Legasthenie - eine psychologisch-pädagogische Herausforderung

Partielle Lernschwierigkeiten im Bereich des Lesens und Rechtschreibens fanden in den letzten Jahrzehnten stärkere Beachtung als Leistungsprobleme etwa in Mathematik oder in anderen Lerngebieten. Dies mag seinen Grund darin haben, dass Störungen im Lesen und Rechtschreiben eine Schülerin oder einen Schüler in unserer Gesellschaft - trotz vieler integrativer Methodenansätze und -projekte in der Schule - im Wissenserwerb beeinträchtigen. Auch die Schullaufbahn wird mehr oder weniger massiv gestört und damit in die Lebenschancen eingegriffen.

Legastheniekonzepte

Zu dieser Lernstörung gibt es bereits umfangreiche Literatur. Trotzdem besteht Uneinheitlichkeit in den Forschungsergebnissen und den Meinungen darüber, was man unter Legasthenie zu verstehen hat und wie die Therapiekonzepte aussehen sollen. Insbesondere hat der Begriff der Legasthenie einen Wandel durchgemacht.

Die Begründer des Legastheniekonzeptes, im Wiener Schulwesen ist besonders Charlotte Schenk-Danzinger zu nennen, sahen die Legasthenie als partielle Lernstörung bei sonst intakter oder im Verhältnis zur Lese- und Rechtschreibfähigkeit relativ guter Intelligenz. Darauf aufbauende Therapiekonzepte waren fehlertypisch orientiert.

Legasthenie als "psychometrische Kreation"

Die Vielzahl der Störungsbilder und Schwächen ließ sehr bald Kritik am Konstrukt der Legasthenie entstehen. Joseph Torgesen bezeichnete schon früh die Legasthenie als "psychometrische Kreation". Damit weist er auf das eigentliche, in Forschungsberichten immer wieder kehrende, Problem hin, dass das Phänomen der Legasthenie methodenabhängig sei. Das heißt in der Diagnose können unterschiedliche beziehungsweise unterschiedlich viele Schülerinnen und Schüler als Legastheniker bezeichnet werden. Dies hängt also vom Diagnoseinstrumentarium ab, welches wiederum auf die jeweilige Definition der Legasthenie und damit auf das zugrunde liegende Theoriekonzept ausgerichtet ist.

Konzept der Teilleistungsschwächen

Spätere Erklärungsansätze der Legasthenie finden sich in der kognitiven Psychologie und der Entwicklungspsychologie: das Konzept der Teilleistungsschwächen. Eine Störung in einer Grundfunktion der Wahrnehmung hat Lern- und Verhaltensstörungen zur Folge. Dieses Konzept führte die Lese-Rechtschreibschwierigkeiten auf relativ generelle Ursachen für schulische Leistungsschwierigkeiten zurück, die im Wesentlichen schulfachunabhängig sind. Das auf dieser Theorie aufbauende Therapiekonzept hat das spielerische Training der Grundfunktionen zum Ziel. So fördert es indirekt die Lese-Rechtschreibfähigkeit.

Prozessmodell

Eine weitere Alternative in der Legasthenieforschung stellt das Prozessmodell der Legasthenie dar. Dieses orientiert sich an einem Modell der am Lesen und Schreiben beteiligten Teilprozesse. Nach Methodenstreit und Anti-Legastheniebewegung stand damit der Elementarunterricht und die praktizierte Lese- und Schreibmethodik sowie allgemein die Lehrerausbildung auf dem Prüfstand eines durch die Legasthenieforschung geweckten Bewusstseins.

Schlussfolgerung

Unterschiedliche Forschungsansätze, Uneinheitlichkeit in den Förderkonzepten, kritische Analysen und Evaluationsberichte zur Wirksamkeit von schulischer Legasthenikerbetreuung sind keine Irrwege der Pädagogik.

Schule ist eine lernende Organisation. In ihr hat die Forschung auf dem Gebiet der Pädagogik und Psychologie einen wichtigen, sogar unentbehrlichen Stellenwert. Daraus sollen Verbesserungen in Methodik und Didaktik des Unterrichts abgeleitet werden können. Die Kreativität und Flexibilität im Unterricht(en) soll ebenso gefördert werden.

Auch für die wissenschaftlich Forschenden gibt es dabei eine permanente Herausforderung. Die Diagnoseinstrumentarien müssen stets aktualisiert werden, um genau jene Förderinhalte zu erfassen, die den Kindern im Unterricht oder in einem Kurs vermittelt werden. Dadurch kann die Effektivität von Fördermaßnahmen richtig beurteilt werden. Daraus werden entsprechende Erkenntnisse für den Unterricht abgeleitet.

Lösung

Wie kann nun auf die besondere und immer wiederkehrende Kritik in Evaluationsberichten zur Förderung von Legasthenikern reagiert werden die besagen, dass je nach Theoriekonzept und Diagnoseinstrumentarium unterschiedliche und unterschiedlich viele Kinder legastheniespezifische Förderung erhalten und unterschiedlich hohe Fördereffekte erzielt werden?

Die Antwort heißt: Individualisierung - sowohl in Unterricht als auch in Diagnose und Therapie. Individualisierung fordert alle Lehrerinnen und Lehrer in ihren fachlichen und menschlichen Kompetenzen. Lebendige Lehreraus- und -fortbildung sind dabei unentbehrliche Stützen.

Das Ergebnis: Jedes einzelne Kind erhält die Förderung, die den gerade aktuellen emotionalen, sozialen und leistungsmäßigen Bedürfnissen entspricht und die das Kind als ganzheitliche Persönlichkeit erfasst.

Weitere Informationen

Schulpsychologische Beratung des bm:ukk

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