"Der Ruf nach Freiheit. Ein neues Phänomen im Vorderen Orient?" - Wiener Vorlesung am 5.9.2011
Abstract Bert Fragner

Univ.-Prof. Dr. Bert Fragner
Nun ist es schon viele Monate her, dass Aufstände, bürgerlicher Protest und massenhafter demonstrativer Widerstand die "Arabische Welt" ordentlich erschüttert, ja umgekrempelt haben. Jahrzehntelang waren diese Länder - möglicherweise mit der Ausnahme Tunesiens und (bis in die frühen Siebziger Jahre) des Libanons - aus westlicher Sicht für die "Demokratie" abgeschrieben gewesen. In den letzten Jahrzehnten des Kalten Krieges standen nationalistische arabische Staaten, die oft mit der Selbstbezeichnung "sozialistisch" kokettierten, konservativen Staaten gegenüber. Letztere - vor allem traditionalistische Monarchien in Saudi-Arabien, den Golfländern und in Marokko - waren den "Westmächten" der einstigen Weltkonfrontation näher und vertrauter.
Die "sozialistischen" waren gemeinsam mit Titos Jugoslawien, Indien und zeitweilig Indonesien als "Blockfreie" organisiert, Sie versuchten sich in der Rivalität der beiden Weltmächte möglichst neutral zu verhalten. Sie mochten in den letzten beiden Jahrzehnten des sowjetischen Systems diesem immerhin den Rücken freigehalten haben. Der "Westen" hatte sich damals folgerichtig nicht auf sie verlassen, sondern auf die besagten Konservativen. Letztere hassten und fürchteten die nationalistisch, sozialistisch und "fortschrittlich" gestimmten Regimes - mit gutem Grund: Die sozialistische "Volks-Jamâhiriyya" Ghaddafis hatte in Libyen immerhin die Königsmacht vernichtet. Schon lange vor ihm hatten die revoltierenden ägyptischen Offiziere 1953 den damaligen König Farouk entthront. Die "Sozialistische Arabische Republik" Abd an-Nâsers hatte die Vertreibung des jemenitischen Monarchen - des Imams - vorangetrieben. Sozialistisch-nationalistische Regimes hatten sich in Syrien und im Irak festgesetzt. In letzterem Land haben ebenfalls revoltierende Militärs die haschemitische Monarchie unter König Faisal zerstört. Die Regimes in Algerien und im Süd-Jemen (einschließlich der britischen Kronkolonie Aden) folgten auf zum Teil spektakuläre antikoloniale Revolten.
Inwieweit waren unter solchen Bedingungen in einzelnen arabischen Ländern, in denen so unterschiedliche Voraussetzungen geherrscht hatten, überhaupt demokratische beziehungsweise freiheitliche Ansätze für die heutzutage wahrnehmbaren öffentlichen Diskurse gegeben, die ja nun eine erhebliche Rolle bei den Veränderungen im Laufe der letzten Monate gespielt haben?
Immer wieder ist aus westlicher Sicht die These vertreten worden, diese Region sei aus historischen Gründen über Generationen hinweg "demokratie-" und "freiheitsunfähig" gewesen. In meinem Vortrag werde ich mich bemühen, dieser These entgegenzutreten. Welche Argumente kann ich dagegen ins Treffen führen? Werden sie stark und überzeugend genug sein? Letztlich wird von der Ungültigkeit oder Gültigkeit derartiger Thesen abhängen, wie die "Westliche Welt" (sollte sie überhaupt noch in ähnlicher Geschlossenheit wie vor 1990 bestehen) den einzelnen arabischen Staaten und ihren Völkern entgegentreten wird. Das mag wiederum Konsequenzen für künftige Entwicklungen haben, die wir im Moment noch nicht absehen können.
Veranstaltungsdetails
- Vortrag: Univ.-Prof. Dr. Bert Fragner
- Datum: Montag, 5. September 2011, 19.30 Uhr
- Ort: Österreichische Akademie der Wissenschaften, Sitzungssaal, 1., Dr.-Ignaz-Seipel-Platz 2
- Fahrplanauskunft
- Anmeldung:
- E-Mail: andrea.traxler@oeaw.ac.at oder
- Telefon: 0664 805 151 15 10
Eine Veranstaltung der Gesellschaft der Freunde der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Kooperation mit den Wiener Vorlesungen
Wissenschafts- und Forschungsförderung (Magistratsabteilung 7)
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