"Soziale Gerechtigkeit. Fundament für Demokratie und Zukunftsfähigkeit" - Wiener Vorlesung am 24.8.2011

Peripatetische Akademie II: 12. Stadtkulturgespräch der Wiener Vorlesungen beim Europäischen Forum Alpbach

Statement Emmerich Tálos

Unsere Gesellschaft unterliegt seit geraumer Zeit merkbaren Änderungen. Welche sozialen und materiellen Konsequenzen daraus für die Bevölkerung, für Beschäftigte und Beschäftigungslose erwachsen, wird wesentlich auch davon abhängen, an welchen Gerechtigkeitsprinzipien sich staatliche Politik orientiert.

Der Hintergrund der Forderung nach "mehr Gerechtigkeit" wird in einem ersten Punkt an zwei Aspekten aufgezeigt: Erwerbsarbeit und Sozialstaat. Der zweite Punkt geht der Frage nach, was unter sozialer Gerechtigkeit verstanden wird. Im dritten Punkt wird skizziert, mittels welcher Maßnahmen "mehr soziale Gerechtigkeit" erreicht werden könnte. Die Sicherung von Teilhabechancen unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen ist eine wesentliche Basis für die Sicherung der Demokratie.

Statement Michaela Moser

Ob Proteste in Israel, Massen-Kiss-In und Hungerstreik für Sozialreformen in Chile, Demonstrationen in Athen und Madrid oder die jüngsten Unruhen in London und anderen britischen Städten - weltweit wächst der sichtbare Unmut gegen die zunehmende soziale Polarisierung. hundertmal mehr verdienen die zehn Prozent einkommensreichsten Britinnen und Briten im Vergleich zum untersten Zehntel, 26-mal öfter als ihre weißen Altersgenossinnen und Altersgenossen werden schwarze Jugendliche von der Polizei aufgehalten und durchsucht. Weltweit haben die fünf Prozent Ärmsten in den letzten Jahren 25 Prozent ihres ohnehin geringen Einkommens verloren, währen die reichsten fünf Prozent weitere 12 Prozent dazugewonnen haben. Noch gravierender ist die Ungleichheit im Bereich Vermögen. Allein in Österreich verfügen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung über mehr als die Hälfte des privaten Geldvermögens, die beiden unteren Drittel haben praktisch keine oder nur sehr geringe Reserven, wenn nicht Schulden. Wer sich am unteren Ende der Skala findet - und das sind immer mehr Menschen und oft auch viele, die das nie von sich gedacht hätten - lernt schnell, was es heißt nicht nur mit mangelnden Ressourcen, sondern auch dem damit einhergehenden Mangel an Verwirklichungschancen und mit Respekt- und Perspektivlosigkeit zu leben und macht Erfahrungen von vielfältigen Formen der Stigmatisierung und der Angewiesenheit.

Wer von Armut spricht, darf über Reichtum nicht schweigen. Wer nach Gerechtigkeit ruft, muss Fragen nach vorhandenem Unrecht stellen und sich mit den daraus folgenden Realitäten, konkreten Lebensumständen, Bedürfnissen und Handlungsoptionen konfrontieren. Wer nach Gerechtigkeit ruft, muss über Verhältnisse nachdenken und darüber, was Menschen einander schulden. Wer nach Gerechtigkeit ruft, muss Machtfragen stellen und Wege suchen, wie die Teilhabe jener, die über die je geringsten Gestaltungsmöglichkeiten verfügen, gestärkt werden können. Die brennenden gesellschaftlichen Probleme sind nicht - wie David Cameron annimmt - einfach Probleme fehlender Moral und Werte, sie sind auch nicht allein Probleme der Wirtschaft oder des Sozialen. Es sind Probleme der Kultur, also der Art und Weise, wie wir die existenziellen Momente unseres Daseins und damit auch die Erfindung und Herstellung, die Verteilung und den Austausch von materiellen und immateriellen Gütern organisieren und wie wir Beziehungen untereinander leben und gestalten.

Veranstaltungsdetails

Eintritt frei; Anreise und Unterkunft individuell

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Ute Bock

Ute Bock

Foto von Michaela Moser

Dr.in Michaela Moser


Foto von Emmerich Tálos

Univ.-Prof. Dr. Emmerich Tálos

Günter Wallraff bei Vortrag

Günter Wallraff


Ursula Baatz beim Vortrag

Dr.in Ursula Baatz

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