Wiener Fußballgeschichte - Gerhard Hanappi

Gerhard Hanappi

Gerhard Hanappi

Zusammen mit Matthias Sindelar und Ernst Ocwirk bildete Gerhard Hanappi das Triumvirat der größten Spieler der österreichischen Fußballgeschichte. Niemals in seiner aktiven Karriere wurde er ausgeschlossen, 93 Länderspiele absolvierte er für Österreich (sein erstes als 17-jähriger), 55-mal wurde er ohne Unterbrechung hintereinander ins Nationalteam berufen. Nach der Weltmeisterschaft 1954 wurde er in die FIFA-Auswahl der Weltbesten geholt. Für Rapid Wien bestritt er 333 Meisterschaftsspiele, wurde siebenmal österreichischer Meister und erzielte, als Verteidiger, Mittelfeldspieler und Stürmer, 114 Tore. Doch wer ihn an seinen sportlichen Rekorden allein messen möchte, hat seinen Charakter und seine Persönlichkeit missverstanden. Gerhard Hanappi lebte auf seine Weise den Rapidgeist, und das bedeutete stets die Unterordnung der Ambition des Einzelnen unter das Gesamtinteresse, die Zurücknahme individueller Attitüde zu Gunsten eines gemeinsamen Wollens – und sei es selbst im Falle eines so großen Spielers, wie eben er einer war.

Identifikationsfigur und Sportheld

1950 wechselte er von Wacker Wien zu Rapid. Er hatte diesen Wechsel sehr bewusst vollzogen. Hanappi ging zu einem Club, der der Liebling der Massen war, ein, wie die Presse schrieb, "Arbeiterclub im fürnehmen Gewand des Meisters". Den Wacker-Funktionären war der früh vollendete Bub in der unmittelbaren Nachkriegszeit beim Fetzenlaberl-Kick in den Straßen Meidlings aufgefallen. 1947 wurde Hanappi – neben Altmeister Willi Hahnemann, der seine letzte Saison bestritt – mit Wacker österreichischer Meister und Cupsieger. Wie kaum ein Zweiter eignete sich der überaus attraktive, wenn auch etwas klein gewachsene Blondschopf als Identifikationsfigur einer durch Faschismus und Kriegsereignisse zutiefst traumatisierten Gesellschaft. Stars wie Heinz Conrads oder Waltraud Haas suchten seine Nähe, er selbst wurde zum umjubelten Sporthelden. Doch Gerhard Hanappi blieb davon unbeeindruckt. Ihm war es um etwas anderes zu tun. Als Halbwaise wuchs er bei der Schwester seiner früh verstorbenen Mutter auf, die dem Arbeiterbuben den Besuch der HTL in Mödling ermöglichte. Er benutzte seine Einkünfte aus dem Fußball, um an der Technischen Universität Architektur zu studieren. Seinen sozialen Aufstieg vollzog er nicht nur im Bereich des Sports, vielmehr folgte er dem in der traditionellen Arbeiterbewegung so dominanten Bildungskonzept. Als er 1970 an die Spitze des Komitees "Sportler für Bruno Kreisky" trat, war dieser Schritt nur logisch und konsequent. In ihm hatte sich der alte sozialdemokratische Traum von der kulturellen wie sozialen Emanzipation in zweifacher Hinsicht erfüllt.

Architekt des Weststadions - "Sankt Hanappi"

Als Architekt zeichnete Hanappi für den Neubau des Weststadions, das später seinen Namen tragen sollte, verantwortlich. Er hatte zu diesem Zweck Studienreisen nach England unternommen. Wie die englischen Sportstätten sollte sich "sein" Stadion durch steile Tribünen und entsprechend dichte Atmosphäre auszeichnen. Wenn auch den Originalentwürfen gemäß nur unvollständig realisiert, ist es zur unverwechselbaren und authentischen neuen Heimstätte des SK Rapid geworden. In den späten 1990er-Jahren erlebte es in einer fast ironisch anmutenden Wendung, als "Sankt Hanappi" eine begriffliche Neubestimmung, die den Intentionen seines Erbauers wohl entgegengelaufen wäre. Denn der späte, von einer unheilbaren Krankheit bereits schwer gezeichnete Gerhard Hanappi hatte begonnen, sich intensiv mit Schopenhauer auseinanderzusetzen und sah sich als bewussten und reflektierten Agnostiker.

Zudem hatte er sich mit einer neuen, vorgeblich notwendige Modernisierungsschritte setzenden Funktionärsgarde, der er schlicht Korruption und Verrat an Geist, Idealen und Philosophie des Clubs vorhielt, nachhaltig überworfen. Hanappi, neben Ernst Happel der vielleicht bedeutendste Rapidler der Vereinsgeschichte, wurde zur persona non grata. Ein Ohrspeicheldrüsenkrebs – bereits in Kinderjahren grundgelegt und später immer wieder oberflächlich und nur unzureichend therapiert – begann, Hanappis Gesicht zu zerstören. Er hat dies, ganz seiner Charakterstruktur entsprechend, mit eiserner Disziplin und ohne einen Funken Selbstmitleids ertragen, seine Arbeit als Architekt umso mehr intensiviert. Gerhard Hanappi ist im August 1980 51-jährig verstorben.

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