"Warum die Menschen sesshaft wurden" - Wiener Vorlesung am 18.11.2009

Josef Reichholf

Univ.-Prof. Dr. Josef Reichholf, Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe

Statement Josef Reichholf

"Zu unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, besteht nur ein geringer genetischer Unterschied, aber äußerlich sind wir sehr verschieden von ihnen. Aufrechter, zweibeiniger Gang, weitgehend nackte Haut und ein übergroßes Gehirn prägen uns Menschen. Wir haben Sprache, Schrift und vielfältige Kulturen. Unserer Natur nach sind wir Nomaden. Doch vor etwa 10.000 Jahren wurde im Vorderen Orient der Ackerbau erfunden und feste Siedlungen errichtet. Die neue Lebensweise der Sesshaftigkeit tat den Menschen nicht gut. Erfolgreich war sie dennoch; höchst erfolgreich.

Die gängige Erklärung geht von der Notwendigkeit aus, Ackerbau zu betreiben, weil der Lebensstil des Jagens und Sammelns nicht mehr einträglich genug geworden war. Dieser Ansicht steht entgegen, dass bis heute Jäger und Sammler in weit ungünstigeren Regionen als im 'Fruchtbaren Halbmond' (!) überlebten. Was also war der Grund für das Sesshaftwerden? Die neue Sicht geht nicht vom Mangel, sondern vom Überfluss aus. Wildgetreide wurde zunächst nicht zur unmittelbaren Ernährung benutzt, sondern als vergorenes Getränk ('Bier') genossen. Am Anfang gab es gesellige Zusammenkünfte und Kultstätten. Ackerbau zur Ernährung ('Brot') war die viel spätere Folge, als der 'Luxus' zum Massenprodukt geworden war. Anregende, berauschende Mittel spielten von Anfang an eine besondere Rolle in den Kulturen der Menschen."

Veranstaltungsdetails

Vortrag: Univ.-Prof. Dr. Josef Reichholf
Moderation: Dr.in Ursula Baatz
Datum: Mittwoch, 18. November 2009, 19 Uhr
Ort: Altes Rathaus, Festsaal, 1., Wipplingerstraße 6-8
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