunkt, gegnerische Flankenbälle mit "jenem Körperteil, auf dem er normalerweise zu sitzen pflegt!" Man werde zu überlegen haben, ob der von den Fans vergebene Ehrentitel "Wödmasta" unter diesen Umständen nicht eher in "Hausmasta" abzuwandeln wäre.
In letzter Sekunde gerade nicht Weltmeister
In der Tat, Ernst Happel repräsentierte eine Instanz, eine Kategorie für sich. Undiszipliniert und undisziplinierbar, am Spielfeld wie außerhalb, ausgestattet mit veritablem Eigensinn und unbeugsamem Charakter, verband er die unbändige Freude am Spiel mit einer ebenso unbändigen Lebenslust, ja exzessivem Lebensgenuss. Er war ein Virtuose, ein Spieler allenthalben, am Rasen wie im Casino, in seinen persönlichen Beziehungen wie am Kartentisch seines Ottakinger Stammcafés Ritter. Über den gesamten Verlauf seiner Karriere gesehen war Ernst Happel unzweifelhaft eine der faszinierendsten (und auch erfolgreichsten) Persönlichkeiten, die der Weltfußball im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Ein entnervter Teamchef Josef Argauer wünschte "Aschyl", anlässlich seiner Auftritte bei der WM 1958, als künftigem Trainer genau so schwierige Spielertypen wie er selbst einer sei. Der aber wusste Bescheid um das Geschäft wie kein Zweiter und wurde als Trainer einmal Weltcupsieger, zweimal Europacupsieger der Landesmeister, und einmal, als holländischer Teamchef bei der WM 1978, in letzter Sekunde gerade nicht Weltmeister. Bei dieser WM fügte er den Triumphatoren von Cordoba im Übrigen eine 1:5 Niederlage zu. Happels Kommentar zu den Österreichern: "Die kenn i".
Ein moderner Spielertyp - Erfindung des "Libero"
1938 wuchs er im Viertel um den Meiselmarkt bei seiner Großmutter auf. Gerade einmal 13-jährig tauchte er bei Rapid in Hütteldorf auf und wurde vom zuständigen "Sportlehrer" Leopold Nitsch sofort verpflichtet. Sein Debüt in der Ersten Mannschaft gab er, knapp 17-jährig, im Dezember 1942, danach wurde er zu den Nachrichten-Fernmeldetruppen eingezogen. Ab der Frühjahrssaison 1946 war er eine unverzichtbare Stütze der Rapidmannschaft. Diese unternahm 1949 anlässlich ihres 50-jährigen Bestandsjubiläums eine Tournee nach Brasilien, und kehrte vollständig verändert zurück. Sektionsleiter Franz "Bimbo" Binder und Trainer Hans Pesser stellten das Spielsystem radikal um, zogen von den bisher fünf Stürmern zwei "Verbinder" in ein elastisches Mittelfeld zurück und postierten einen letzten, freien Mann hinter der eigentlichen Verteidigung. Damit war die Position des "Libero" (wenn auch noch nicht so benannt) erfunden, und Happel interpretierte sie in der Art des genialischen Bohemiens. Zusammen mit dem pedantischen Arbeiter Max Merkel bildete er ein nahezu unüberwindliches Innenverteidigerduo in der besten österreichischen Vereinsmannschaft aller Zeiten.
"Meine Sspielers haben heute gut gefußballt"
1954 ging er für zwei Saisonen zu Racing Club Paris, wo er sofort zum umjubelten Publikumsliebling avancierte. 1956 war er zurück und feierte am 14. November einen der größten Triumphe der Vereinsgeschichte, das 3:1 gegen die für unbesiegbar gehaltene Real Madrid um Alfredo di Stefano. Als Verteidiger gelang Happel in der ersten Halbzeit das Kunststück eines lupenreinen Hattricks. Rapid hat die Platzwahl für das mit diesem Sieg fällig werdende Entscheidungsspiel verkauft und in Madrid mit 0:2 verloren, Aschyl wurde ausgeschlossen. Das war es, was er an seiner Heimatstadt (von der er zugleich ein Leben lang nicht lassen konnte) nicht zu ertragen glaubte. Seine Trainerkarriere in ihren entscheidenden Stationen führte ihn nach Belgien, in die Niederlande und den Norden Deutschlands. Er konnte aber auch stundenlange Autobahnrasereien nach Wien auf sich nehmen, nur um für kurze Zeit seine Lieblingsheurigensänger zu hören. Der Internationalist Happel pflegte ein nur ihm eigenes Idiom, das in seiner Präzision und Originalität selbst Sprachwissenschaftler verblüffte. Von "spezifiken Kontraattacks" war da die Rede und, als er mit dem HSV 1983 den Europapokal der Landesmeister gewann: "Meine Sspielers haben heute gut gefußballt".
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