"Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding." Freuds Ödipus im androgynen Rosenkavalier – Wiener Vorlesung am 28. 10. 2011
Aus dem Vortrag "Freuds Ödipus im androgynen Rosenkavalier"

Univ.-Prof.in Dr.in Ruth Klüger
Hofmannsthal begann den "Rosenkavalier" 1909 zu schreiben. Die Erstaufführung fand 1911 in Dresden statt. Freuds Hauptwerk, "Die Traumdeutung", erschien in Wien im Jahre 1900, ungefähr zehn Jahre vor unserem Text. Hofmannsthal gibt vor, eine Tradition fortzusetzen, die er in Wirklichkeit auf den Kopf gestellt hat und hinter sich lässt. Es ist die Tradition eines hochzivilisierten Europa, die zwar dekadent geworden war, aber in Hofmannsthals Kreisen war auch die Dekadenz modisch und willkommen. Er träumte sich ein achtzehntes Jahrhundert, das zwar eine Übergangszeit gewesen war, in der die Macht vom Adel an die aufstrebende Mittelklasse überging – und das wird im "Rosenkavalier" geradezu herausgestrichen, ... , das aber doch unter der Herrschaft der von Hofmannsthal hochgeschätzten Kaiserin Maria Theresia einen verehrungswürdigen Brennpunkt für die nationale Erinnerung abgab. Seiner Heldin, der Marschallin, gab er den Namen der Kaiserin: im Stück wird mehrmals überdeutlich "Marie Theres" in die Szene gerufen. Doch war sich Hofmannsthal wohl bewusst, dass historische Fiktionen keine Rekonstruktionen, sondern Interpretationen sind und sein müssen. In seinem "Ungeschriebenen Nachwort zum 'Rosenkavalier'" von 1911 heißt es: "Es könnte scheinen, als wäre hier mit Fleiß und Mühe das Bild einer vergangenen Zeit gemalt, doch ist dies nur Täuschung und hält nicht länger dran als auf den ersten flüchtigen Blick. Die Sprache ist in keinem Buch zu finden, sie liegt aber noch in der Luft, denn es ist mehr von der Vergangenheit in der Gegenwart, als man ahnt....". Dieser letzte Nebensatz könnte auch ein Leitsatz der neuen Wiener Wissenschaft, der Psychoanalyse, sein...
Hugo von Hofmannsthal, Der Rosenkavalier:
Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding.
Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts.
Aber dann auf einmal,
da spürt man nichts als sie:
sie ist um uns herum,
sie ist auch in uns drinnen.
In den Gesichtern rieselt sie,
im Spiegel da rieselt sie,
in meinen Schläfen fließt sie.
Und zwischen mir und dir da fließt sie wieder.
Lautlos, wie eine Sanduhr.
Veranstaltungsdetails
- Vortrag: Univ.-Prof.in Dr.in Ruth Klüger
- Kommentar: Dr.in Daniela Strigl
- Moderation Dr.in Ursula Seeber
- Datum: Freitag, 28. Oktober 2011, 19 Uhr
- Ort: Wiener Rathaus, Volkshalle, 1., Lichtenfelsgasse 2
- Fahrplanauskunft
Teilnehmerinnen

Dr.in Ursula Seeber

Dr.in Daniela Strigl
Wissenschafts- und Forschungsförderung (Magistratsabteilung 7)
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