"Die sieben Todsünden in der Frühen Neuzeit" - Wiener Vorlesung am 14.10.2009
"Am Ende des 18. Jahrhunderts entstand aber auch (aus Gründen, die noch zu bestimmen sein werden) eine ganz neue Technologie des Sexes, die zwar von der Thematik der Sünde nicht ganz unabhängig war, sich jedoch im Wesentlichen dem kirchlichen Bereich entzog." Michel Foucault

"Die Wollust gilt als die schönste aller Sünden. Zutreffender wäre vielleicht, sie die schwierigste zu nennen." Helmut Puff
"Die Kulturwissenschaften und die Naturwissenschaften diskutieren über Sexualität wesentlich im Hinblick auf die Frage, ob sie den naturwissenschaftlichen Gesetzen der Evolution folgt, oder ob sie in der Gestaltungsfreiheit der Menschen liegt. Es geht um die Frage, ob die Verhaltensweisen im Bereich des Sexuellen zu den 'Universalien' des Verhaltens gehören oder ob sie sehr flexibel und gestaltbar sind. Gegenwärtig vermitteln die Life Sciences und die Neurophysiologie - oft recht dogmatisch - die naturwissenschaftliche Vorprogrammierung des Menschen. Die Kulturwissenschaften können dagegen zeigen, wie sehr sich Normen und Werte in der Geschichte verändert haben.
Viele aktuelle Entwicklungen im Bereich des Sexuellen und der medialen Darstellung von Sexualität lassen vermuten, dass das Handeln im Bereich der Sexualität, die Dramaturgie, die Wahrnehmung, Interpretation und Bewertung des Sexuellen gelernt wird. Auch früher, wo der Begriff 'Wollust' seine Gültigkeit hatte - Unkeuschheit war eine der sieben Todsünden -, wurde das, was Menschen darunter verstanden, gelernt (wohl unter mehr oder weniger Sanktionsdruck). Fraglos sind die Menschen - sonst gab und gäbe es nicht Geschichte - flexible Kulturwesen, die ständig neues Handeln, neue Sichtweisen und neue Bewertungen 'ausprobieren' - stets mit Vorlagen, sodass das Lernen eine Rolle spielt.
Die Wiener Vorlesung geht dem Spannungsfeld, in dem die Sexualität der Menschen steht - schuldhafte Sünde, verdiente ersehnte Lust, biologisches Erbe - nach." Hubert Christian Ehalt
Statement Helmut Puff
"Wollust und Sexualität sind allenfalls verwandt, keinesfalls äquivalent. Die Frage, wie eng ihr Verwandtschaftsgrad anzusetzen wäre, ist Ausgangspunkt meiner Überlegungen. Nimmt man das von Michel Foucault für das 19. Jahrhundert diagnostizierte Sexualitätsdispositif der Moderne zum Maßstab, dann besticht die frühneuzeitliche Wollust durch ihre relative Unschärfe. Nicht umsonst besserten die Literati sprachlich gerne nach und sprachen von ‚fleischlicher’ oder anderen Formen der Wollust.
Was Wollust ist, musste, so die These, vermittelt werden. ‚Wollust lernen’ wird einige der Situationen und Kontexte untersuchen, in denen Wollust gelehrt und erlernt, verstanden und missverstanden wurde. Nach einem einleitenden Streifzug durch die Schwankliteratur, sollen die Katechismusliteratur des 16. Jahrhunderts und die Bildkatechese dieser Zeit (in Form von Fresken, Reliefs, Drucken, et cetera) einer systematischen Analyse zugeführt werden – Texte, die Entscheidendes über die Lernziele und Lernsituationen ebenso wie über die mit der Wollust verbundenen Ängste und Potenziale preisgeben."
Veranstaltungsdetails
Vortrag: Univ.-Prof. Dr. Helmut Puff
Einleitung: Univ.-Prof. Dr. Karl Vocelka: 20 Jahre Institut für die Erforschung der Frühen Neuzeit (IEFN) Wien
Moderation: Univ.-Prof. Dr. Hubert Christian Ehalt
Datum: Mittwoch, 14. Oktober 2009, 19 Uhr
Ort: Altes Rathaus, Festsaal, 1., Wipplingerstraße 6-8
Fahrplanauskunft
Eröffnungsveranstaltung zur Internationalen Tagung Die sieben Todsünden in der Frühen Neuzeit anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des IEFN
Wissenschafts- und Forschungsförderung (Magistratsabteilung 7)
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