"Körperkult und Schönheitswahn zwischen Kontrolle, Korrektur, Normierung, Lifestyle und…?" - Wiener Vorlesung am 5.8.2010

Abstract von Hubert Christian Ehalt

Hubert Christian Ehalt

Univ.-Prof. Dr. Hubert Christian Ehalt

Schöne, trainierte, gestylte, designte Körper stehen heute im Zentrum der alltäglichen Kultur. Die aktuelle Arbeit an der körperlichen Schönheit ist nicht mehr sekundär, sondern entscheidet mehr denn je über Erfolg in der Arbeitswelt und in allen anderen wichtigen Lebensbereichen. Die Körper müssen nicht nur fit und gesund, sondern nach den ständig nachjustierten Schönheitsidealen "geshaped" sein. Die Realisierung der neuen Schönheitsgebote hat den Charakter eines Kultes. Die Intensität, mit der die Schönheitsziele angestrebt werden, hat Wahncharakter.

Die Wiener Vorlesung analysiert also ein Phänomen von höchster gesellschaftlicher Relevanz, nicht an der Peripherie, sondern im Zentrum sozialen Geschehens, das vielfältige Auswüchse hat, die ins Pathologische tendieren.

Der Historiker Univ.-Prof. Dr. Franz X. Eder thematisiert den Schönheitskult aus historischer Perspektive. Die Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien Univ.-Prof.in Dr.in Beate Wimmer-Puchinger beschäftigt sich kritisch mit den negativen Auswirkungen medialer Leitbilder, die vor allem junge Leute zu gesundheitsschädlichen Haltungen und Handlungen disponieren.

Die renommierte Burgschauspielerin Dorothee Hartinger liest zum Thema den Text "Das Muttermal" von Nathaniel Hawthorne. Univ.-Prof. Dr. Hubert Christian Ehalt spricht zur Aktualität des Themas und wird die Diskussion im Anschluss an die Vorträge moderieren.

Abstract von Franz X. Eder

Franz X. Eder

Univ.-Prof. Dr. Franz X. Eder

Der Kult um Körper und Schönheit ist keineswegs eine Erfindung des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts, sondern reicht bis in die Antike zurück. Neu ist allerdings das Ausmaß, in dem der Körper heute ästhetisiert wird und dies nicht nur durch eine gesellschaftliche Elite, sondern alle sozialen Klassen. Konsum und Medien haben Schönheitsideale und Körperimages derart omnipräsent gemacht, dass wir uns ihrer historischen und kulturellen Hintergründe und Bedingungen oft nicht mehr bewusst sind.

Der Vortrag spürt dem Kontext von Diskursen und Visualisierungen der Körperästhetik nach und fragt nach ihren Funktionen in der (spät)modernen westlichen Gesellschaft. Diskutiert werden unter anderem die Veränderungen der konkreten Schönheitspraktiken, die sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr dynamisieren. Neben Fragen der Normierung und Kontrolle sowie der Individualisierung und neoliberalen Selbstführung geht es um die Funktion des Körpers und seiner Schönheit bei der Etablierung und Absicherung der Geschlechterdifferenz sowie von Macht und Herrschaft.

Abstract von Beate Wimmer-Puchinger

"Wahnsinnig schön!?" - Kritische Reflektionen zur Macht des Schönheitskultes

Porträt von Beate Wimmer-Puchinger

Univ.-Prof.in Dr.in Beate Wimmer-Puchinger

Wir verfügen über gesicherte wissenschaftliche Evidenz, dass die immer dichter und aggressiver werdende "Beschallung" mit jungen superschlanken artifiziellen Körperbildern, schon von klein auf über viele Kommunikationsschienen, zunehmend ein selbstbewusstes positives Erleben des Körpers erschweren. Der "perfekte weibliche Körper" (zu 70 Prozent Darstellungen von Frauen) wird zum Statussymbol. Die virtuellen Bilder werden als Norm verinnerlicht. Gesundheitliche Folgen sind eine Zunahme von Essstörungen, ein Anstieg von Body Dismorphic orders und erhöhte Inanspruchnahme von Schönheits-OPs und Korrekturen.

Auch werden Ängste und Unsicherheit geschürt, aus diesem perfekten Rahmen zu fallen. Dass junge Frauen ihr weibliches Genitale ablehnen beziehungsweise dieses auch Objekt von Perfektionsansprüchen wird und daher eine Intimchirurgie in Erwägung ziehen, ist eine weitere kritische Entwicklung. Der perfekte Körper ist zum Globalwirtschaftsmarkt geworden. Strategien, sich diesem krankmachenden Druck zu entziehen, werden zur neuen Anforderung.

Veranstaltungsdetails

Lesung

Dorothee Hartinger

Dorothee Hartinger

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