"Entwicklungen der Zivilgesellschaft im heutigen Iran" - Wiener Vorlesung am 8.3.2011
Abstract

Hamid Sadr
"Die tägliche Nachrichten aus den Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens über die Massenproteste gegen die korrupten Despotien und jene Teilerfolge, die sie in Tunesien und Ägypten errungen haben, zeigen, dass die Menschen dieser Region endlich einen Ausweg gefunden haben, wie sie sich von eigenen Machthabern befreien können, ohne gleich einer "islamischen Republik" wie im Iran zu verfallen.
Diese Entzauberung begann, als im Iran drei Millionen Menschen auf die Straße gingen, um gegen den massiven Wahlbetrug durch die Machthaber der islamischen Republik zu protestieren. Die darauf folgende blutige Niederschlagung der Proteste, massive Verhaftungen und Internierungen führten vor Augen, was den anderen islamischen Ländern der Region bei der Errichtung einer solchen "islamischen Republik" bevorsteht.
Allem Anschein nach setzt sich die Vorstellung von einer parlamentarischen Demokratie in einem säkularen Staat als politischer Ausweg langsam durch.
Nach dem errungenen Sieg in Tunesien und Ägypten stellt sich nun die Frage, wann und wie es der zivilen Gesellschaft im Iran gelingen wird, den islamischen Khomeini-Staat zu beseitigen. Die Jugend im Iran nahm und nimmt in der Protestbewegung einen zentralen Platz ein. Sie ist eine junge, dynamische Generation, die zahlenmäßig die Mehrheit bildet: Mehr als 70 Prozent der 73 Millionen Einwohner Irans sind unter 35 Jahre alt.
Diese Generation, die nach der islamischen Revolution 1979 geboren wurde, stellt (vor allem in den Städten) eine einfache Frage an den theokratischen Staat: Warum ist es mir nicht möglich, so zu leben wie die anderen Jugendlichen auf der Welt? Durch den Zugang zum Internet ist im Iran ein anderes Weltbild und Bewusstsein entstanden. Die Jugend Persiens versucht nun, mit friedlichen Mitteln Freiräume für sich zu schaffen. Es wird über die Grenzen der persönlichen Freiheit, über Chancengleichheit und Zukunftsperspektiven offen gesprochen, wobei der freie Umgang mit dem anderen Geschlecht, die freie Wahl des Studiums, der Bekleidung, der freie Zugang zu Wissenschaft, Kunst und Information gefordert werden.
Der Kern dieser urbanen Mehrheit (bestehend aus vier Millionen Studenten, 65 Prozent davon Studentinnen, und mehr als 16 Millionen Schülern) kennt mehr oder weniger die Errungenschaften der modernen Welt und vor allem die neuen Kommunikationsmöglichkeiten (Internet, Google, Facebook, Twitter und Blogs) und sieht sie als Fenster zur Welt. Besonders die jungen Frauen der Hauptstadt praktizieren Zivilcourage, wie YouTube-Videos eindrucksvoll dokumentieren.
Ohne genaue Kenntnis dieser "unbekannten Größe" kann die mehrheitlich säkulare Opposition im Iran nicht verstanden werden. Sie von außen mit dem Gottesstaat von Khomeini (und seinem politischen Islam) zu assoziieren, ist daher ein großer Irrtum." Hamid Sadr
Veranstaltungsdetails
- Vortrag: Hamid Sadr
- Kommentar: Dr.in Gudrun Harrer
- Moderation: Dr. Peter Lachnit
- Datum: Dienstag, 8. März 2011, 19 Uhr
- Ort: Wiener Rathaus, Volkshalle, 1., Lichtenfelsgasse 2
- Fahrplanauskunft
Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Dr.in Gudrun Harrer
Wissenschafts- und Forschungsförderung (Magistratsabteilung 7)
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